Auszug

Kurzprosa

von  BeBa

Auszug

 

Als er heimkommt und die Haustür öffnet, stehen Kartons im Flur, im Wohn- und Schlafzimmer. Selbst in der Küche sind sämtliche Töpfe, Pfannen und übriges Geschirr verpackt.

„Wir ziehen aus!“, sagt sie.

Er versteht nicht und hat sie nie verstanden. Doch jetzt, wo sie so dasteht vor ihm, mit ihrem struppigen roten Haar, diesem knielangen weißen T-Shirt (Aufschrift: No Fun!) und den hochgezogenen rosa Kniestrümpfen, erkennt er, dass es ernst ist.

„Wir ziehen aus?“, fragt er.

Es klingelt an der Wohnungstür. Mit einer Handbewegung bedeutet sie ihm, still in der Küche zu warten, und verschwindet wortlos. Er hört, wie sie die Tür öffnet und sich dann mit zwei oder drei Personen unterhält. Was sie sagt, versteht er nicht.

Die Geräusche, die er danach vernimmt, interpretiert er als Wegtragen all der Kartons, die in der Wohnung verteilt stehen.

Wie lange er auch wartet, sie kommt nicht zurück. Stattdessen kommen auf einmal drei Möbelpacker in die Küche. Für ihn der Typus Türsteher, nur fehlt ihnen die immanente Brutalität im Ausdruck.

Er hat sich mittlerweile in die Ecke am Fenster zurückgezogen und stört so das weitere Geschehen nicht. Die Muskelprotze nehmen ihn gar nicht wahr, heben Hängeschränke von der Wand, tragen Spüle, Herd und Kühlschrank aus dem Raum, bis er am Ende solo auf seinem dreibeinigen Hocker am Küchenfenster sitzt und aus dem Fenster schaut. Nach der Küche verschwinden Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer in einem mittelgroßen Möbelwagen.

Als er sieht, wie sie selbst einsteigt und der Wagen mit ihr abfährt, fällt ihm nur noch ein, dass sie seinen Hocker vergessen hat.



Kommentare zu diesem Text


 klausKuckuck (18.04.22, 03:44)
Ich habe versucht, mir die Geschichte im Personenwechsel vorzustellen: Sie sitzt auf dem Hocker und sieht ihm beim Ausräumen zu. Von ihm weiß ich nichts, nur: Es wird ihm bewusst, dass er sie nie verstanden hat. Und plötzlich wüsste ich gern etwas über ihn. Und es ist mitten in der Nacht. Und die österliche Traumlosigkeit ist dahin, denn da lese ich auch noch: "Wir ziehen aus." Wir? Ist da noch ein Dritter im Spiel? Ich hätte deine Geschichte ein paar Stunden später nach dem Frühstück lesen sollen …

 BeBa meinte dazu am 19.04.22 um 13:18:
Hi Klaus,

danke für deinen interessanten Eindruck vom Text.

LG
BeBa

 EkkehartMittelberg (18.04.22, 11:17)
Ich habe das "Wir" als Zeichen ihrer Dominanz verstanden, die ihn nie gefragt hat.
LG
Ekki

 BeBa antwortete darauf am 19.04.22 um 13:18:
Hi Ekki,

so lese ich es auch. ;) 

LG
BeBa

 Jo-W. (18.04.22, 11:52)
was ich das hoch Interessante an diesem Text-ja,was oft deine Zeilen ausmacht-dass fast immer etwas nicht Erwartetes den Schluss bildet-sehr reizvoll,anregend ,sehr gelungen-einen Gruß-Jo

 BeBa schrieb daraufhin am 19.04.22 um 13:19:
Danke dir, Jo. Das freut mich.

LG
BeBa

 GastIltis (18.04.22, 12:35)
Den Hocker hat sie gar nicht vergessen. Was soll sie denn mit einem dreibeinigen Hocker?

LG von Gil.

 BeBa äußerte darauf am 19.04.22 um 13:19:
Wie immer hast du Recht, weil du einfach immer Recht haben musst! :D 

LG
BeBa

 AchterZwerg (18.04.22, 17:29)
Er versteht nicht und hat sie nie verstanden.
So isses inne Natur! <3 

Jedenfalls: Ganz toll, Beba. Sehr gut bebildert - und zutreffend.

Respektvolle Grüße
der8.

 BeBa ergänzte dazu am 19.04.22 um 13:20:
Danke dir, lieber 8er. Ja, so isses!

LG
BeBa

 Vaga (26.04.22, 13:16)
Ich sehe den Hocker als Metapher für die Erniedrigung, die er hat erfahren müssen - nicht erst jetzt. Und mit dem zurückgelassenen Hocker (auf dem er am Ende 'sitzen geblieben ist') bleibt auch dieses innere Gefühl, das - auch wenn der Auszug/Wohnungswechsel vollzogen ist - niemals ausziehen wird.

 BeBa meinte dazu am 27.04.22 um 16:08:
Eine interessante Interpretation, liebe Vaga.

Danke dafür und LG
BeBa
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