Faustschläge und neues Jahr

Kurzprosa zum Thema Recht und Gesetz

von  KayGanahl

Als ich wieder einmal neben dem auch in dieser Nacht sehr ausgelassenen Toni und seinem Kumpel, dem eher schüchternen Reichle stand, um dem alljährlichen Silvesterknallen beizuwohnen, da konnte ich nicht umhin festzustellen: "Ihr seid ja besoffen, Ihr beiden!" Und sie nickten höchst amüsiert.
Reichle hielt die große Tüte mit all dem Knallzeug in der rechten Hand und machte Anstalten, sie in die Höhe zu halten. Wohl der schöne Mond am Himmel entlockte ihm die Sätze: "Heute ist eine ganz besondere Nacht. Ich weiß nicht, wie viel Du von uns weißt, Mond, aber eigentlich kann es nicht viel sein. Wir werden die Welt von uns lassen, sie ist uns allzu lästig geworden, so lächerlich in allen ihren Formen, dass wir auf sie bestens verzichten können!"
"Das ist so!" bestätigte ihn lauthals Toni, der nunmehr in eine Gebetshaltung verfiel, die ich sehr lustig fand, gern auch fröhlich kommentiert hätte, doch Toni fing dann zu jammern an: "Ich habe meine Unschuld verloren. Es wird nichts mehr mit mir werden. Mein geliebter Job ist geoutsourced worden. Meine Frau Biene ist weggelaufen. Freund Tommi glotzt nur noch TV vor lauter Depressionen. Und ich habe nur noch Dich, Reichle. Und Dich, Meier!" - Reichle kicherte blöde. Er ließ die Tüte mit den Knallern einfach fallen. Dann ging er auf Toni mit Fäusten los, welcher sich trotz Trunkenheit recht geschickt verteidigte.
"Was willst Du von mir?" brüllte er Reichle an.
Mit Meier meinte er tatsächlich meine Wenigkeit, der ich als Polizeibeamter hin und wieder auf die Einhaltung der geltenden Gesetze im Lande zu achten habe.
Ich sagte: "Ihr könnt machen, was Euch gefällt, denn heute in der Nacht beginnt das Happy New Year, das wir unbedingt brauchen. Es wird das größte aller Jahre werden, in dem die Anarchie ausbricht. Wir können uns glücklich schätzen!"
Und Toni: "Darauf haben wir alle gewartet!" Er lag am Boden, blutend; Reichle tanzte auf ihm den Tanz des Unrechts, denn er hatte bloß mehr Körperkraft als sein Kumpel Toni.
Ich glaube schon, dass meine lieben Freunde die Sachlage gut einzuschätzen wussten, schließlich war ich außer Dienst. Da musste ich das mit dem Recht und dem Gesetz nicht so ernst nehmen. Wir waren ja alle betrunken. Die schönen Aussichten für das neue Jahr ließen mich viel nachdenken, auch träumen, sogar kleine Zukunftsentwürfe fertigen. Ich war mit mir stark beschäftigt.


By Kay Ganahl
Copyright By Kay Ganahl 2014.

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