Crevetten in Safransauce

Prosagedicht

von  Redux

Da gibt es die Crevetten in einer leichten Safransauce
auf einem silbernen Teller bei Kerzenlicht
und das vergammelte Pizzastück mit eingetrockneter Tomatensoße,
kaum zu erkennen in einem Ball aus quirligen weissen Maden.

Es gibt auch Plankton und den tonnenschweren Pottwal,
der das Plankton frisst.

Es gibt den Rentner, der seit zehn Jahren fernsieht,
dessen Augen nur noch einen Bildschirm sehen,
der ihn zerfrisst und immer neuen Zorn entzündet,
der sich Tag für Tag auf seine Ehefrau ergießt
und sie mürbe macht, solange er oder sie leben wird,
aber es gibt auch die gemeinsame Geschichte,
die einmal war vor eintausend Jahren,
bestehend aus einem leuchtenden Pfad,
den sie einschlugen, um ihn bis an das Lebensende zu gehen.

Da gibt es Urwälder und Eiswüsten.

Und es gibt gregorianische Gesänge und Ghettomusik
und die Vermutung: es geht in die gleiche Richtung.

Einbahnstraßen, Kreisverkehre und Alleen zur untergehenden Sonne.

Es gibt Schreie voller Lebenslust.
Und es gibt Schweigen.

Es gibt die Mutter, die den Säugling an ihrer Brust stillt.
Und es gibt Elternmörder.

Es gibt Kaiser Nero, William Shakespeare und Albert Schweitzer.
Aber es gibt auch ungezählte Föten, die nie leben durften.

Und es gibt eine Vergangenheit und eine Zukunft
und ein maßloses Etwas, das dazwischen liegt.

Es gibt ein kleines Mädchen, das spielt im Sand,
es nimmt Zweige und Steine und baut einen Zoo.
Und dann gibt es diesen Mann, der das Kind
missbraucht und ihm die Kehle zerdrückt.
Aber es gibt auch diesen Mann vor vielen Jahren,
ein kleiner Junge, der Zweige und Steine nimmt
und einen Zoo baut.

Da gibt es zwischen den Dingen nur Fragen.
Und wir nehmen den Dunsthauch der Antworten wahr,
wenn sie wie Schemen ins Ungewisse driften.

Genau im Zentrum,
in der millimetergenau bemessenen Mitte,
liegt das nicht Definierbare.
Das bestenfalls Erahnbare.

Und müsste ich dem einen Namen geben,
sollte ich Wahrheit oder Gott oder Erkenntnis sagen,
so bräche Schweigen oder Gelächter aus.
Denn jene Namen verfehlten die Mitte,
verlören sich rechts und links
und verschwänden.



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Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (16.07.26, 06:43)
Das Tragische an diesem dualen System ist, dass die Crevetten in Safransauce eine Ausnahme bilden, das madenreiche Restleben aber das Alltägliche.


Zuweilen fällt es schwer, sich einen Gott vorzustellen, der am siebten Tag die Hände über dem Bauch zusammenfaltet und sein Werk zufrieden als vollendet zeichnet. ---

Jedenfalls: Dein Werk ist aus meiner Sicht monumental und ganz, ganz wunderbar!
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