Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte
vor dem Wilberforcemonument
Guten Abend, schöne Unbekannte!
Es ist nachts halb zehn.
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
Wer ich bin?
Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
Von uns beiden bin ich der Gescheitere.
Glaub mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, dass man nicht weiß,
Wie sonderbar
Die Menschen sind.
Übrigens war ich in Altona an der Elbe
Schaufensterdekorateur. (Tuten)
Hast du das Tuten gehört?
Schiffsbauchmusik,
Die Wilson Line,
Wie? Ich sei angetrunken?
O nein, nein! Nein! Ich bin völlig besoffen
Und hundsgefährlich geistesgestört.
Wie du misstrauisch neben mir gehst!
Wart nur, ich erzähl dir
Von mir:
Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Du – der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt.
Ach Kind, wenn du ahntest,
Wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!
Ich habe auch kein richtiges Herz.
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
Mein richtiges Herz,
Das ist anderwärts,
Irgendwo Im Muschelkalk.
Ein großer Seemann wollte er werden, der kleine Herr aus dem sächsischen Wurzen, weil er aber kurzsichtig war, gings schief. Er musste sich als Agent durchschlagen, probierte es als Archivar und Dekorateur, war Bibliothekar bei Baron von Münchhausen, versuchte sich als Fremdenführer und Gartenbauschüler und gab im Telefonbuch, weil es nach Höherem klang, als Beruf Kunstmaler an. Vielleicht seiner Frau Leonarda zuliebe, die er Muschelkalk nannte, Tochter eines Bürgermeisters einer märkischen Kleinstadt, deren sanfte Bürgerlichkeit so gar nicht zu der vagabundierenden Unvernunft des Joachim Ringelnatz passte, der eigentlich Hans Bötticher hieß: geboren am 7. August 1883. „Der letzte Bajazzo des literarischen Kabaretts“, wie man ihn bewundernd genannt hat.
Die Nazis verbrannten seine Bilder, setzten seine Bücher auf die schwarze Liste, und per Verfügung vom 12. April 1933 wurde das „geplante Auftreten des Schriftstellers Joachim Ringelnatz in der Künstlerkneipe Simplizissimus zum Schutze von Volk und Staat" von der bayerischen Polizei untersagt. Um leben zu können, machte er seifenblasenbunte Reklame-Verse:
Es wechseln die Moden,
Aber der Hosenboden
Bleibt sinngemäß
Immer unterm Gesäß.
Für die Sektfirma Deutz & Geldermann dichtete er:
Hast du einmal viel Leid und Kreuz,
Dann trinke Geldermann und Deutz,
Und ist dir wieder besser dann,
Dann trinke Deutz und Geldermann.
Der Schauspieler Paul Wegener hat diesen unmöglichen, unverzagten, unermüdlich Unsinn in Dichtung umwünschenden Sternengucker Joachim Ringelnatz so beschrieben: „Er war ein Mensch, der am liebsten die Blumen im Teppich begossen hätte, weil die niemals Wasser bekommen.“
Am 17. November 1934 starb Ringelnatz in Berlin. Bei der Beerdigung spielte die Orgel sein Lieblingslied: La Paloma.
Ich weiß nicht, was man Ringelnatz auf seinen Grabstein geschrieben hat. Unter seinen Gedichten wäre da ein Vierzeiler gewesen:
Ich deute euch jederzeit
Falsches und Wahres,
Und Wunderbares
Der bunten Winzigkeit.
„Es gibt nicht so viele Dichter, aber Ringelnatz ist einer.“ Kurt Tucholsky hat das gesagt. „Es fällt mir gar nicht ein“, schreibt er, „über ein Pathos, das mir nicht zugänglich ist, Witze zu machen – aber mir sagt Heroisches wenig, Pathetisches wenig, Hymnisches wenig. Dagegen sehe ich in manchem Blankvers – Ringelnatzens tiefstes Leid – man kann dasselbe auch sehr ernst sagen, aber dann ist es nicht ganz so wirksam. So ist mir eine seiner Figuren, die nachts, mit durchaus bemachten Hosen durch die Straßen schleicht, immer als wirklicher Gott des Leidens erschienen. Er denkt, nun sei alles aus – eine Wohnung hat er nicht, frische Hosen hat er nicht … weil aber der Morgen kommt – geht es so weiter mit der Komödie des Lebens, geht es immer so weiter.
Gedicht über einen, dem alles danebenging
Ich war aus dem Kriege entlassen,
Da ging ich einst weinend bei Nacht,
Weinend durch die Gassen.
Denn ich hatte in die Hosen gemacht.
Und ich habe nur die eine
Und niemanden, wo sie reine
Macht oder mich verlacht.
Und ich war mit meiner Wirtin verquer.
Und ich irrte die ganze Nacht umher,
Innerlich alles voll Sorgen.
Und sie hätten vielleicht mich am Morgen
Als Leiche herausgefischt.
Aber weil doch der Morgen
Alles Leid trocknet und alle Tränen verwischt … (Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen)
– Fortsetzung folgt –