Waghalsig

Kurzprosa zum Thema Traum/ Träume

von  Moja

Hier stand ich in dieser langen Warteschlange, soweit hatte ich es immerhin gebracht.  Da piekte mir mein Hintermann in den Rücken. Ich drehte mich schnell um, er stand regungslos da, den Blick zur Decke gerichtet. Die Schlange rückte voran, ich war dran. „Ihre Halsgröße bitte!“, fragte der Verkäufer, ohne mich anzusehen. „Wie bitte?“, fragte ich verständnislos zurück. Der Verkäufer sah auf, er blickte sehr ernst. Er nahm ein Maßband, legte es mir akkurat um den Hals, maß den Umfang und verglich den Wert mit seinem Display. Heftig schüttelte er den Kopf und versuchte ruhig zu atmen. Die anderen Kunden starrten an die Decke. „Der nächste!“, rief er angewidert. In diesem Moment begriff ich – mein Hals entsprach nicht der Norm – und dann fing ich an zu lachen. Ich drehte mich um, die meisten Leute hatten Hälse etwa so dünn wie eine Zahnpastatube. Das Lachen blieb mir im Hals stecken. Hinter mir Gemurmel, Murren, Füße scharren, die Menge schubste mich voran. Weiter als bis zur Ladenkasse kam ich nicht. Hatte ich bis dahin angenommen, dass mein Hals völlig normal gewachsen war, wurde ich jetzt eines Besseren belehrt. Mein Hals war kräftig gewachsen. Bestürzt senkte ich den Blick – und betrachtete meine schmalen Handgelenke. So also musste ein Hals sein! Ich fasste Mut und schaute mich noch einmal um. Niemand hatte so schmale Handgelenke wie ich!

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Kommentare zu diesem Text

Stelzie (55)
(15.03.20)
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 Moja meinte dazu am 16.03.20:
Einerseits ja, liebe Stelzie, aber es kommt wohl mehr darauf an, wie man damit umgeht. Danke Dir!

Liebe Grüße,
Moja

 IngeWrobel (15.03.20)
Ein Psychologe hätte sicher seine Freude an diesem Text / Traum.
Mir fallen sofort eigene Träume ein, in denen ich unbedingt einer Norm entsprechen will. Ich will dann weder positiv noch negativ aus dem Rahmen fallen, will "dazugehören". Trotzdem bin ich mir immer meiner Individualität bewusst und möchte die auch nicht aufgeben...
Soweit die Deutung meiner Träume.

Ich finde das hilfreich, dass das Unterbewusstsein uns per Traum von Zeit zu Zeit zeigt, wie wir im Alltag zwischen Verzagtheit / Unsicherheit und Selbstüberschätzung pendeln. Immer im Bemühen um Ausgeglichenheit und Harmonie mit uns selbst und der Welt. *lächel*
Übrigens: Meine Handgelenke sind meine Texte, ist meine Kreativität. *zwinkerle*

Viele liebe Grüße
Inge

 Moja antwortete darauf am 16.03.20:
Wunderbar Dein Zwinkern, liebe Inge!

Ja, meine Unangepasstheit ermöglicht mir auch Kreativität, durch Reibung entstehen Impulse, Ideen, das Individuelle ist ein Schatz, Träume auszuschöpfen sowieso.

Herzlichen Gruß,
Moja

 EkkehartMittelberg (15.03.20)
Hallo Moja, andere laufen ständig mit Maßbändern herum. Doch dein Kopf sitzt besonders fest auf seinen Schultern. Ich würde diesen Traum positiv deuten.
LG
Ekki

 Moja schrieb daraufhin am 16.03.20:
Sehe ich auch so, lieber Ekki!
Anpassung allein macht es nicht, denn wer gibt das Maß vor? Besser man macht was draus, ganz individuell.

Fröhlichen Gruß,
Moja
Sätzer (77)
(16.03.20)
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 Moja äußerte darauf am 16.03.20:
Danke, Sätzer!
Traumstoff ist der ideale Untergrund für meine schmalen Handgelenke.

Zwinkernden Gruß,
Moja
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