Ich bin etwas schief ins Leben gebaut – Ringelnatz-Programm (1)

Betrachtung

von  klausKuckuck

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Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte
vor dem Wilberforcemonument


Guten Abend, schöne Unbekannte!

Es ist nachts halb zehn.

Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?

Wer ich bin? 

Liebes Kind, ich werde Sie belügen,

Von uns beiden bin ich der Gescheitere.


Glaub mir, liebes Kind:

Wenn man einmal in Sansibar

Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,

Dann merkt man erst, dass man nicht weiß,

Wie sonderbar 

Die Menschen sind.

Übrigens war ich in Altona an der Elbe 

Schaufensterdekorateur. (Tuten)


Hast du das Tuten gehört?

Schiffsbauchmusik,

Die Wilson Line,

Wie? Ich sei angetrunken?

O nein, nein! Nein! Ich bin völlig besoffen

Und hundsgefährlich geistesgestört.


Wie du misstrauisch neben mir gehst!

Wart nur, ich erzähl dir 

Von mir:


Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.

Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,

Ich bin eine alte Kommode.

Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;

Manchmal mit Fußtritten geschlossen.

Du – der wird kichern, der nach meinem Tode

Mein Geheimfach entdeckt.

Ach Kind, wenn du ahntest,

Wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!

Ich habe auch kein richtiges Herz.

Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.

Mein richtiges Herz, 

Das ist anderwärts,

Irgendwo Im Muschelkalk.



Ein großer Seemann wollte er werden, der kleine Herr aus dem sächsischen Wurzen, weil er aber kurzsichtig war, gings schief. Er musste sich als Agent durchschlagen, probierte es als Archivar und Dekorateur, war Bibliothekar bei Baron von Münchhausen, versuchte sich als Fremdenführer und Gartenbauschüler und gab im Telefonbuch, weil es nach Höherem klang, als Beruf Kunstmaler an. Vielleicht seiner Frau Leonarda zuliebe, die er Muschelkalk nannte, Tochter eines Bürgermeisters einer märkischen Kleinstadt, deren sanfte Bürgerlichkeit so gar nicht zu der vagabundierenden Unvernunft des Joachim Ringelnatz passte, der eigentlich Hans Bötticher hieß: geboren am 7. August 1883. „Der letzte Bajazzo des literarischen Kabaretts“, wie man ihn bewundernd genannt hat. 


Die Nazis verbrannten seine Bilder, setzten seine Bücher auf die schwarze Liste, und per Verfügung vom 12. April 1933 wurde das „geplante Auftreten des Schriftstellers Joachim Ringelnatz in der Künstlerkneipe Simplizissimus zum Schutze von Volk und Staat" von der bayerischen Polizei untersagt. Um leben zu können, machte er seifenblasenbunte Reklame-Verse: 


Es wechseln die Moden,

Aber der Hosenboden

Bleibt sinngemäß

Immer unterm Gesäß.


Für die Sektfirma Deutz & Geldermann dichtete er:


Hast du einmal viel Leid und Kreuz,

Dann trinke Geldermann und Deutz,

Und ist dir wieder besser dann,

Dann trinke Deutz und Geldermann.


Der Schauspieler Paul Wegener hat diesen unmöglichen, unverzagten, unermüdlich Unsinn in Dichtung umwünschenden Sternengucker Joachim Ringelnatz so beschrieben: „Er war ein Mensch, der am liebsten die Blumen im Teppich begossen hätte, weil die niemals Wasser bekommen.“

Am 17. November 1934 starb Ringelnatz in Berlin. Bei der Beerdigung spielte die Orgel sein Lieblingslied: La Paloma.


Ich weiß nicht, was man Ringelnatz auf seinen Grabstein geschrieben hat. Unter seinen Gedichten wäre da ein Vierzeiler gewesen:


Ich deute euch jederzeit

Falsches und Wahres,

Und Wunderbares

Der bunten Winzigkeit.



„Es gibt nicht so viele Dichter, aber Ringelnatz ist einer.“ Kurt Tucholsky hat das gesagt.  „Es fällt mir gar nicht ein“, schreibt er, „über ein Pathos, das mir nicht zugänglich ist, Witze zu machen – aber mir sagt Heroisches wenig, Pathetisches wenig, Hymnisches wenig. Dagegen sehe ich in manchem Blankvers – Ringelnatzens tiefstes Leid – man kann dasselbe auch sehr ernst sagen, aber dann ist es nicht ganz so wirksam. So ist mir eine seiner Figuren, die nachts, mit durchaus bemachten Hosen durch die Straßen schleicht, immer als wirklicher Gott des Leidens erschienen. Er denkt, nun sei alles aus – eine Wohnung hat er nicht, frische Hosen hat er nicht … weil aber der Morgen kommt – geht es so weiter mit der Komödie des Lebens, geht es immer so weiter.



Gedicht über einen, dem alles danebenging


Ich war aus dem Kriege entlassen,

Da ging ich einst weinend bei Nacht,

Weinend durch die Gassen.

Denn ich hatte in die Hosen gemacht.

   

Und ich habe nur die eine

Und niemanden, wo sie reine

Macht oder mich verlacht.

   

Und ich war mit meiner Wirtin verquer.

Und ich irrte die ganze Nacht umher,

Innerlich alles voll Sorgen.

Und sie hätten vielleicht mich am Morgen

Als Leiche herausgefischt.

Aber weil doch der Morgen

Alles Leid trocknet und alle Tränen verwischt … (Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen)


– Fortsetzung folgt –




Anmerkung von klausKuckuck:

Ringelnatz-Programm in Dresden
Das Schönste und das Wichtigste in acht Folgen
Gedichte, biografische Notizen
Live-Mitschnitt in einem etwas halligen Saal

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Kommentare zu diesem Text


 tueichler (21.02.25, 14:55)
Was für eine schöne Homage an den großen kleinen Ringelnatz!

 klausKuckuck meinte dazu am 23.02.25 um 01:13:
Danke, tueichler! Homage trifft es – der Begriff stand leider nicht zur Auswahl.
Gruß KK

 Lluviagata (22.02.25, 09:45)
Wo um alles in der Welt warst du hier, Lieblingsputte? 
Das nächste Mal bitte ich um eine dringende Einladung! 

♥♥♥

 klausKuckuck antwortete darauf am 23.02.25 um 01:07:
Dresden liegt schon eine Weile zurück, beste Llu, arrangiert hat das Programm damals ein Studienfreund von der Esseneer Folkwanghochschule (er Grafik, ich Schauspiel). Von der Stadt war ich begeistert: aufgeräumter und weltstädtischer als Düsseldorf – mein Eindruck. Dorthin würde ich gern noch mal (Semper-Oper: z. B. Konzert mit Herbert Blomstedt am Pult). Wenn da was klappt, melde ich mich.
Grüße ins schöne Sachsen, Peter.

 Lluviagata schrieb daraufhin am 24.02.25 um 08:16:
Das wäre toll! Dann gehen wir auch zusammen ins Nymphenbad und bewundern die schönsten Putten der Welt. ♥
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