Weggehen 7 (Sommerküche)

Text zum Thema Freude

von  Ganna

Zuerst richteten wir uns unter der großen Eiche unten am Fluss eine Sommerküche ein. Ich baute aus noch vom Vorbesitzer umherliegenden Brettern Tisch und Bänke. Daneben legten wir unsere Feuerstelle an. Große Steine dienten uns zum Sitzen beim Kochen. In einer großen Plastiktonne mit Deckel verstauten wir die Lebensmittel, Töpfe und Geschirr wurden einfach auf dem Boden gelagert. Alle schmutzigen Teller warteten unten im Fluss darauf, abgewaschen zu werden. Die Fische gewöhnten sich an die regelmäßigen Fütterungen und wieder ließen sich Angler auf der anderen Flussseite nieder.

An all das musste ich mich erst einmal gewöhnen. Der Ruß vom Feuer bedeckte die Töpfe außen mit einer dicken, schwarzen Schicht. Es war sinnlos, diese abzuwaschen. Damit die Hände nicht schwarz wurden, wurden Töpfe nur mit Handschuhen angefasst, auch beim Abwaschen.
Conny kochte jeden Tag Gemüseeintopf. Dazu schnitt sie alles, was sie an Gemüse aus dem Garten holen konnte, sowie die geeigneten Kräuter in mundgerechte Stücke, gab Wasser dazu und warf einen Brühwürfel hinein. Ich erinnere mich gut an die ersten Male, als ich sah, wie der Wind Asche in den Topf wehte, der auf dem Feuer stand. Da musste sich mein Verstand einschalten und mir sagen, dass Asche von Holz aus dem wilden Wald weder chemisch belastet ist, noch bakteriell verseucht sein kann. Mit Sicherheit ist sie weniger schädlich für den Menschen, als Analogkäse und Schinken, der aus zusammengeklebten Fleischresten besteht.

Schnell aber gewöhnte ich mich an die Umstände. In der naheliegenden Mühle kauften wir einen Sack Vollkornmehl. Aus diesem Mehl bereiteten wir mit Wasser und etwas Salz einen Teig, aus dem wir Fladen buken. Gemüsesuppe und Fladen wurden zu unserem täglichen Hauptnahrungsmittel. Ein bis zwei Mal die Woche ging Conny auf einen Ziegenhof, um zu helfen. Die Bezahlung erfolgte in Naturalien. So bekamen wir jeden Morgen eine Flasche frische Milch in unseren Briefkasten vorne am Weg gestellt. Außerdem brachte Conny Käse, Eier und Molke mit. Molke als Abfallprodukt bei der Käseherstellung ist ein vitaminreiches, erfrischendes Getränk im Sommer, diente aber auch als gutes Reinigungsmittel unserer Teller und Töpfe. Der Ziegenkäse unserer Ziegennachbarn war der beste Käse, den ich jemals aß und mein Körper gewöhnte sich an  die einfach natürliche Nahrung, so dass ich mich Jahre später in der Stadt fragen sollte, wie man sich von diesen in Plastik eingeschweißten Dingen ernähren kann.

Gleich neben der Feuerstelle lief ein Quellbach vom Berg hinunter, dessen einzige menschliche Nutzer wir waren. Bis in den Juni hinein versorgte er uns mit köstlichem, immer frischem und kühlen Trinkwasser. Während des Sommers dann trocknete er aus, doch begann sein Wasser wieder nach den heftigen Regengüssen im Herbst zu laufen.

Ich begann es zu genießen, Wäsche zu waschen. Mit all der schmutzigen Wäsche stellte ich mich in den Fluss, um sie gleich dort mit Kernseife zu reinigen und zu spülen. Unter freiem Himmel während die Vögel sangen wurde mir diese vordem lästige Tätigkeit zu einem Vergnügen.

