Vom Rad, das gefesselt im Foyer steht und vom Harry Houdini, der wieder einmal fehlt

Tagebuch zum Thema Reisen

von  S4SCH4

Ob es wohl noch dasteht? Mein Fahrrad? Ob es noch intakt ist? Das sind Fragen mit denen ich aufwache, in der Nacht, wieder einmal aufwache, wieder einmal eine Nacht, die ich nicht durchschlafen werde. Wahrscheinlich trieb ich es zu bunt vor meiner Abreise, will sagen: ich war zu nachtaktiv, schlief nur tagsüber vereinzelt und des Nachts rudimentär.

Sei es drum, sage ich, wenn ich nicht schlafen kann, dann stehe ich eben auf, schreibe etwas, esse ein Sandwich, denn davon habe ich noch eine ganze Menge, trinke Blutorangensaft und tue alles, nur nicht wach liegen, mich hin- und her wälzen, die Decke anstarren und über Dinge grübeln, Dinge, die ich de facto von dort wo ich mich befinde (Standpunkt) nicht wissen kann - aber ganz offenkundig wissen soll. Es wissen sollen, durch regungsloses vegetieren, durch ein wankelmütiges Ping-Pong Spiel des für und wider, dessen einziger Ausweg, ab einem gewissen Zeitpunkt, nur noch darin bestünde, bloß nicht zu sehr daran zu denken, nicht anzuhaften, wie man so schön sagt, los zu lassen im besten Fall, und die Gedanken zu töten im schlechtesten Fall.

 

Derlei Denksportaufgaben scheinen nicht nur mir unerklärlich, sie verhalten sich zu sich selbst ebenso, sind demgemäß destruktiv bis widersinnig, aber von Natur aus, vielleicht mag diese Widersinnigkeit, die Natur selbst sein, eben die, über die man sinniert und nur sinnieren kann?
Warum das allerdings gemacht werden soll, erschließt sich mir nicht, ein einzelner Grund läge vielleicht in der Vorliebe zu Fesselspielen, auch Bondage genannt, etwas, das man im Bett eben so mache und einvernehmlich mit sich machen ließe, nur gehören zu jenen frivolen Spielen in der Regel zwei dazu und es ist daher nicht die Harry Houdini like Entfesselungskunst die man an den Tag – pardon: an die Nacht – zu bringen, genötigt wird. 

 

Das Fahrrad soll also angeschlossen da bleiben, die Gedanken sollen gelöst fortgehen oder fortbleiben, ein Schelm wer da böses denkt und es fragt sich schon, was die Konklusion aus beiden Pflichtsätzen sei und kommt relativ schnell auf den weiterführenden Gedanken, man solle sich eben gerade dieser Pflicht befreien, die Pflicht zur Pflichlosigkeit verstehen, schüttelte aber wahrscheinlich im nächsten Moment schon wieder den Kopf, dächte an die Hartnäckigkeit mit der dieser Widersinn her grassierte, fürchtete vielleicht den Beelzebub höchstpersönlich und läge damit vielleicht nicht mal ganz falsch.

 

Meine selbstgewählte Zelle hier im Lost Place Hotel, so nenne ich es jetzt einfach mal, die ich nicht einmal in Richtung Balkon heute Nacht verlasse, sieht mir nicht grundlos nach eben sowas aus (Zelle), ich befürchtete es bereits heute Mittag, also dass mir dieser Eindruck noch eindringlich kommen würde, sehe nun, nicht falsch damit gelegen zu haben und harre der Dinge, die da folgen mögen und gewissermaßen unausweichlich scheinen.

 

Eisern und tapfer, wie ein Lamm, das den gemeinen Wolf noch füttern wird, vom eigenem warmen Blut und mit dem zarten Fleisch, das auch Nachts nie zur Ruhe kam, warte ich, vielleicht ist es perfiderweise sogar das Warten auf Erlösung, eine Erlösung von gottverdammter Einsamkeit, von einem lamentieren, von einem gegen-den-Strom-schwimmen und dergestalt das Gegenübertreten eines Paktes aus Gott und aus Teufel, der den Menschen wieder „richtig“ mache und ihm seine Last schließlich abnehme.

Dieser Pakt lässt sich nur als der Weg der ewigen Loser bezeichnen, niemand hätte es je vollbracht, die Dinge auf gerader Spur zu halten, zu lenken und zu steuern, es scheint der letzte Akt einer Sabotage zu sein, von der man später sage, sie sei selbstgemacht, nicht nur, weil Gott in jedem von uns ist und wir unser eigener Teufel sind, sondern, weil niemand je den Schneid haben wird dafür einzustehen.

Versagen auf ganzer Linie, Wut und Demütigung, sie mögen in Trauer und Demut umschlagen, geplant, notgedrungen, das Chaos ist perfekt, der Packt geheiligt, gebilligt durch menschliches Dafürhalten, das, ob es nun zum Wesen desjenigen passe oder nicht, hingenommen wird oder abgenommen. Was übrig bleibt vom Sprengstoff Mensch ist seine Gefahrgutplakette, die auf der Stirn wie ein Kainsmal eingebrannt zur Schau steht, was wiederum Anlass für die Schaar der illustren Engel sei, sich der Sache anzunehmen, etwas zu entschärfen, am Menschsein zu arbeiten usw. 

 

Wir sehen: es gibt keine Freiheit, kein eigener Wille ist da, nur Lug und Trug im Argen, dies mittels dem Packtieren, dem Entschärfen und dem Dafürhalten eines Menschen, der selbst nicht weiß warum und eben solange malträtiert scheint, bis er wieder "daran glauben" könne. An das Böse und das Gute glauben, das sich nun wieder separiert, keine Spuren einer Gemeinsamkeit hinterlassen möchte und nie dagewesen die Zeit und den Raum mit sich nimmt, zusehend, wie dem Menschen dieses Vakuum und diese Luftlöcher in der Pipeline zu Kopfe steigen und ihn, wie dies bereits die Engelchen täten, ebenso bearbeiten.

 

Wem nun etwas abhandenkam, dem sei gesagt, selbstschuld, gefesselt am Lesen oder Schreiben sein ist eben dies: Fesselnd. Dazu noch weise Worte, die tänzelnd und leicht ins Gemüt kommen, des Beelzebub süße Zunge lacht, Gott wird vergessen und verzeihen und du bleibst mit allen allein, ein Lamm im Licht, ein Wolf in der Nacht und dazwischen die Zwischenmahlzeit aus all den übrigen Gaben, die man sich auflud, im Rausch und Gier einkaufte und die nun verdaut werden wollen.

 

Na dann: Prost Mahlzeit!



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online: