Epochentypische Gedichte. Die Jahrhundertwende. Friedrich Nietzsche (1844 - 1900): Vereinsamt

Interpretation zum Thema Einsamkeit

von  EkkehartMittelberg

Die Literatur der Jahrhundertwende (Ausgang des 19. , Beginn des 20. Jahrhunderts)
Im strengen Sinne handelt es sich bei der Literatur der Jahrhundertwende nicht um eine Epoche mit einem einheitlichen Kunstideal, wie es zum Beispiel Barock, Klassik und Realismus weitgehend waren. Vielmehr überlagerten sich in dieser Zeit unterschiedliche Stilrichtungen, unter anderem impressionistische Lyrik, Symbolismus, Neuromantik und Neuklassik. Nietzsche ist am ehesten den Symbolisten zuzuordnen. „Der symbolistische Dichter schafft aus Bruchstücken der realen Welt Symbole, Sinnbilder, die, neu zusammengesetzt, eine Welt der Schönheit beziehungsweise der ideellen, ästhetischen und oft auch spirituellen Vollkommenheit ergeben sollen.“ (Wikipedia)

Nietzsches (1844 - 1900) Wirkung auf die Literaturgeschichte
Kein Philosoph und Dichter hat die Literatur der Jahrhundertwende bis weit ins 20. Jahrhundert hinein so stark beeinflusst wie Friedrich Nietzsche. So unterschiedliche Dichter, wie zum Beispiel  F. G. Jünger, Stefan Zweig, Gottfried Benn, Hermann Hesse, Heinrich und Thomas Mann, bekennen sich in ihren Büchern und Essays zu Nietzsches Wirkung auf ihr literarisches Schaffen.

Stichwörter zu Nietzsches Philosophie
Nietzsche kämpft gegen materialistische und biedermeierlich-philiströse Lebensauffassung. Er will das angepasste Denken des zeitgenössischen Bürgers überwinden. Ziel ist die Herausbildung eines Übermenschen/Herrenmenschen, der sich nicht durch christliches Mitleid, sondern durch die Kreativität seines Schöpfertums definiert. Dem entsprechend entscheiden kulturelle Leistungen über die Rangordnung der Menschen.
„Der junge Nietzsche fühlte sich der Philosophie Schopenhauers verbunden. Später wollte er Schopenhauers Pessimismus überwinden und stellte eine radikale Lebensbejahung in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Sein Werk enthält tief greifende Kritiken an Moral, Religion, Philosophie, Wissenschaft und Formen der Kunst. Der als lebensschwach empfundenen Gegenwart stellte er oft das antike Griechenland gegenüber. Wiederkehrendes Ziel von Nietzsches Angriffen ist vor allem die christliche Moral sowie die christliche und platonistische Metaphysik. Er stellte den Wert der Wahrheit überhaupt in Frage und wurde damit Wegbereiter moderner und postmoderner philosophischer Ansätze. Auch Nietzsches Konzepte, etwa des „Übermenschen“, des „Willens zur Macht“ oder der „ewigen Wiederkunft“, geben bis heute Anlass zu Deutungen und Diskussionen.“ (Wikipedia, Friedrich Nietzsche)
Nietzsches Bestreben, sich von der Majorität abzusondern, mündete in „azurne Einsamkeit“,
das Thema und Motiv des anschließenden Gedichts „Vereinsamt“. Wie die Symbolisten meint er, die Welt könne nur ästhetisch gerettet werden. Kunst könne nämlich nicht der Absurdität verfallen, da sie jenseits aller Werte und Zwecke liege.

Nietzsches Lyrik
Einige der besten Gedichte Nietzsches, auch das Gedicht „Vereinsamt“, werden bei You Tube „Friedriche Nietzsches Lyrik für alle, Folge 89“ in eindrucksvoller Weise von Lutz Görner rezitiert. Sämtliche Gedichte Nietzsches sind, hrsg. von Ralph-Rainer Wuthenow, im Manesse-Verlag als Taschenbuch in einem Band erschienen.
Nietzsches Lyrik setzt sich aus Sprüchen, Liedern und den Dionysos-Dithyramben zusammen. Die an Aphorismen erinnernden Sprüche enthalten Lebensweisheiten und Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern, die Lieder als Bestandteil und andersartiger Ausdruck der philosophischen Schriften werden von den Motiven ‚Wandern mit unbekanntem Ziel’, ‚Einsamkeit’, ‚Heimatlosigkeit’, ‚Vergänglichkeit’ und ‚Todesbewusstsein’ geprägt. Die nach dem Weingott Dionysos benannten Dionysos-Dithyramben waren zunächst mit „Lieder Zarathustras“ (Zarathustra wird in der Orientalistik als Politiker, Prophet und Schamane ausgewiesen) betitelt, die diesem über seine Einsamkeit hinweghelfen sollten.

