Schlickseim
Text
von Isensee
Ich zog aus dem Reudnitzloch aus, weil dort die Menschen zu laut atmeten. Das war der offizielle Grund. Der wahre war komplizierter und deshalb weniger brauchbar. Ich hatte aufgehört, sie zu ertragen. Man kann einen Menschen lange ertragen. Man kann sogar zwei Menschen ertragen, wenn einer davon schläft. Drei werden bereits mathematisch. Vier sind Architektur. Ab fünf beginnt die Religion. Ich wollte keine Religion mehr. Ich wollte ein Zimmer. Also packte ich drei Hemden ein, einen Pullover, zwei Bücher, die ich nicht mochte, ein Notizbuch und eine Plastiktüte, in der einmal Orangen waren. Das war mein Besitz. Das und diese Sache im Kopf. Diese schleimige kleine Sache. Menschen, die im Hausflur ihre Schlüssel suchen und dabei aussehen, als hätte die Welt sie persönlich damit überrascht, dass Türen verschlossen sind. Menschen, die „ganz ehrlich“ sagen und danach lügen. Menschen, die „kein Problem“ sagen und damit ein Problem meinen, das sie nur noch nicht ausgesprochen haben. Menschen, die langsam gehen. Menschen, die schnell gehen. Menschen, die irgendwohin gehen. Das war das Schlimmste. Dieses ewige Irgendwohin. Ich schrieb damals in mein Notizbuch: THE WORLD WOULD BE BEAUTIFUL IF EVERYBODY WOULD LEAVE. Darunter, kleiner: Especially me. Ich fand das witzig. Später fand ich es prophetisch. Heute finde ich es nur noch peinlich. Das ist wahrscheinlich Fortschritt.
Reudnitz war nicht hässlich. Hässlichkeit wäre wenigstens eine Behauptung. Reudnitz war müde. Das Reudnitzloch war die Müdigkeit, die sich ein Zimmer genommen hatte. Die Häuser standen da, als hätten sie gekündigt. Die Leute standen davor und rauchten. Warum rauchen Menschen eigentlich immer vor Gebäuden, in denen sie gerade noch drin waren? Als müssten sie sich selbst kurz verlassen. Ich ging mit meinem Koffer die Straße runter. Ein Mann sagte in sein Telefon: „Das muss man einfach mal pragmatisch sehen.“ Ich blieb stehen. Ich wollte ihn nicht töten. Ich wollte nur, dass das Universum ihn für acht Minuten vergisst. Das wäre gerecht gewesen. Acht Minuten. Ich ging weiter. Mein Koffer rollte hinter mir her wie ein kleiner, gehorsamer Hund, der mich verachtet. Ich verstand ihn.
Auf Ibiza lernte ich, dass die Menschheit nicht böse ist.
Das wäre beinahe tröstlich gewesen.
Sie ist beschäftigt.
Das ist schlimmer.
Sie steht morgens auf und beginnt sofort mit der Herstellung von Nebensächlichkeiten.
Sie verschickt Nachrichten über Nachrichten, in denen keine Nachricht enthalten ist.
Sie trifft sich, um darüber zu sprechen, dass man sich unbedingt mal treffen müsste.
Sie macht Pläne, damit später etwas dazwischenkommen kann.
Sie nennt das Leben.
Ich nannte es Wellenvergiss.
Man wird von einer kleinen Welle aufgehoben, vergisst kurz, dass man existiert, landet auf einer anderen kleinen Welle und dort wartet bereits jemand und fragt:
„Na, wie geht's?“
Ich hasse diese Frage.
Nicht weil ich nicht antworten kann.
Sondern weil ich kann.
„Gut.“
Die größte Lüge der Menschheit.
Nicht die größte.
Nur die praktischste.
Auf Ibiza war der Himmel zu groß für die Menschen und sie füllten ihn trotzdem.
Mit Musik.
Mit Körpern.
Mit weißen Hemden.
Mit Menschen ohne Hemden.
Mit Sonnenbrillen.
Mit Zähnen.
Vor allem mit Zähnen.
Sie tanzten, als hätte ihnen jemand gesagt, dass die Welt untergeht, aber erst Montag.
Ich saß am Rand und trank etwas Kaltes.
Ein Mann setzte sich neben mich.
„Amazing, isn't it?“
Ich sah aufs Meer.
„Yes.“
Er meinte die Menschen.
Ich meinte, dass er endlich schwieg.
Das war meine erste echte Freundlichkeit seit Jahren.
