Die Andere

Gedicht zum Thema Verlangen

von  Saira

Eigentlich hatte er nicht vor,
sich verführen zu lassen.

 

Zumindest nicht heute.

 

Er hatte vor, vernünftig sein.

 

Aber dann war da ihr Duft.

 

Herb.
Verheißungsvoll.

 

Und diese unverschämte Gelassenheit,
mit der sie einfach da lag,
als wüsste sie genau,
dass Widerstand zwecklos war.

 

Er versuchte,
sich zusammenzureißen.

 

Mit mäßigem Erfolg.

 

Immer wieder glitt sein Blick
zu ihren Schenkeln.

 

Sanfte Rundungen,
golden gebräunt,
im Licht beinahe sündhaft.

 

Sein Blick blieb daran hängen.

 

Löste sich.

 

Kehrte zurück.

 

Es wurde allmählich peinlich.

 

Er räusperte sich.

 

Als würde das helfen.

 

Tat es nicht.

 

Da war diese Wärme.

 

Diese Farbe.

 

Dieser Glanz.

 

Und diese stille Einladung,
die vermutlich gar keine war
und trotzdem wie eine wirkte.

 

Er wusste,
dass er verlieren würde.

 

Nicht irgendwann.

 

Sondern jetzt.

 

Er kam näher.

 

Langsam.

 

Fast andächtig.

 

Ein letzter Versuch,
den Augenblick auszukosten.

 

Die Fingerspitzen glitten
über die Rundung.

 

Ein leises Knacken.

 

Ein Hauch von Glück.

 

Ein kurzes Schließen der Augen.

 

Dann gab er nach.

 

Vollständig.

 

Fünf Minuten später
saß er vor einem leeren Teller,
ein paar blanken Knochen
und der ernüchternden Erkenntnis gegenüber,

 

dass er sich gerade,

 

hoffnungslos,

 

ohne jede Würde,

 

zwei Hähnchenschenkel

 

einverleibt hatte.

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Kommentare zu diesem Text


 franky (18.06.26, 10:52)
Hi liebe Sigi, 

Du machst mir den Mund wässrig,
vielleicht hole ich mir ein fertiges Hühnchen 
im Interspar.  

Wünsche Dir auch guten Appetit! 

grüße von Franky

 Reliwette (18.06.26, 11:12)
Nee, neee, neee,liebe Saira,
              ich habe gedacht, jetzt kommt ein fetter Text ab 18,
hatte schon die Vorhänge zugezogen, und dann  kommt das Wienerwald Hähnchen! Ich habe natürlich die Vorhänge sofort wieder
aufgezogen. Was sollen die Nachbarn von mir denken?
 Lieber Gruß! Reli
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