Biografie

https://www.dhm.de/lemo/biografie/friedrich-nietzsche
bietet einen tabellarischen Lebenslauf.


Friedrich Nietzsche: Vereinsamt

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n,
Weh dem, der keine Heimat hat!
(erschienen 1884)

Interpretation
Thema und zugleich Motiv des Gedichts ist der Prozess der Vereinsamung, der an sein Ende gekommen ist (Partizip Perfekt in der Überschrift).
Das Eingangsbild wird von den in der Literatur als Todesvögeln bekannten Krähen bestimmt, die in schwirrem Flug – ihre hässlichen Rufe klingen an – zur Stadt fliegen, also dorthin, wo es wärmer ist als in der verlassenen unbehausten Natur, die der Leser gleich als Schauplatz des Gedichts assoziiert. Die disharmonisch wirkenden Anfangszeilen (I,1,2) werden von dem hart klingenden ‚r’ und dem stimmlosen ‚s’ geprägt. Schnee, also Kälte, kündigt sich an, ein Zustand, in dem es dem gut geht, der eine warme, schützende Heimat hat.
Doch was bedeutet das „noch“ in I,4? Man kann es so verstehen, dass der Verlust von Heimat prinzipiell allen droht, auch denen, die sie noch haben, und auch so begreifen, dass das lyrische Ich noch in die Heimat zurückkehren kann.
Die Strophen 2-5 stellen einen Inneren Monolog des lyrischen Ichs dar.
In der zweiten Strophe besinnt sich das Ich, das die bergende Heimat verlassen hat und vor Kälte erstarrt ist. Wehklagend, melancholisch („ach!“) blickt es lange auf das zurück, was es verlassen hat (II,2). Es schilt sich ein Narren, der vor dem Einbruch des Winters in die Welt entflohen ist (II,3,4). Ob der Narr aber töricht ist oder einem Zwang gehorcht, bleibt noch offen, denn er ist nicht freiwillig gegangen, sondern entflohen in die „Welt“. Was aber ist die Welt? Sie ist das Gegenbild zur vertrauten, schützenden Heimat. Die dritte Strophe beschreibt sie genauer.
Wer die Welt, die ich im Gegensatz zur Heimat als das Unvertraute, Unbekannte verstehe, durchschreitet – sie ist nur ein Tor – der begibt sich in die totale Einsamkeit von tausend stummen und kalten Wüsten (III,1,2). Das lyrische Ich berichtet in III,3,4 von einem entscheidenden Verlust, der es zwar einhalten (II,1,2), aber nirgends Halt machen lässt. Diesen Verlust kann man unterschiedlich interpretieren. Ich verstehe ihn als den unumkehrbaren Verlust der geistigen Heimat, der nicht durch etwas Vergleichbares ersetzt werden konnte, weshalb das Ich auf seiner Suche nirgends Halt machen kann.
Die vierte Strophe verrät mehr über diese Suche. Sie lässt sich nicht abbrechen. Deshalb ist der Suchende zur Winter-Wanderschaft verflucht, einer Wanderschaft in Kälte, die sich in dem Vergleich mit dem Rauche noch steigern wird (IV,3,4). Kältere Himmel liegen höher als weniger kalte, das heißt, die Perspektive des Suchenden ist auf immer höhere Ziele gerichtet. Ich sehe darin die Ziele dessen, der nach Wahrheit sucht, ein unaufhörlicher Prozess deswegen, weil der Suchende sich mit Halbwahrheiten nicht zufrieden gibt.
Den immer höher gesteckten Zielen entspricht es, dass der Wahrheitssucher mit einem Vogel verglichen wird (V,1) Dieser, in immer höhere Himmel fliegend, kann keine süße Melodie singen, sondern über seine herbe, einsame Suche nur schnarren im Wüstenvogel-Ton (V,2). Diese neue Wortbildung stellt den Zusammenhang zu III,1,2 her. Wer „von tausend Wüsten stumm und kalt“ schnarrt, von tausend einsam machenden Wahrheiten, der kann nur disharmonisch singen. Sein Herz, in der Heimat noch in Illusionen gebettet, blutet nun. Jetzt ist er der Narr, der einsam machende Wahrheiten verkündet, mit Selbstironie, Ironie und Sarkasmus. So interpretiere ich „Eis und Hohn“ in den Zeilen V,3,4.
Wie bei einem Rondo wird in der sechsten Strophe die erste wieder aufgegriffen, jedoch mit einer entscheidenden Veränderung in der letzten Zeile: „Weh dem, der keine Heimat hat!“ Diese letzte Zeile kann als Warnung vor der unbedingten Wahrheitssuche verstanden werden. In diesem Falle bezöge sie sich auf jene, die es sich in der Heimat ihrer Religion oder Ideologie bequem machen. Für wahrscheinlicher und Nietzsche angemessener halte ich die Deutung, dass mit Leid zu rechnen hat, wer den sicheren Hafen ungeprüften Glaubens, die Heimat, verlässt, wer sich auf die „Winter-Wanderschaft“ begibt. Er bezahlt das Wagnis der Wahrheitssuche mit Leiden.  Bei dieser Interpretation würde es sich aber nicht um eine Warnung handeln, denn der Winter-Wanderer ist zu seinem Handeln verflucht (IV,2), die Schlusszeile wäre dann eine desillusionierte Feststellung des vereinsamten lyrischen Ich.

