Aus der Tabbaccheria, in der Nebensaison, neben einem Dackel
Tagebuch zum Thema Reisen
von S4SCH4
Cervia, circa 30 Kilometer vor Rimini und 30 Kilometer nach Ravenna wird mich für den heutigen Tag und die Nacht beheimaten. Ich fuhr durch die Ortazzo Feuchtgebiete, durch eine Flusslandschaft mit vielen Fischerhütten und daneben mit einer ausgedehnten Waldlandschaft, bestehend aus allerhand Kiefern rund um die Adriatische Küste. Eigentlich wollte ich ja weiter nach Rimini, da ich noch Zeit hatte und das Wetter wirklich hervorragend wurde, stoppte dann aber hier in Cervia um ein superbes Thunfisch Sandwich und drei Dosen Softdrinks zu verputzen, nebenbei mein Mobiltelefon zu laden, dass ich für die Navigation meiner Route nutzte, und hatte den spontanen Einfall zu bleiben.
Dieser Ort, wenn auch längst nicht alles an Geschäften geöffnet hat, hat seine durchaus schönen Seiten, nach den Hotellandschaften weiter nördlich der Küste, deren heruntergelassene Jalousien vor den Fenstern wie im Tiefschlaf anmuten, wirkt er sogar etwas wach und eher lebhaft.
Die Straßen sind schöne Alleen, die Cafés haben einen adretten Charme, der wohl auf die Touristen im Hochsommer zurückgeht. Diese leichte Schläfrigkeit und die Eloquenz, die sich hier zu dieser Jahreszeit im frühen Oktober miteinander verbindet, bringt ein besonderes Gefühl der Leichtigkeit mit.
In der Tabaccheria ist - wie auch in den vielen Cafés - das Einheimische angesagt, keine Touristen, sondern Bekannte, Nachbarn, Freunde, Familie. Focaccia liegt aus, Wein und Aperol Spritz wird serviert, laute Gespräche, Lachen und immer wieder Telefonate.
Ein Dackel liegt unweit von mir vor der Fensterfront des angebauten Wintergartens und schaut raus und legt sich wieder zu einer Wurst zusammen; zweifelsohne, mit ihm fühle ich mich weniger allein, sogar ein wenig als ein Teil der eingeschworenen Gemeinschaft. Ab und an dackelt er ab, wohl nachsehen ob Frauchen noch zugegen ist. Ein treuer Hund.
Das Zimmer im Hotel bekam ich zum Schnapperpreis von 30€, dachte ich mir, doch noch antwortet niemand in Bezug auf die Check-in Zeit. Dort, vor Ort, war ich bereits, stand vor der Tür, war verschlossen, das Läuten der Klingel blieb ohne Reaktion, niemand zugegen, ich sitze und warte eine Weile, bis ich schließlich merke wie mich eine Hundertschaft Mücken umschwirren und nicht nur das, sie haben zu meinen nackten Unterbeine gefunden und stechen und saugen, ohne zu fragen, ohne Danke zu sagen. So vertrieben mich die fiesen Mosquitos schließlich nach etwa einer halben Stunde, woraufhin sich mein Weg über die geschilderten Alleen entlangführte, hierher in die Tabaccheria.
Ein wenig beginnt es nun zu bressieren: warum ich nicht weiterfuhr, warum ich hier einfach abhänge, gammle, warum ich nicht irgendwas tue, irgendwas, dass Wölfen und Schweinehunden imponierte.
Mir verlangt es seit Tagen nach Fisch, ich liebe Fisch, und freue mich schon darauf ihn eines kommenden Tages in guter Gesellschaft zu genießen. So lange halte ich mich über Wasser, lasse die Fische Fisch sein. Eine durchaus verheißungsvolle Lokation sah ich diesbezüglich heute am Hafen irgendwo ein Stück weiter nördlich. Es war eine lange und breite Tresen- und Kochlandschaft mit allerhand herabhängenden Pfannen, Grillvorrichtungen und derlei, was mich, aufgrund der Tatsache, dass ebenfalls eine Menge Fischerboote dort anlagen, zu dem Schluss brachte, es handele sich wohl um einen Fischmarkt und ein Ort für variationsreiche Fischzubereitung.
Das erste Mal als ich heute das Meer roch wird mir noch eine Weile in Erinnerung bleiben, es hat immer etwas Frisches, etwas Salziges, sowohl für die Seele, als auch für die Wunden. Beides trägt man zwangsläufig mit sich herum und der Geschmack von Salz erinnert mich derart beides. Beides ist dieser Tage äußerst gespannt, in Aufruhr, offen und in Erwartung von Neuem.
Was heute angesagt ist, ist vielleicht der Fisch, vielleicht gesalzen, leichter Italo-Poprock wie er gerade im Radio läuft und stimmig herpasst, vielleicht ein wenig Wunden lecken, dies nur wäre ich ein Dackel, ich nehme Vorlieb mit der Wundheilung durch meine mitgeführte Reiseapotheke, darunter bisher leider noch kein Antimückenmittel, aber was nicht ist kann ja noch werden.
Die Sonne lacht in Cervia, fürs Erste …
molto bene und ciao.