Boote aus dünnem Morgen

Gedicht zum Thema Stille

von  Saira

Die Stille
legt ihre Hände auf die Welt
wie Schnee auf eine brennende Stirn.


Sie spricht nicht –
doch unter ihrer Zunge
wachsen Wälder aus Gedanken.

Manchmal sitzt sie
am Rand des Abends
und kämmt das zerzauste Haar der Zeit
mit einem Kamm aus verstreutem Himmelslicht.

Dann wieder
geht sie barfuß durch die Häuser der Menschen,
streut Schlaf in ihre Stimmen
und hängt ihre bleichen Mäntel
an die Garderoben der Träume.

Die Stille ist eine Uhr ohne Zeiger,
in deren Brust
die Sekunden wie schlafende Vögel ruhen.

Sie ist der unsichtbare Fluss
unter den dunklen Straßen,
auf dem Erinnerungen treiben
wie Boote aus dünnem Morgen.

Und wer lange genug lauscht,
hört vielleicht,
wie sie mit feinen Fingern
an der Harfe des Herzens spielt –

so leise,
dass selbst der Mond
den Atem anhält.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Moppel (16.03.26, 10:19)
Die Stille ist etwas besonderes, Saira. Sie kann Freundin sein , aber auch Feindin werden. der "dünne Morgen", der mich an "dünnes Eis" erinnert, sagt das. lG von M.

 Saira meinte dazu am 16.03.26 um 10:38:
Liebe Moppel,

du hast recht – die Stille ist etwas Eigenwilliges.

Sie kann sich wie eine sanfte Gefährtin neben uns setzen, leise und tröstend. Und manchmal wird sie zu einem Raum, der plötzlich sehr weit und sehr leer geworden ist.

Dein Gedanke zum „dünnen Morgen“ hat mich tief angesprochen. Vielleicht ist er wirklich ein wenig wie dünnes Eis – man spürt unter den Schritten das Wasser der Erinnerungen, das trägt und zugleich schmerzt.

Ich glaube, die Stille sammelt alles, was einmal gesagt, geliebt und geteilt wurde. Nichts davon geht verloren. Es wandert nur in diese leisen Räume, in denen das Herz vorsichtiger zuhört.

Ich wünsche dir sehr, dass die Stille auch ihre warmen Seiten zeigt – jene, in denen Erinnerung wie ein kleines Licht brennt und nicht nur wie ein Schatten fällt.

Danke dir für deine feinen Gedanken zu meinem Gedicht.

Eine stille Umarmung
Saira

 Moppel antwortete darauf am 16.03.26 um 10:46:
die Stille war nie meine Feindin, Saira. ich kam schon als Kind gut mit ihr klar, als auf dem Hof von Oma nur die Geräusche der Tiere zu hören waren und ich es genoss...
lG von M.

 Saira schrieb daraufhin am 16.03.26 um 14:12:
Ich freue mich, dass die Stille für dich nie eine Feindin war, Moppel. Manche Menschen brauchen ein ganzes Leben, um mit ihr Frieden zu schließen. Du hattest offenbar schon früh eine stille Verbündete an deiner Seite.

LG
Saira

 Reliwette (16.03.26, 11:28)
hallo, liebe Saira,
solche weiterführende Gedanken lassen mich  s t i l l werden, denn Stille kann auch Einsamkeit begleiten. Andererseits habe ich zuweilen Gedanken an Gehörlose ( Menschen), die mit ihrem defekten Organ leben - und zurechtkommen.
In unserer lauten, und von Getöse dominierten Alltagswelt ist die Stille allerdings Balsam für die geschundene Seele oder Psyche.
Es ist ja nicht nur Presslufthämmern um uns, sondern auch böse Gedanken , Fantasien und Taten um uns, die tief in uns eindringen. Dann ist Stille besonders segensreich.
Schöner Text, Saira!
Gruß vom Reli, der mit 83 noch recht gut hören und verstehen kann.
;-)

 Saira äußerte darauf am 16.03.26 um 14:21:
Lieber Reli,

dein Gedanke an gehörlose Menschen hat mich nachdenklich gemacht. Vielleicht kennen sie eine andere Form von Stille als wir – eine, in der Augen, Hände und Gesichtsausdrücke sprechen. Vielleicht hören sie auf eine Weise, die wir Hörenden oft verlernt haben.

Und nun zu deinem kleinen, augenzwinkernden Nachsatz, der mir ein Lächeln geschenkt hat: 83 Jahre – und du kannst noch gut hören! 

Ich vermute fast, lieber Reli, dass dein gutes Hören nicht nur mit den Ohren zu tun hat. Wer mit 83 noch die leisen Zwischentöne eines Gedichts wahrnimmt, der hört wahrscheinlich auch mit etwas anderem: mit Erfahrung, mit Aufmerksamkeit – vielleicht sogar ein wenig mit dem Herzen.

Danke dir für deine nachdenklichen Worte zu meinem Gedicht. Sie haben die Stille darin noch einmal auf ganz eigene Weise zum Klingen gebracht.

Herzliche Grüße
Saira

 DanceWith1Life (16.03.26, 14:25)
Die Stille geht barfuß durch die Häuser der Menschen, das ist großartig und sollte ins Zentrum dieser Zeilen, den Rest würde ich vorsichtig zur Stickerei vieler Beobachtungen knüpfen, dass der Musik dann eine tragende Rolle zufällt, wäre nur konsequent.
So lese ich es zumindest.

 Didi.Costaire (16.03.26, 14:39)
Schön Sigi,

tolle Worte fein gewebt, da mache ich es wie der Mond.

Liebe Grüße, 
Dirk

Kommentar geändert am 16.03.2026 um 14:40 Uhr
Zur Zeit online: