Jeff sah tatsächlich aus wie früher, neat and proper. Genauso wie damals, als ich bei ihm wohnte; über drei Monate USA.
Jeff hatte sich gar nicht verändert. Er war immer noch so positiv, so „hey, come on!“
Wir fuhren dann zur Kundgebung ins Basballstadion. Riesenauflauf. Leute mit Banderolen, mit Fähnchen, mit bunten Hütchen. Auf dem Podest in der Mitte ein Redner, rote Krawatte, blauer Anzug. Das große silbern-blinkende Mikrophon umkrallte er, sein Mund überdimensioniert, und der zermalmte förmlich jedes Wort, als sei es Chewing Gum.
Jeff lotste mich durch die Menge ganz nach vorne. Er strahlte, schlug mit allerlei Leuten ab – give me five! Immer wieder brandete Jubel auf, dann kamen wieder markige Fetzen aus den Lautsprechern, und fast wie auf Kommando gellte wieder das Gekreische hoch. Ich sah die Leute aufspringen, wild gestikulierend. Dann war wieder angespanntes, geradezu gieriges Lauschen. Der Lautsprecher überschlug sich, es bellte kehlig, auffordernd - prompt tobte der Jubel wieder los
Ich hätte die Wortsalven gerne verstanden, war deswegen hochkonzentriert, doch es war wie eine andere Sprache im Lautsprecher - nein, es war schon Englisch, aber verzerrt, wummernd, wie falsch ausgesteuert. Merkwürdig: ich war wohl der einzige, der hilflos links und rechts schaute – alle anderen zogen dieses kurze, markige Gebell mit Inbrunst in sich hinein. Auch Jeff glühte förmlich.
Ich verstand kein Wort. Wieder gab es Anlass zum Aufjauchzen. Jeff riss die Arme hoch, er warf mir einen wilden Blick zu, um sich kurz dann ganz dicht an mein Ohr zu drücken: „He´s great, yeah!“ Und dann zeigte sein einer Arm in Richtung Podest, mit dem anderen schlug er mir gegen die Schulter. „The President!“ Und ich sollte gefälligst mitjubeln.
No, wollte ich brüllen, no, I can´t, aber es ging nicht. Mein Hals war wie zugeschnürt.
„Werd mal langsam wach,“ hörte ich plötzlich die Stimme meines Sohnes. Er hatte mich leicht an der Schulter gerüttelt. Kein Gebrüll – ich verstand auf Anhieb jedes Wort. „Frühstück ist schon seit zehn Minuten fertig…“ Wieder Sprache fein artikuliert, sanfter Mitteilungston.
Als ich kurz danach am Esstisch Platz nahm, halbwegs von meinem Hexentanz-Traum erholt, musste ich wenigstens mit einem Satz loswerden, was mir da wiederfahren war.
„Lute, ich glaube: Sprache braucht gar keine Inhalte. Sie muss nur Instinkte bedienen.“