Kriegskinder

Gedicht zum Thema Krieg/Krieger

von  AnneSeltmann



kriegskinder
tragen den lärm
noch Jahre später
unter der haut

 

ein fallender teller

 

und plötzlich
zittert der raum
wieder

 

sie lernen früh

dass fenster
splittern können

 

und nächte
keine sicheren orte sind

 

manche von ihnen
sprechen nie darüber

 

nur ihre hände
werden still

 

wenn irgendwo
sirenen beginnen

 

sie tragen
den hunger weiter

 

in schubladen voller vorräte

in sätzen wie
heb das lieber auf

und selbst im alter

schlafen manche
noch immer
mit einem ohr
in der vergangenheit

doch manchmal

wenn sonne
durch gardinen fällt

sieht man
für einen augenblick

das kind
das eigentlich
nur leben wollte




Inspiriert durch 
Saira

Danke!



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Kommentare zu diesem Text


 niemand (15.05.26, 16:38)
@ Anne
Meine Eltern und auch Schwiegereltern waren zwar keine Kinder, aber verletzt genug, um ein Leben lang Symptome zu zeigen, wie zum Beispiel:


sie tragen
den hunger weiter
 
in schubladen voller vorräte
Meine Schwiegermutter hat Mehl gehortet, aus Angst kein Brot mehr zu bekommen, lange noch, fast bis zu ihrem Ende. Die beiden Väter sprachen ein Leben lang kaum über ihr Befinden und ihr Trauma. Bloß nichts von sich verraten, bloß keinen Krümmel verschwenden etc. Sie waren alle depressiv und haben das an uns weiter gereicht, ohne Vorsatz, einfach nur weil sie nicht anders konnten. Was mir an Deinem Gedicht besonders gefällt ist, dass Du nicht zu stark ausmalst, was natürlich knapp am Kitsch enden könnte. Du schaffst es mit relativ schlichten Worten ein Gedicht zu schaffen, das tief ist, 
Das ist für mich gute Dichtung. LG Irene

Kommentar geändert am 15.05.2026 um 16:39 Uhr

 AnneSeltmann meinte dazu am 16.05.26 um 09:46:
Guten Morgen liebe Irene!

Meine Eltern haben den Krieg hautnah erlebt, mein Vater war in Russland Gefangener. Beide haben das Grauen kennengelernt... sie haben wenig darüber gesprochen. Mein Vater mehr, um diese Dinge vielleicht aus seinem Kopf zu bekommen. 
Meine Mutter hat als Kind arg hungern müssen, dementsprechend hat sie alles essbare gehortet und im Erwachsenenalter viel gegessen, so als wenn es das letzte Mal wäre.

Ich danke dir für deinen Lob!

Liebe Grüße

Anne

Antwort geändert am 17.05.2026 um 05:27 Uhr

 Saira (15.05.26, 19:22)
Liebe Anne,

du fängst diese stille, bleibende Last ein, die Kinder des Krieges unter der Haut tragen, und doch lässt du einen Lichtblick durchscheinen: das Kind, das „eigentlich nur leben wollte".

Du nutzt kleine Alltagsbilder: der fallende Teller, die Schubladen voller Vorräte und damit zeigst du, wie Traumata sich in jedem Winkel des Lebens festsetzen. Es ist leise, aber unglaublich eindringlich.

Dass du dich durch mein Anti-Kriegs-Gedicht inspiriert gefühlt hast, ehrt mich sehr. Dein Text ist ein eigenes, kraftvolles Zeugnis: sensibel, schonungslos und doch voller Menschlichkeit.

Herzliche Grüße
Sigrun

 AnneSeltmann antwortete darauf am 16.05.26 um 09:48:
Vielen Dank, liebe Sigrun. Wenn ich in ein Gedicht eintauche, so wie in deinem, dann spüre ich es förmlich und ich muss es sofort niederschreiben. Es hat mich tief bewegt!

Danke!

Herzliche Grüße zurück

Anne

 EVdR (16.05.26, 12:17)
Gegen das Schweigen:
Es erstaunt mich zutiefst – und erschreckt mich zugleich –, wenn ich sehe, wie präzise und tiefgreifend dieses Trauma an die Generation der Boomer weitergegeben wurde.

Deine Zeilen, Anne, treffen eine nackte Realität. Die „Schubladen voller Vorräte“ und das „Ohr in der Vergangenheit“ sind keine Metaphern, es waren die Kulissen unserer Kindheit. Es war das Erbe einer Eltern-Generation, die vergessen und uns gleichzeitig beschützen wollte.

Der eiserne Satz unserer Eltern: „Es gab ein Drittes Reich, es war schrecklich. Es reicht, mehr braucht Ihr nicht wissen!“ wurde für uns Boomer zum Gefängnis einer verordneten Unwissenheit. Uns wurde zwar zugerufen: „Wehret den Anfängen!“ – aber wie erkennt man den Anfang, wenn das Ende nie ausgesprochen werden durfte?

Wenn die Väter schwiegen und flüchteten (wie in der absoluten, fast eisernen Korrektheit eines Beamtenlebens, um den inneren Kanonendonner zu übertönen) und die Mütter noch im Alter zitternd von den „Christbäumen“ am schwarzen Nachthimmel erzählten, dann wanderte das Trauma ungefiltert weiter. Von den zitternden Händen der Eltern direkt in die ratlosen Seelen der Kinder.

Danke für dieses leise, aber unerbittlich wahre Zeugnis.

EVdR

 hei43 schrieb daraufhin am 16.05.26 um 14:53:
Liebe Anne,
ein Trauma lebt in der Seele bis ins hohe Alter weiter, kehrt mit Erinnerungen plötzlich zurück, die genauso empfunden werden wie in der Realität vergangener Zeit, mit Tränen oder Schmerz,
liebe Grüße Heidrun

 AnneSeltmann äußerte darauf am 17.05.26 um 05:32:
Liebe Heidrun,

ja, genau das macht ein Trauma so schwer greifbar – die Zeit vergeht, aber bestimmte Erinnerungen altern nicht mit. Sie bleiben irgendwo im Inneren lebendig und können durch einen Geruch, ein Geräusch oder einen einzigen Gedanken plötzlich wieder da sein, als wäre alles erst gestern gewesen.
Teo (73)
(16.05.26, 14:59)
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 AnneSeltmann ergänzte dazu am 17.05.26 um 05:35:
Lieber Teo!

Danke Dir. Ich glaube, „lapidar“ war es eigentlich nicht gemeint. Eher zurückgenommen, still und ohne große dramatische Worte. Gerade weil Kriegskinder oft gelernt haben zu schweigen, wollte ich das Gedicht nicht laut machen. Der Schmerz steckt dort eher zwischen den Zeilen – in den kleinen Dingen wie einem fallenden Teller, Vorratsschubladen oder dem Schlaf „mit einem Ohr in der Vergangenheit“.


Liebe Grüße

Anne
Manchmal erzählen leise Bilder mehr über Angst und Erinnerung als große Worte es könnten.
Teo (73) meinte dazu am 17.05.26 um 10:46:
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