Die äußere Form des Gedichts entspricht dem Wüstenvogel-Ton: Die herben stets männlichen Versausgänge, die vorherrschenden stimmlosen Konsonanten, die Schlüsselwörter stumm, kalt , starr, Eis und Hohn, schrei’n, schnarr, Wüstenvogel-Ton, Winter-Wanderschaft, das strenge Alternieren von zweifüßigen und vierfüßigen Jamben korrespondieren mit dem illusionslosen Gehalt, alle ästhetischen Komponenten unterstreichen die Aussage „Vereinsamt“.

Wir haben bis jetzt das Gedicht werkimmanent, das heißt aus sich selbst heraus gedeutet. Werfen wir einen Blick zurück auf Nietzsches Leben und sein Werk, so wird deutlich, dass gerade dieses Gedicht  autobiografische Züge trägt, die seiner allgemeinen Gültigkeit keinen Abbruch tun. Nietzsche, der aus einem protestantischen Pfarrhaus stammte, hat mit dem Christentum gebrochen, das aus seiner Sicht von „Sklavenmoral“ zeugt, und verachtet die bürgerliche Moral, Glauben und Ethik also, die ihm geistige Heimat hätten bieten können, wäre er nicht so kompromisslos gewesen..                                                                                                                                                                                                                        Er verwarf das Mitleiden und verachtete alles Krankhafte mit dem trotz früher und schwerer Krankheit unbeirrbaren Willen, sein Schicksal anzunehmen, das Schicksal eines körperlich gebrechlichen Außenseiters und Einzelgängers, eines leidenschaftlichen Wahrheitssuchers. Die sein Renommee schützende Freundschaft mit Richard Wagner gab er konsequent auf, weil er sich von dem Festspielbetrieb und gewissen christlichen Akzenten in Wagners Spätwerk, vor allem im Parsifal, distanzieren wollte. „Vereinsamt“ kann auch als eine Vorausdeutung auf die Vereinsamung verstanden werden, die Nietzsche in den lichten Phasen seiner 1889 beginnenden geistigen Umnachtung verspürt haben muss.

© Ekkehart Mittelberg, Januar 2015

Kommentare zu diesem Text


 TrekanBelluvitsh (29.01.15)
Ein Darstellung, die den Leser gut informiert und darum geht es ja.


Inhaltlich: Gerade bei Nietzsche habe ich immer den Eindruck, dass seine Selbstreflexion einen gewissen Grad nicht überschreitet und er sein eigenes Fühlen zu etwas Sakralem erhebt, dem er dann sein Denken unterordnet. Von daher ist er in der Tat ein Repräsentant der Neuzeit - leider.

