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Kommentar

von  autoralexanderschwarz

Der neue Glaubenssatz, den Friedrich Merz und Konsorten gerade versuchen, in die Köpfe der Bürger zu hämmern, ist ebenso falsch wie impertinent. „Wir müssen mehr arbeiten“, lässt sich der Kanzler zitieren und meint damit, so wie die meisten Leute, die „wir“ sagen, wohl am wenigsten sich selbst. Gemeint ist nichts Anderes als ein (erneuter) Angriff auf Arbeitnehmerrechte, die in einer anderen Zeit von anderen Arbeitern gegen massive Widerstände erkämpft wurden. In den halbgaren Erklärungsmodellen, mit denen nun versucht wird, Sinn in diese Worthülsen zu blasen, sind sich Parteifreunde, Wirtschaftsfunktionäre und so mancher Feuilletonist einig, dass die Deutschen nicht nur viel zu oft krank, sondern darüber hinaus auch noch zu faul sind. Schließlich kann man mit der inzwischen digitalisierten Verwaltung in Sekundenbruchteilen Zahlen hierzu generieren und diese in Statistiken so vereinfachen, dass ein Balken oder Graph immer kleiner und ein anderer immer größer wird. So funktioniert heute Sozialwissenschaft, per Prompt.

Der – so wie Marx (Achtung, ein Kommunist!) es nennt – Überbau hierzu ist jene kostbare alte Legende, dass es den Bürgern gut ginge, wenn die Wirtschaft brumme (darum soll sie auch ständig angekurbelt werden). Denn, so lernen es schon die Kinder in der Schule: Wenn es den Unternehmen gut geht, dann stellen sie mehr Arbeiter ein und zahlen denen auch gute Löhne. Die Arbeiter können dann mehr konsumieren und kaufen sich teure Produkte, auf die sie dann Steuern an den Staat zahlen. So kommen die Subventionen schließlich im besten Fall sogar wieder zurück und wenn alles gut läuft, dann klappt es vielleicht sogar doch noch mit der Sozialversicherung und dem Zahnersatz.

Spätestens hier aber zerbröselt das „wir“, denn unter all den mächtigen Volkswirtschaften dieser Welt gibt es zwar einige, deren Firmen gewaltige Gewinne machen, aber unter ihnen ist eben auch keine einzige, in der es allen Menschen gut geht.

Aus der Sicht eines Geschöpfes der internationalen Finanzindustrie, das gelernt hat, Menschen als Zahlen und Katastrophen als Variablen zu analysieren, überrascht es wenig, dass solche stupiden Verallgemeinerungen den einzelnen Menschen zum Humankapital objektivieren. Dieses Kapital ist aus Sicht eines Kanzler-CEO wertlos, solange es nicht arbeitet oder wenigstens konsumiert und ein paar Prozent Optimierung sind doch immer drin, zumal ja selbst ein halber Prozentpunkt in der Summe einen großen Unterschied machen kann.

Das Problem bei einer solchen Objektivierung des Bürgers ist aber, dass mit der Transformation des Einzelnen zur Zahl auch das verschwindet, was Merz zugleich insinuiert, wenn er „wir“ sagt. Wir als eine Nation, wir als Kollektiv, wir als Solidargemeinschaft. Was soll das eigentlich bedeuten? Wer ist wir? In einer mehr und mehr polarisierten Gesellschaft, in der viele aus Angst das Politische in Gesprächen vermeiden, in der ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung sehr reich und ein großer Teil arm ist, in der viele verzweifelt, enttäuscht, überarbeitet, frustriert, wütend oder bereits gänzlich gefühllos sind, in der viele gerade so über die Runden kommen oder ausharren, weil sich für sie die kommenden Dummheiten, Kriege und Katastrophen bereits in der Gegenwart abzeichnen. Sie alle sollen mehr arbeiten, damit ein kleiner Teil der Menschen noch sehr viel reicher wird. Warum eigentlich? Was kümmert es den Pfandflaschen sammelnden Rentner, wenn die Wirtschaftsweisen ihre Prognose nach oben korrigieren? Was kümmert es den Dorfschullehrer oder seine Ärztin, wenn der DAX in ungeahnte Höhen schießt? Was interessiert es den Leiharbeiter, die Krankenschwester, den Psychologen, den Bäcker oder Klempner, wenn Deutschland „wettbewerbsfähiger“ ist? Die allermeisten Menschen wollen lediglich einen gerechten Lohn, von dem sie leben können, ein soziale Absicherung, wenn sie einmal nicht (mehr) arbeiten können und sie möchten ihr Arbeitsleben so gestalten, dass es ihr Leben nicht vollständig determiniert, weil sie – hoffentlich – nicht vergessen haben, dass ihr Leben mehr ist als eine Karriere, dass sie selbst ein einzigartiges und in dieser Einzigartigkeit schönes, ein fühlendes, der Reflexion fähiges Wesen sind, ein Individuum, das nur dieses eine Leben hat, um seiner Existenz einen selbstbestimmten Sinn zu verleihen. Wie viel und wie hart man dafür arbeiten möchte, sollte wohl am Ende jeder selbst bestimmen.



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Kommentare zu diesem Text


 Aber (03.02.26, 19:27)
Unser Kanzler ist so eine Art Nachkriegsmarxist, der nie beim Zahnarzt nachzahlen musste.

 Didi.Costaire (04.02.26, 00:11)
Treffend analysiert. Es droht ein Leben mit Arbeitspflicht, Wehrpflicht und Gebärpflicht.

Beste Grüße,
Dirk

 Jack (04.02.26, 00:35)
Die Facts, dass der deutsche Sozialstaat an demographischen Veränderungen kollabiert, caren not about Feelings wie: „Das haben wir uns verdiiiient“.
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