Wir passten uns unserem Leben in der Natur weiter an und liefen zunehmend barfuß. Ich bemerkte, dass sich meine Füße mit der Erde gut vertrugen und mochte es, meinen Untergrund zu fühlen. Ob es feucht war oder steinig, feine Disteln mich stachen oder nach einem Regen schlammig weich, der Kontakt zur Erde war wundervoll angenehm. Er gab mir die gefühlte Sicherheit, dass die Erde mich trug und mir wohlgesonnen war. Am schönsten war es, im feinen Frühlingsregen zu laufen und dabei mit den Füßen die warme Erde zu spüren.

Zunehmend genoss ich dieses Leben, genoss es, frei von Rechnungen und Amtsbriefen zu sein, frei von Regelungen durch andere Menschen, frei von Telefon und Radio und Autolärm, frei von schlechter Stadtluft und Kleiderzwang. Hier konnte ich sein. Ich sein.

Als der Frühlingsregen aufhörte und der Sommer sich durchsetzte, verlegten wir unsere Schlaflager neben die Feuerstelle ins Freie. Nun verbrachten wir 24 Stunden des Tages unter freiem Himmel. Es war das paradiesische Leben schlechthin.
Der Himmel hier, frei von Verseuchungen durch unnötiges Licht, erfreut das Auge des Betrachters mit hunderttausend Sternen, die in allen Sterngrößen und Sternfarben funkeln, die ganze Nacht hindurch bis die Sonne ihren nahenden Auftritt am Himmel ankündigt.

Zwischen Erde und Himmel, zwischen Fluss und Feuer wurde ich Mensch. Es gab nichts mehr, was sich trennend dazwischen stellte, kein Streben nach Macht und Geltung, kein Schein nach außen hin, der ein verkümmertes Inneres verdecken soll, nur noch Sein, das pure Da-Sein. Noch nie vorher hatte ich in einem solchen Zustand gelebt. Unter den blinkenden Sternen der Nacht, unter der blendenden Sonne des Tages spürte ich das Glück zu leben. Die Kraft, die alles zusammen und am Leben hält, hatte auch mich erfasst, mich, als Teil des Ganzen. Ich wurde glücklich, ich spürte Freude, einfach so.

Die vergangenen Erlebnisse waren nicht vergessen. Sie erschienen mir nun wie der Eintritt, den ich habe zahlen müssen, um dieses Gefühl der bedingungslosen Einheit mit allem erfahren zu dürfen. Erstaunlicherweise fühlte ich mich vollends glücklich.

Kommentare zu diesem Text

LancealostDream (49)
(10.05.14)
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 Regina (10.05.14)
Gut beschrieben. Beim Lesen empfand ich dieses Glück mit. Gespannt auf den Winter.

 Lluviagata (10.05.14)
Liebe Ganna,
ich lese deine Schilderungen - aus dem Exil nenne ich es mal - mit fortwährender Begeisterung!

Magst du hier noch einmal drüberschauen:

[Während des Sommers dann trocknete er aus und begann wieder nach den heftigen Regengüssen im Herbst zu laufen.] Läuft ein Bach?

[Unter freiem Himmel während die Vögel sagen wurde mir die vordem lästige Tätigkeit zu einem Vergnügen.]

Liebe Grüße
Llu ♥

 Ganna meinte dazu am 11.05.14:
Liebe Llu,

ganz besonderen Dank an Dich für Dein aufmerksames Lesen!

Es freut mich, wenn Du diese Texte gerne liest,
mit lieben Grüßen
Ganna

 susidie (11.05.14)
Zwischen Erde und Himmel, zwischen Fluss und Feuer wurde ich Mensch.

Das ist aus jeder Zeile zu lesen. Wunderbar, hier ist tatsächlich Glück spürbar.
Liebe Grüße von Su :)

 Jorge (12.05.14)
Mir gefällt, wie Ganna authentisch beschreibt, mit welcher Sicherheit" die Erde mich trug und mir wohlgesonnen war."
Liebe Grüße
Jorge
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