Natürlich wäre es grober Unfug, die Massenmörder des 20. Jhd., die sich auf ihn berufen haben, ihm anzulasten. Zwar mag er Blaupausen geliefert haben, doch was diese daraus gemacht haben, waren krude Abziehbilder.

Und bei aller Ablehnung christlich-ethischen Moralvorstellungen zeigt das Gedicht doch jene Sehnsucht nach einer Heimat, die eine bürgerliche Phrase mit "Trautes Heim, Glück allein" kundtut. So sehe ich auch hier - wie bei vielen bürgerlichen Denkern/Schriftstellern/Philosophen - jenes ambivalente Gefühl, jene Hassliebe der eigenen Schicht gegenüber, aus der sie stammen und die ihnen nicht selten erst diesen Lebensweg ermöglicht hat. Gerade im 19. Jhd. hätte sich ein Arbeiterkind schwer getan, ein Nietzsche zu werden.

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 29.01.15:
Merci Trekan. Ich bin ein Bewunderer Nietzsches, der für mich wie kaum ein anderer deutsprachiger Philosoph in der Lage war, in poetischen Bildern zu philosophieren. Deshalb bin ich zu befangen, mich zu seinem Fühlen, das er aus deiner Sicht "zu etwas Sakralem erhebt", kritisch zu äußern.

"Und bei aller Ablehnung christlich-ethischen Moralvorstellungen zeigt das Gedicht doch jene Sehnsucht nach einer Heimat, die eine bürgerliche Phrase mit "Trautes Heim, Glück allein" kundtut. So sehe ich auch hier - wie bei vielen bürgerlichen Denkern/Schriftstellern/Philosophen - jenes ambivalente Gefühl, jene Hassliebe der eigenen Schicht gegenüber, aus der sie stammen und die ihnen nicht selten erst diesen Lebensweg ermöglicht hat. Gerade im 19. Jhd. hätte sich ein Arbeiterkind schwer getan, ein Nietzsche zu werden."

Es ist richtig, dass Nietzsche durch seine frühe Professur in Basel mit 24 jahren schon früh finanziell relativ unabhängig war. Das mag dazu beigetragen haben, dass er seine eigene Schicht kritischer sehen konnte als viele andere bürgerliche Philosophen und Literaten seiner Zeit. Ja, ein Arbeiterkind des 19. Jahrhunderts hätte wohl kaum ein Nietzsche werden können. Der privilegierte Besuch des Gymnasiums Schulpforta, einer der besten Schulen der damaligen Zeit, bot ihm hervorragende Chancen für sein geisteswissenschaftliches Studium.
(Antwort korrigiert am 29.01.2015)

 AZU20 (29.01.15)
Ich kann Nietzsche auch eine ganze Menge abgewinnen. LG

 EkkehartMittelberg antwortete darauf am 29.01.15:
Danke, Armin. Mir scheint, dass er auch in der Postmoderne seine Faszination nicht verliert.

LG
Ekki
Jack (33)
(29.01.15)
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 EkkehartMittelberg schrieb daraufhin am 29.01.15:
Danke, Jack. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer

"...man wird es (erst in vollem Umfang, E.M.) verstehen können, wenn man mindestens 30 Jahre Einsamkeit hinter sich hat, und eingesehen hat, dass man mit den weiteren Jahren nur noch einsamer wird."
Jack (33) äußerte darauf am 29.01.15:
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 EkkehartMittelberg ergänzte dazu am 29.01.15:
Ja, ich verstehe. Es ist paradox, dass die Schilderung der Einsamkeit große Dichter verbindet.
Graeculus (69)
(29.01.15)
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 EkkehartMittelberg meinte dazu am 29.01.15:
Danke für diesen klugen Kommentar eines Kenners, Wolfgang. Ich habe mit deinen Kommentaren ein Problem, das dich vielleicht überraschen wird. Ich kann dir zu wenig zurück geben. Das liegt hoffentlich nicht daran, dass ich zu einfallslos bin, aber daran, dass ich fast immer mit deinen Gedanken so sehr überein stimme, dass es mir schwer fällt, eine Gegenposition zu entwickeln. Nur aus Eitelkeit möchte ich das aber nicht.
Ich bitte dich trotzdem, mir weiterhin deine Kommentare zu schicken. Vielleicht ist es für dich ja auch schön zu wissen, dass jemand deine Gedanken und Gefühle weitgehend teilt.
Graeculus (69) meinte dazu am 29.01.15:
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LottaManguetti (59)
(29.01.15)
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 EkkehartMittelberg meinte dazu am 29.01.15:
Danke, dass du hier reingeschaut hast, Lotta. Ich weiß nicht, wieweit du schon nietschesiert bist.
Für alle Fälle empfehleich dir mal: Rüdiger Safranski: Nietzsche. Eine Biografie seines Denkens. Fischer TB 2012.
Die philosophischen Zusammenhänge werden schlüssig dargelegt.

