Mit dem Rad Richtung Rimini – mitsamt bösem Wolf und einem schwarzen Schaf

Tagebuch zum Thema Reisen

von  S4SCH4

Unwetterwarnung in der Emilia-Romagna, die Nacht über hat es fast durchgeregnet, ich bin froh nicht das Zelt aufgeschlagen zu haben und in einem B&B untergekommen zu sein. Eine Mücke terrorisierte mich, ich terrorisierte mich, aber lassen wir dieses Thema beiseite. Nach meinem Dafürhalten, gab es schon genügend Seelenstriptease auf dieser Reise, dabei hat sie erst begonnen, auch wenn es sich danach anfühlt, als wäre ich in meinem ganzen Leben mit nichts anderem betraut gewesen, mit nichts anderem in Kontakt gekommen, ja, es lässt sich wohl zweifelfrei feststellen: ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen.

Besser oder schlechter, die Frage lasse ich offen und dahingestellt, darum geht es weniger als vielleicht angenommen; natürlich wünscht man es sich zum Besseren, zum Guten, kommt aber bisweilen nicht umhin, die diesbezüglichen Unwetterwarnungen zu beachten und durchzuhalten. Dies nicht verbittert, nicht eisern bis auf den letzten Blutstropfen, auch wenn es scheinbar einen Markt für derartige Idealisten und Märtyrer gibt, solche, denen viele Gourmetwölfe noch das Lammfell hinterherwerfen, damit man sie in den kommenden Wochen zur Schachtbank führen könne.

 

Nichts liebt der Wolf lieber als diese Unschuld, ob Rotkäppchen, ob Lamm, der Speiseplan sieht Ideal und Sterbebereitschaft vor und der Wolf, so selbst daran erstarkt, sieht sich bald als etwas Derartiges, denn auch für ihn gilt: du bist, was du isst.

 

Wölf heulen zum Mond, leben in Rudeln, ihren Familienverbänden und sind mir im Grunde sympathisch, wäre da nicht dieses eben formulierte Vorurteil, dieses halbwegs herbeigedichtete Spinnerei, die dennoch einen gewissen Wahrheitsgehalt aufweist. Vielleich sind es aber nicht nur die Wölfe, sondern es ist der Wolf, der böse Wolf, jemand der enger verwandt ist mit dem schwarzen Schaf, als auf den ersten Blick vielleicht angenommen.

 

Meine Reise soll heute mit dem Rad weitergehen, entlang der Küste des Adriatischen Meeres bis nach Rimini im Idealfall, ansonsten eben soweit die Füße in die Pedale treten oder bis das etwas meine Aufmerksamkeit weckt, etwas Außerordentliches, etwas, das mich einfach ankommen und bleiben ließe.

 

Ein wenig Sorgen macht mir meine körperliche Verfassung. Ich schlief wenig die letzten Tage, bei übermäßigem Stress, bei relativ wenig zu essen und mit magerer Aussicht auf baldige Besserung. Deswegen wird mir regelmäßig schwindelig, dazu habe ich einige Wundstellen, Krämpfe und einfach keine Power.

 

Mich quälen mag ich nicht, mache ich nicht, nicht mehr, aber dieser Wolf, der mit mir läuft schaut mit seinen Augen aus dem Unterholz heraus und seine Augen leuchten in der letzten Stunde vor dem Morgengrauen, ganz so, als würde ihm die Sonne bald aufgehen, ihm der lange zum Mond heulte und der ein begründetes Interesse an diesem seit Tagen nun schon ausgiebig lamentierendem Lamm besitzt.

 

Survival of the fittest! Das der Wolf in der Regel überlebt, leuchtet den meisten unmissverständlich ein, dass ihm gegenübergestellt aber ein Jammerlappen und ein Schäfchen, das fern seiner Herde und eines Hirten überleben solle, damit selbiges tut, schon weniger.

Ich frage ja in diesem Zusammenhang nicht einmal danach, wer die Karnevalsklamotten für diese Veranstaltung herausgäbe und einen Wolf zum Wolf machte und das Lamm zum Lamm, aber es scheint ein Spiel mit Tieren zu sein, von etwas, dass weder tierisch noch vornehmlich menschlich ist … eher neidisch darauf und um die Gassen dieser Existenzen schleichend; es ist ein Ton, ein Blick, ein Windstoß, nicht von dieser Welt und nicht für diese Welt, gegen und dagegen, im Wege stehend, nicht zum Umgang, sondern zum Unfall, nicht zum Leben, sondern um darüber zu schweigen. Etwas, das keinen Namen hat, aber alle Namen kennt …. doch genug mit den Geistergeschichten, mit vermeintlicher Paranoia, genug mit dem bösen Wolf, der die schweigenden Tränen der Lämmer in sein Poesiealbum einfasst und damit Aquarelle seines Hungerzorns malt.

 

Der Antritt der Reise stand mir unter dem Zeichen, dass ich zu mir fände, etwas Neues sehe, den Mut zum Leben erneut wiederfände uns so weiter. Dass nun ausgerechnet das Gegenteil eintritt, verwundert mich eigentlich nicht, also kaum, macht die Sache aber dennoch bitter und verwerflich. 

Das Schicksal lässt sich nicht erweichen, ihm lässt sich nur begegnen, es spielt ein eigenes Spiel mit den - aus deinem Holz geschnitzten - Soldaten. Ferner geht das Schicksal ganz offensichtlich in Sadomasoklubs oder in die Kirche, und es kommt dort nicht selten mit einem geschwollenem Arschloch wieder raus und ruft: „Bis auch die Wolken wieder lila sind!“ 

 

Noch ist es dunkel über Ravenna, die Sonne wird in etwa einer Stunde aufgehen, die Morgendämmerung klopft langsam an, mein Magen knurrt, ich schaue lammfromm aus dem Fenster und erhoffe mir für den Sonnenaufgang nur eins:

 

Bitte keine lila Wolken.



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