Mulden

Parabel zum Thema Sinn/ Sinnlosigkeit

von  Quoth

Dieser Text ist Teil der Serie  Parabeln
Welcher Teufel hat mich geritten, als ich dies Amt annahm? Ich bin hier mitten im Kiefernwald der Verwalter der riesigen Mulden, rostig, verbeult und verschrammt stehen sie nicht etwa in Reih und Glied, sondern  wirr durcheinander und warten darauf, befüllt zu werden. Aber womit? Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass nichts Falsches hineinkommt – aber wie soll ich wissen, was falsch ist, wenn ich das Richtige nicht kenne? Im Wärterhäuschen liegt das Muldenhandbuch, in dem blättere ich bisweilen und bin schon bis zum siebten Abschnitt „Die gesetzliche Muldenform“ gelangt, nachdem ich mich tagelang mit Abschnitt sechs, dem vorschriftsmäßigen Muldenvolumen, herumgeschlagen habe. Heute Abend will ich mir Abschnitt acht, die „korrekte Muldenbefüllung“, anschauen und hoffe, darin Hinweise auf den erwünschten und allein erlaubten Inhalt zu finden. Vorläufig und solange es hell ist, beschäftige ich mich damit, den Schnee im Hof zusammenzuschieben; aber dabei ist mir eben der Schneeschieberstiel durchgebrochen. Ärgerlich werfe ich das kaputte Ding in die nächststehende Mulde, nur um sofort wie vom Donner gerührt dazustehen: Wer hat mir erlaubt, einen zerbrochenen Schneeschieber in die Mulde zu werfen? Ist sie damit nicht beschmutzt, entwidmet, ja, womöglich gar entweiht? Aber an ein Herausholen des Hineingeschleuderten ist nicht zu denken, die Mulden sind übermannshoch, ich komme nicht hinein, und das ist gut, denn ich käme niemals wieder heraus. Also setze ich mich abends beim Licht einer Kerze an das Muldenhandbuch und suche den achten Abschnitt. Aber der achte Abschnitt existiert nicht, er wurde herausgerissen, wahrscheinlich wollte mein Vorgänger ihn wegen seiner besonderen Wichtigkeit immer bei sich haben und hat bei seiner Ablösung vergessen, ihn zurückzukleben. Ich wälze mich noch Stunden auf meiner Pritsche in der Gewissheit, nun auf ewig im Dunkeln zu tappen.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (04.02.21)
Albtraumhaft.

 Quoth meinte dazu am 04.02.21:
Ja, ist nicht spaßig. Vielen Dank für die Empfehlung.

 LottaManguetti (04.02.21)
In mir entsteht umgehend ein Bild von der mit Regeln durchdrungenen, nein, zugeschütteten Gesellschaft, in der sich niemand mehr wagt, aktiv zu handeln, weil - es könnte gerade als falsch bewertet werden.
In meinem Roman "Frieda" wäre das auch zu lesen, wenn es schon gedruckt wäre. So aber ... egal.
Gute Idee, und für meine Begriffe super geschrieben!
Der sog. Albtraum (Komm. v. Dieter) hat uns längst in seinen Klauen.

Lotta

P.S. AlPtraum würde gut zu einem emporstrebenden Politiker passen.

Kommentar geändert am 04.02.2021 um 11:55 Uhr

 Quoth antwortete darauf am 05.02.21:
Hallo LottaManguetti, dass ich Gesellschaftskritik geübt habe in meinem Text, war mir beim Schreiben gar nicht klar. Dank für Empfehlung und Wahl! Gruß Quoth

Antwort geändert am 05.02.2021 um 13:59 Uhr
Palytarol (59)
(04.02.21)
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 Quoth schrieb daraufhin am 05.02.21:
Hallo Palytarol, würde ich diese Konkretisierung streichen, würde ein sehr allgemeines Tappen im Dunkeln daraus. Das wollte ich vermeiden. Dank für Anerkennung! Gruß Quoth
Palytarol (59) äußerte darauf am 05.02.21:
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 Quoth ergänzte dazu am 05.02.21:
Gut, ich versuch's mal.

 Lluviagata (22.07.21)
Irgendwo lag eine Mulde herum, und dann träumt man von dem Ding und das lässt es ins Alptraumhafte wachsen. Boah.

Liebe Grüße
Llu ♥

 tueichler meinte dazu am 26.07.21:
Als hätte der alte Kafka Pate gestanden !

Gern gelesen 😎
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