Lost Place Hotel - herbstliche Emilia-Romagna

Tagebuch zum Thema Reisen

von  S4SCH4

So landete ich mit meiner Hotelbuchung zum Schnäppchenpreis doch tatsächlich hinter einer dieser im Tiefschlaf befindlichen Jalousien, wie ich sie mir vorhin, aus dem Norden kommend, noch vielfach angeschaut hatte und befinde ich mich nun auf etwa 9 Quadratmetern, die solide ausgestattet sind. Ferner gibt es einen Balkon, auf welchen ich keinen Schritt tun werde, auch wenn er nett aussieht und die Aussicht etwas hat, bereitet mir die Sichtprüfung der Statik Fragwürdiges, um nicht zu sagen einen Fluchtreflex. Dies aber ist auch nichts Neues, alles was oberhalb eines zweiten Stockwerkes liegt, ob in einem Wohnhaus, einer Kirche, einer Burg oder einem Hotel, das meide ich geflissentlich, ich halte es nicht aus so weit oben, das Herabschauen bringt mir Schwindel ein und hochschauen tue ich grundsätzlich nicht mehr, auch wenn der Weg in den Himmel ein direkterer wäre, verglichen mit der Rennerei und Fahrerei unter Bäumen, Häuserdächern und allerhand Straßenlaternen.

 

Hungrig solle man nicht einkaufen gehen, meinen weise Menschen und sie haben recht, man kauft mehr als es bedarf und hat hinterher Essen und Trinken im Überfluss. Der Spruch gilt erst recht, wenn man allein reist und nur einen Tag an einem Ort verweilt, keine Vorratshaltung sein Eigen nennt und ohnehin auf Genaueste mit seinem Platzbudget haushalten muss. Von den Unmengen Sandwich, die ich im Zuge meines Einkaufes erstand, aß ich zwei, dazu einen Salat mit Thunfisch, trank einen Liter Orangensaft dazu und ich habe immer noch mehr als genug Vorrat. Es würde mir sehr missfallen, morgen etwas zurückzulassen, fortzuschmeißen oder in mich reinzustopfen.

 

Während des Einkaufens ereignete sich jedoch auch ein Glücksfund, etwas was ich suchte, aber bereits abgeschrieben hatte, etwas, das ich brauche um auf meinem Laptop zu schreiben, nämlich einen Adapter vom italienischen Typ L auf den Schukostandard. Solch einen Adapter nun erhalten, brauche ich auch keine Sorge mehr vor älterer Infrastruktur der Elektroinstallation zu haben, bei der ich für den Laptop keinen Strom erhielte ohne solchen Adapter.

 

Draußen ist es nunmehr finster, meine Jalousie ist halbgeöffnet, die hübschen Laternen leuchten um die Gehsteige und erhellen die Straßen. Der Herbst macht auch vor südlichen Gefilden keinen Halt, er weiß sich zu behaupten, überzieht die Straßen und Wege mit bunten Laub und allerhand Zeug, das, sobald es mit dem Rad überfahren wird, aufheult oder zetert, erst recht, wenn die Zuladung - des an sich schon schweren Trekkingfahrrads - 20 Kilogramm und mehr beträgt, vom Fahrer ganz zu schweigen. Ja, ganz und gar zu schweigen. 

 

Ein Stück weit erinnert mich dieses Hotel an ein bewohnbares Lost-Place Gebäude, die Mystik wird befeuert von solchen Geschichten wie: ich sah bereits viele Menschen hineingehen, an der unbesetzten Rezeption und dem unbelebten Foyer vorbei, aber ich sah nur wenige wieder hinausgehen. Mein Fahrrad parkt jetzt eben in diesem Foyer, im Empfangsraum, es ist angeschlossen und schwer, ohne eingesetzten  Akku, den nahm ich zum Laden mit aufs Zimmer und ich hoffe inständig, mir ist es damit sicher genug. Nicht das ich den privaten Mietern im Erdgeschoß, die scheinbar auch Zutritt zum an sich abgeschlossenen Bereich haben, dort vielleicht sogar arbeiten, etwas negatives unterstellen möchte, doch ihre Feierlaune lockt scheinbar noch einige Leute an, dies zu lautstark abgespielten Liedern wie „Bella Ciao“ und ähnlichem Traditionswerk italienischer Kultur. 

 

Neben meiner Parzelle in diesem Hotel befindet sich der Fahrstuhl. Dieser, sehr laut und deutlich, wenn er Arbeit verrichtet, als möchte er auch ja alles und jeden darauf aufmerksam machen, ist wahrscheinlich noch aus den 70ern, trägt stilecht dunkles auffälliges Furnierholz an den Außentüren und auch im Inneren, ein darin liegender Teppichfetzen für den Untergrund - sehr schick - und klobige Betätigungsknöpfe für die Etagenwahl, zeugen alles in allem von einer Zeit, in der wahrscheinlich auch die im Inneren aufgedruckte Telefonnummer für den Störfall des Fahrstuhls noch aktuell war. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass mir Fahrstühle grundsätzlich schon missfallen, aufgrund der damit oft einhergehenden grundsätzlichen Höhe des Gebäudes, doch ich benutze sie in Ausnahmefällen, um mein Gepäck nicht die engen Treppen herauszuschleppen.

 

Die Müdigkeit der letzten Tage macht sich nun bemerkbar, denn viel geschlafen habe ich nicht, nicht zuletzt deswegen wollte ich heute nicht allzu viele Kilometer radeln, ich werde mich satt essen und faul einpennen, um morgen hoffentlich wieder fit und fest im Sattel zu sitzen.



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