Die Jahre zwischen zwei Wellen

Verserzählung zum Thema Erinnerung

von  Saira

Ich sehe mich noch immer am Strand,
klein genug,
dass die Welt aus Muscheln bestand
und aus dem endlosen Blau.

 

Salz lag auf meiner Haut
wie ein heimlicher Glanz,
den nur Kinder tragen,
wenn sie stundenlang
mit der Sonne verschworen sind.

 

Sie legte mir Hände auf die Schultern,
warm,
als wollte sie sagen:
Bleib noch.
Du musst noch nichts wissen.

 

Ich roch nach Tang
und nach Stunden,
die sich dehnten
wie Katzen im Licht,
träge, unwillig zu gehen.

 

Der Sand mittags ein Feuer,
abends ein stilles Bett.
Er flüsterte unter meinen Schritten,
als kenne er meinen Namen
lange vor mir.

 

Quallen lagen im Spülsaum
wie durchsichtige Gedanken,
zu zerbrechlich für diese Welt.

Neben ihnen Treibholz,
gebleichte Gebeine
vergessener Stürme.

 

Ich war barfuß.

 

Das Knie blutig,
die Haut ein aufgeschlagenes Heft.
Doch du, Meer …
du branntest und heiltest zugleich.

 

Ich hielt dir meine Wunde hin
wie eine Frage.
Du nahmst sie wortlos an,
wuschst den Schmerz in Erinnerung,
bis nur noch ein fernes Ziehen blieb,
wenn das Wetter umschlug.

 

Der Horizont war damals
keine Grenze.
Nur eine Bleistiftlinie,
die man mit Blicken verwischte.

Ich lief hinein in dich,
bis Zeit an mir hing
wie ein nasser Schleier –
schwer
von geliehenem Glück.

Die Kälte kam plötzlich.
Immer.
Sie biss mir in die Knöchel,
stieg höher,
ein silbernes Tier unter der Haut.

 

Ich schrie,
ich lachte,
rannte zurück ans Land,
zitternd vor Leben,
ohne ein Wort dafür zu kennen.

 

Damals trugen deine Wellen
keine Drohung.
Nur Tiefe.
Nur Rufen.
Nur das Knacken der Muscheln
unter dem Gewicht meines Daseins.

Du sagtest:
Du bist hier.
Und das genügt.

 

Heute stehe ich wieder vor dir,
Jahrzehnte später,
die Hände leiser,
die Schritte vorsichtiger im Sand.

Ich suche das Kind
zwischen meinen Rippen,
dort, wo es manchmal noch sitzt
und mit salzigen Fingern
an Erinnerungen leckt.

 

Ich höre dich jetzt anders.
Dein Blau hat Schwere bekommen,
als trüge es Geschichten,
die niemand zu Ende erzählt hat.

 

Dein Atem geht tiefer,
manchmal stolpernd.
Du bist noch weit,
ja … doch nicht mehr grenzenlos.

 

Ich sehe Netze in deinen Träumen,
Schatten unter der Oberfläche,
ein müdes Glänzen
dort, wo früher nur Licht war.

Deine Wellen heben sich
nur noch zögernd,
als erinnerten sie sich
an eine frühere Kraft.

Unter deiner Oberfläche
treiben Farben,
die niemand benannt hat,
matt geworden
vom langen Aushalten.

Und dort,
wo einst das Leuchten wohnte,
sammeln sich Schatten,
fein wie Staub,
der sich nicht mehr heben will.

 

Und dennoch –
wenn Wind über dich streicht,
erkenne ich ihn wieder,
diesen uralten Ton,
der mich beim Namen ruft,
den ich längst vergessen glaubte.

 

Dann stehe ich da,
eine Frau voll Jahre,
und zugleich das Kind
mit aufgeschlagenem Knie.

Ich suche den Moment,
in dem Kälte, Sonne und Salz
nichts bedeuteten
als Körper.
Leise, glückliche Seufzer.
Mehr nicht.

 

Wenn ich dir heute etwas wünsche, Meer,
dann keine Rettung von fern.
Nur Stille zwischen zwei Stürmen.
Zeit, die nicht genommen wird.
Hände, die lernen,
dich zu halten,
ohne dich zu besitzen.

Denn ich habe begriffen:
Wir können ein Meer berühren.
Doch nicht,
ohne dass es
eine Spur in uns legt
und wir fortan
für ihr Weiterklingen
verantwortlich sind.



 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 eiskimo (05.02.26, 10:55)
Meer-veilleux, chère Saira!  Das rauscht, das trägt, das schmeckt und lässt all diese Lichtmomente wieder wach werden. Damals. Bretagne, der Atlantik, diese Brandung und das Hineintauchen in die sich überschlagenden Brecher; auch Respekt vor der Kraft, die da auf einen einwirkte; der Salzgeschmack im Mund, und am Ende reichlich Sonnenbrand.....
Du sprichst auch die Veränderung an, die Schatten, die sich über und in das Meer legen.
Es berührt mich wieder und noch immer.
Wie gesagt: Meer-veilleux!
Eiskimo
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