Ein Streichholz im Dunkel

Gedicht zum Thema Liebe und Vertrauen

von  Saira

Er sprach langsam,
als müsste jede Silbe
durch zerbrechliche Stille wandern.
Seine Schritte
folgten einer eigenen Geografie,
ein leichtes Verrücken der Zeit,
als verhandle sein Körper
mit unsichtbaren Strömungen.

 

Zwischen ihnen lag zuerst
nur die vorsichtige Entfernung
zweier Winterfenster –
blind geworden
von Atem und alten Erschütterungen.

 

Dann stand sie eines Nachmittags
vor seiner Tür,
den Mantel noch voller Novemberwind,
die Schultern schwer von Einsamkeit.
Selbst das Schweigen
schien behutsam Platz zu machen.

 

Sie lauschte ihm,
als würde irgendwo
in einem verlassenen Haus
wieder ein Streichholz aufflammen.

 

Sein Körper
war kein beschädigtes Land,
eher ein Himmel
voll eigensinniger Sternbahnen.


Vieles darin verlief anders,
langsamer,
auf lautlosen Umwegen.

 

Und sie begann,
gerade diese fremden Gezeiten zu lieben.

 

Denn seine Nähe
entlarvte die Welt:
all die gesunden Menschen
mit ihren verirrten Berührungen,
ihren hastigen Händen,
ihren hungernden Herzen.

 

Wenn sie nebeneinandersaßen,
schien selbst die Zeit
das Ticken zu vergessen.
Dann blieb nur noch
dieser seltsame Liebeszauber –

 

als hätten zwei verletzbare Planeten
nach langer Irrfahrt
dieselbe Schwerkraft gefunden.

 

Und vielleicht liebte sie ihn,
weil seine Nähe
die Welt stiller machte.
Weil er sie ansah,
nicht als Körper,
den man besitzen kann,
sondern als Mensch,
dessen Verwundbarkeit
er sanft berührte.

 

Und eines Abends,
als ihre Schultern einander streiften,
war es,
als hätten zwei erschöpfte Sterne
aufgehört,
einsam durchs Dunkel zu treiben.


 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Anmerkung von Saira:

Dieses Gedicht erzählt von einer Liebe, die nicht auf Perfektion blickt, sondern auf das leise, verletzliche Wesen eines Menschen. Die körperliche Behinderung wird dabei nicht zum Mittelpunkt gemacht, sondern zu einem Teil seiner eigenen Sternenbahn – etwas, das ihn prägt, aber nicht begrenzt. Der „Liebeszauber“ entsteht aus Behutsamkeit, Geduld und dem seltenen Augenblick, in dem zwei Menschen aufhören, sich voreinander zu verstecken.

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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (11.05.26, 15:57)
Au Backe, liebe Saira, dein Gedicht hat Wurzeln, die tatsächlich aus weit entfernten Windungen entsprangen, Gegenwart mit Vergangenem in ein inniges Verhältnis setzen und sich auf neue Wege einlassen. Du beschreibst eine Liebe, die auf unbedingtem Vertrauen aufbaut, auf Wertschätzung, in der sich einer / eine dem/ der anderen
geborgen fühlt., in der Oberflächlichkeit kein Raum zur Verfügung steht. Das muss eine späte Liebe sein, für die ein neuer Garten gepflanzt werden kann, in dem sich Raum und Zeit in einanderr verlieren.
Das ist ein sehr umfassendes Gedicht! Woher nimmst du die Kraft für solche Zeilen?
Mit herzlichem Gruß!
DerReli

 Saira meinte dazu am 11.05.26 um 19:43:
Lieber Reli,

dein Kommentar berührt mich sehr. Ich freue mich, dass du die leise Verwobenheit von Gegenwart und Erinnerung spürst.

 
Für mich entsteht Kraft aus dem genauen Hinschauen auf Menschen und Momente und aus dem Versuch, das Verletzliche und Kostbare zu bewahren, bevor es überhört wird.

Danke für deine warmen Worte.
 
Herzliche Grüße
Saira


P.S.: Auch deine Sternchen freuen mich natürlich sehr!

 Moppel (11.05.26, 18:27)
weil er sie ansah, nicht als Körper, sondern als Mensch..."- dieser Satz bedrückt, Saira. Weil er impliziert, dass es so etwas selten gibt. Sagt, dass die meisten Menschen ihr gegenüber nur als Körper sehen, als Teil für Begierde. Dem kann ich persönlich nicht folgen.
Habe dies nicht erlebt.

Die stille Liebesgeschichte doch, die zart spinnt, gefällt mir gut.
lG von M.

 Saira antwortete darauf am 11.05.26 um 19:44:
Hallo Moppel,

ich verstehe, was du meinst. Dieser Satz wirkt bewusst selten, fast fragil. Er soll nicht die Regel darstellen, sondern den kleinen, kostbaren Augenblick, in dem Menschen einander wirklich sehen. Schön, dass du die stille Liebesgeschichte dennoch so aufgenommen hast.

 
Danke und liebe Grüße
Saira
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