Zwischen zerbrochenen Mauern wuchsen
Pissnelke und Malve
und blickten einander mit Abscheu an.
Die Malve zischte:
„Du riechst nach nassem Schutt
und abgestandenem Regen.“
Die Pissnelke knurrte:
„Und du nach welkem Laub
und muffiger Erde.“
Die Tage verstrichen, schwer und still,
bis eines Abends ein Gewitter aufzog.
Die Blätter der Nachbarpflanzen hingen matt,
selbst die Malve sank fast bis zum Boden,
als hätte sie das Atmen vergessen.
Da beugte sich die Pissnelke,
ein sanftes Raunen im Regen:
„Komm näher, schnell.“
Mit letzter Kraft streckte sich die Malve,
und die Pissnelke legte ihr zartes Dach
über die Malve.
Unter diesem kleinen Schirm aus Farbe
überstand diese das Toben der Tropfen.
Von da an tanzten ihre Blätter im Wind,
streiften einander sanft wie flüsternde Hände,
die Blüten schimmerten im Sonnenlicht,
als hätten sie ein geheimes Einverständnis geschlossen.
Die Bienen schwirrten verwirrt umher,
verirrten sich in diesem neuen, leisen Gleichklang
und summten Staunen in die Luft.
Eines Morgens wuchs zwischen ihnen eine neue Blume,
strahlend wie das erste Licht nach Regen,
mit zartlila Rändern, die sich wie Morgentau
über das Gelb legten.
Die Pissnelke murmelte nachdenklich:
„Wie sollen wir sie nennen?“
Die Malve lächelte:
„Sonnenlicht.“
©Sigrun Al-Badri/ 2026