Der alte Eichbaum

Erzählung zum Thema Schule/ Studium

von  Quoth

Einsam war ich schon immer, aber meine junge Freundin spricht mir Mut zu und verwöhnt mich mit dem Duft ihrer Blüten. Unter uns tummelt sich der Menschennachwuchs, weiß der Himmel, womit sie ihre Zeit verbringen, wenn sie auf ein Klingelzeichen, das mir schrill in den Blättern klingt, alle im Haus verschwinden, nur um zwölf Windstöße später alle wieder aufzutauchen und ihren Gang rund um das maibaumgeschmückte Rondell anzutreten. Heute aber ist alles anders. Alle sind ins ockerfarbene Gebäude gerufen worden, doch kurze Zeit später kommt eine Gruppe heraus mit Schemeln und Zeichenblöcken bewaffnet, sie nehmen auf der Seite Platz, von der mich die Sonne bestrahlt, und unter Anleitung ihres Lehrers zücken sie Holzkohle und beginnen, mit zischenden, kratzenden Strichen mich abzukonterfeien … O sie sehen nur den knorrigen Stamm, seine Verzweigungen, die Ästchen und Blätter, sie wissen nicht, was ich alles weiß, aber das ist auch gut, denn ich weiß nicht nur Gutes. Aber warum skizzieren sie nur mich und nicht meine anmutige Nachbarin, die mir immer die süßesten Düfte zulispelt? Ein Junge wirft seinen Block auf den Boden, nachdem er alles verwischt hat, aber der Lehrer, ein hübscher, schlanker junger Mann, redet ihm gut zu, findet das Gezeichnete „gar nicht mal so schlecht“, ergänzt es um ein paar eigene Striche, führt dem Linkshänder die Hand, und der scheint es zu genießen, hat er vielleicht nur deshalb den Verzweifelten gespielt? „Herbert,“ sagt der Lehrer, „sei nicht traurig, wenn man dich als Linkspoot verspottet, der größte Künstler der Welt, sein Name ist Leonardo, war Linkshänder, schaue genau hin und versuche, nicht den Baum, sondern seine Struktur zu erfassen und in deiner Zeichnung zu spiegeln.“ „Seine Struktur ist mir zu schwierig,“ sagt Herbert darauf, „lieber würde ich die Linde zeichnen, die nebenan steht, an ihr ist alles senkrecht und schön!“ „Dann zeichne die!“ Herbert wandert mit seinem Schemel ein paar Schritte seitwärts und zeichnet meine Freundin, und ich liebe ihn dafür und werfe eine Eichel vom letzten Jahr auf seinen Zeichenblock hinab, dass er erschrickt.

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (06.03.21)
Hallo Quoth, man liest selten liebenswürdige Erzählungen über Schule. Dabei gibt es nach meiner Beobachtung zahlreiche junge Lehrer, die so zu motivieren versuchen wie der junge Mann in deiner Erzählung. Und sollte die Eiche ein wenig symbolisch sein, kann ich sie gut verstehen, dass sie ihrer süß duftenden Freundin ebenfalls Beachtung wünscht.
LG
Ekki

 Quoth meinte dazu am 06.03.21:
Hallo EkkehartMittelberg, dieser junge Mann ist heute über 90, malt immer noch sehr feine Bilder, und ich stehe in Briefkontakt mit ihm, habe auch neulich eine Ausstellung von ihm besucht. So ein Lehrer wiegt 20 dumme, faule und eitle Säcke auf! Danke für Empfehlung mit Kommentar! Gruß Quoth

Antwort geändert am 06.03.2021 um 18:24 Uhr

Antwort geändert am 06.03.2021 um 18:28 Uhr
Sätzer (77)
(06.03.21)
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 Quoth antwortete darauf am 06.03.21:
Hallo Sätzer, das ist doch das Schönste an so einem Forum: Von verständigen Leser*innen gesehen und geschätzt zu werden! Danke! Gruß Quoth
Mono (70)
(06.06.21)
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