Liebe Grüße
Ekki
9miles (49) meinte dazu am 29.01.15:
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 EkkehartMittelberg meinte dazu am 29.01.15:
Ich habe es mir gerade, gesprochen von Gece Sarkisi, bei You Tube angehört. Beeindruckend.

 Peer (29.01.15)
Das beschriebene Gedicht hat mich beim Lesen schon immer gefesselt und Dein Beitrag hat sehr zum besseren Verständnis desselben beigetragen, wiewohl ich es rein gefühlsmäßig auch in diese Richtung gedeutet habe. Für die Erhellung der Sachverhalte danke ich Dir.
LG Peer

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 29.01.15:
Für solch einen Kommentar lohnt sich die Mühe der Interpretation.
Danke, Peer

LG
Ekki

 susidie (30.01.15)
Lehrreich und sehr gut dargelegt, Ekki.
Kommt meiner Liebe zu Nietzsche entgegen.
Lieben Gruß zu dir, Su :)

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 30.01.15:
Merci, Susi, ich freue mich, dass dir als Kennerin Nietzsches die Interpretation gefällt.

Liebe Grüße
Ekki

 wa Bash (30.01.15)
eines meiner Liebelingsgedichte wenn auch Nietzsche an sich nicht so mein Ding ist, mit Ausnahme von Zarathustra wahrscheinlich...

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 30.01.15:
Danke. Was hältst du von der Interpretation?

LG
Ekki

 wa Bash meinte dazu am 31.01.15:
Also die Biografie zu Nietzsche oder die Zusammenfassung finde ich sehr gut. Die Interpretation finde ich auch gelungen.

Den Begriff "wohl dem der jetzt noch Heimat hat" würde ich geschichtlich näher einordnen und ihn in das 19. Jahrhundert integrieren. gerade das Ende des Jhd. ist ja geprägt von Kapital und Hochimperialismus. Ich denke wer solcherlei Gedichte schreiben kann sieht auch die Mißstände etc. die damit einhergehen. Des Weiteren könnte Nietzsche auch indirekt die Landflucht ansprechen "zur Stadt" und die Krähe nicht als Symbol für Tod sondern als Bild für "Schwarm"=viele und "Hunger" etc. sehen, eben andere dunkle Ausdrücke statt Tod..dazu zählt mitunter auch Gier etc...Ich perönlich würde ebenfalls das Bild der kreisenden Krähen benutzen, wenn ich Menschen bebildern sollte, die andere unterdrücken etc.
(Antwort korrigiert am 31.01.2015)

 Dieter Wal (30.01.15)
Finde es schade, dass du Wikipedia in einem solchen Text zitierst, falls das Zitat nicht von dir selbst geschrieben worden sein sollte.

Deine Interpretation eines meiner N.-Lieblingsgedichte steht auf festen Füßen. Sie dürfte mit anderen Interpretationen die Aufrufe von kV-Seiten sprunghaft ansteigen lassen.
(Kommentar korrigiert am 31.01.2015)

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 31.01.15:
Merci, Dieter,ich werde demnächst Wikipedi nur dann zitieren, wenn ich es selbst nicht besser ausdrücken kann.

 HerzDenker (18.12.21, 12:32)
Als Nietzsche-Freund, der in ihm einige verdeckt-spirituelle Ansätze sieht, möchte ich gerne zum obigen Gedicht Ergänzendes sagen: Der Titel spricht für mich auch den "vereinsamten Teil in uns allen " an, im Einzelfall müsste man sagen: Den Teil, dem diese zumindest drohen könnte. -Mit "Heimat" meint er wohl "Geborgenheit, Sinn und Wärme" - daher eignet sich der Winter als Kontrastbegriff so gut. -Die Fluchtversuche des Einzelnen in das anonyme Spaß-Gewirr der Städte erlebt er als zwecklos. So kommt es immer wieder zum frustrierten "Weiterwandern-Müssen". Doch immer wieder droht die "Dürre der Wüste". Für Nietzsche weniger der Ort eines spirituellen Endkampfes -wie für Jesus- sondern nur eine neue Metapher für ein Gebiet, in der nichts wächst, auch keine Heimat. Bei all den Niederlagen deutet er an, dass die Situation wieder einen neuen Ausweg versucht: Die Satire! ("Hohn") So wird der Winter alles in Weiß zudecken, die Probleme der Sinnfindung auch und das verzweifelte Spiel könnte nach einem schrecklichen Winter auch im Frühling nur Scheinlösungen des Heimat-Findens bereithalten.

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 18.12.21 um 17:08:
Merci für deine Ergänzungen, HerzDenker, die Nietzsche adäquat sind. Sie gefallen mir sehr.
Ekki

 HerzDenker meinte dazu am 19.12.21 um 05:22:
Danke, lieber Ekki! Es würde mich freuen, wenn wir auch über meine Deutungen einiger Texte von Paul Celan ins Gespräch kommen könnten.

 nadir (18.12.21, 13:04)
Ähm ... nun ja ... du zitierst nur das halbe Gedicht, das Gedicht hat einen zweiten Teil, eine Antwort. Da wird sehr deutlich, dass Nietzsche hier von Deutschland spricht (er war staatenlos) Nietzsches Beziehung zu Deutschland füllt Bücher ... nun gut - aber man sollte ein Gedicht schon vollständig zitieren, wenn man es interpretiert 

II. Antwort

Dass Gott erbarm!
Der meint, ich sehnte mich zurück
ins deutsche Warm,
ins dumpfe deutsche Stuben-Glück!


Mein Freund, was hier
mich hemmt und hält ist dein Verstand,
Mitleid mit dir!
Mitleid mit deutschem Quer-Verstand!



 EkkehartMittelberg meinte dazu am 18.12.21 um 17:04:
Lieber Nadir,
vielen Dank, prinzipiell hast du recht.  Aber warum zitieren namhafte Anthologien das Gedicht ohne die Antwort? Ich vermute, dass diese Antwort das obige Gedicht  einengt,
Deshalb haben wohl manche Herausgeber bewusst gegen ihr philologisches Gewissen verstoßen..
Ekki

 HerzDenker meinte dazu am 19.12.21 um 05:27:
Lieber Nadir, ich bin etwas verwundert, dass Du Nietzsches Beziehung zu Deutschland als so zentral hervorhebst! Ist sie nicht ein kleiner Nebenarm seines noch elementareren Fragens nach Wahrheit, nach dem Wert des Christentums auf dem Hintergrund?

 AchterZwerg (19.12.21, 07:03)
Lieber Ekki,

leider ist mir deine Interpretation dieses wohl unsterblichen Gedichts erst jetzt unter die Augen gekommen.
Mein Applaus ist dir schon mal sicher!
Du arbeitest den Kontrast von "Heimat" und "Welt" geschickt heraus, wobei es sicherlich keine große Rolle spielt, ob letztere grundsätzlich als feindselig empfunden wird.
Im Gegensatz zu nadir empfinde ich übrigens den Teil II (Nietzsches Antwort) nicht als eine Art Rücknahme, sondern als Ergänzung des Vorherigen.
Denn ist es nicht gerade das sog. Stubenglück, die gleichsam urdeutsche Gemüts- und Rührseligkeit nach der sich viele (selbst Nietzsche) insgeheim zurücksehnen?
Haben sich nicht auch zuweilen vertriebene deutsche Juden dahingehend geäußert?
Mag diese Gefühlsbetonung durchaus in Teilen verlogen sein - sie ist doch vorhanden als ein Glaube an die kindliche Wahrheit des Narren. 
Kann sein, dass Nietzsche u. a.  an diesem Widerspruch zerbrochen, bzw. ver-rückt geworden ist.
Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag <3 
Piccola (beeindruckt)

 EkkehartMittelberg meinte dazu am 19.12.21 um 11:21:
Liebe Piccola, danke für den Nachweis, dass "Antwort" nicht als Rücknahme, sondern als Ergänzung von "Vereinsamt"zu verstehen ist.
LG
Ekki
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