Ich hatte damals schon angefangen, Listen zu führen. Nicht von Menschen. Von Eigenschaften. Langsamkeit. Dummheit. Lügen. Eitelkeit. Ratschläge. Selbstzufriedenheit. Menschen, die beim Einsteigen in die Bahn mitten in der Tür stehen bleiben, als wären sie soeben von einer höheren Macht dort abgestellt worden. Menschen, die „ganz ehrlich“ sagen. Menschen, die „am Ende des Tages“ sagen. Menschen, die von Authentizität reden und dabei einen Hut tragen. Menschen, die ihren Hund „mein Baby“ nennen. Menschen, die ihre Kinder „kleine Monster“ nennen und dabei stolz aussehen. Menschen, die einem erklären, wie man sein Leben führen soll, während ihr eigenes aussieht wie eine schlecht gefaltete Quittung. Die besonders Schlimmen waren jene, die alles über dein Leben wussten, nachdem sie drei Minuten darin verbracht hatten. „Du musst loslassen.“ „Du musst an dich glauben.“ „Du musst positiver denken.“ Die Menschheit hatte offenbar beschlossen, Leiden dadurch zu bekämpfen, dass sie ihm Ratschläge gibt. Das ist sehr menschlich. Und deshalb unerträglich.
In Lissabon wurde ich schlechter. Das war gut. Schlechtere Menschen sind leichter zu beschreiben. Lissabon war eine Stadt, die sich selbst langsam bergab schiebt und dabei so tut, als sei das Architektur. Ich liebte sie sofort. Die Straßen waren steil. Die Häuser müde. Die Menschen freundlich. Das machte alles schlimmer. Freundliche Menschen sind die gefährlichsten. Man kann ihnen keinen vernünftigen Hass entgegenbringen. Sie halten dir die Tür auf. Sie lächeln. Sie sagen obrigado. Sie lassen dich zuerst gehen. Und plötzlich bist du gezwungen, sie zu mögen. Das ist Gewalt. Ich wohnte in einem Zimmer über einer Bar. Jede Nacht Stimmen. Lachen. Gläser. Musik. Leben. Ich lag auf meinem Bett und wartete darauf, dass die Welt endlich aufhört, sich bemerkbar zu machen. Sie tat es nicht. Also schrieb ich. Nicht weil ich etwas zu sagen hatte. Das wäre zu hoch gegriffen. Ich schrieb, weil die Wand nichts zurückschrieb. Das ist ein guter Grund für Literatur. Vielleicht sogar der beste.
Ich lernte Ana kennen. Oder sie mich. Keine Ahnung. Sie saß am Fluss und sah aus, als würde sie niemandem beweisen müssen, dass sie existiert. Das machte mich sofort misstrauisch. Wir redeten. Sie fragte, woher ich komme. „Leipzig.“ „Und warum bist du hier?“ „Wegen der Stadt.“ „Warum Lissabon?“ „Wegen des Lichts.“ „Und was machst du?“ „Ich schreibe.“ Sie lächelte. Da wusste ich, dass sie mich bereits überschätzt hatte. Wir saßen am Tejo. Ein Schiff bewegte sich auf dem Wasser. Ein Mann fotografierte es. Eine Frau fotografierte den Mann, der das Schiff fotografierte. Ich sagte: „Das ist die Zivilisation.“ Ana sagte: „Nein.“ „Was dann?“ „Dienstag.“ Ich sah sie an. Sie lachte. Ich hätte sie beinahe geliebt. Beinahe ist eine der saubersten Formen des Versagens.
Später fragte ich sie: „Glaubst du, die Menschheit wird aussterben?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Natürlich.“ „Und?“ „Was und?“ „Das stört dich nicht?“ „Warum sollte es?“ „Weil wir Menschen sind.“ Sie sah mich an. „Das ist kein Argument.“ Das hasste ich. Nicht weil sie falsch lag. Sondern weil sie das Argument nicht einmal brauchte. Ich ging. Auf dem Heimweg sah ich einen alten Mann, der einem Kind zeigte, wie man eine Taube füttert. Das Kind lachte. Der alte Mann lachte. Die Taube fraß. Drei Wesen. Keine Theorie. Nur drei Wesen, die für einen Moment keinen Grund brauchten. Ich hätte sie hassen sollen. Ich versuchte es. Ich konnte nicht. Das machte mich wütend. Also erfand ich eine neue Kategorie: Menschen, die mich daran hindern, Menschen zu hassen. Sie war leer. Noch.
Es ist leicht, die Menschheit zu hassen, wenn man sich für ihren Beobachter hält. Schwieriger wird es, wenn man erkennt, dass man ihr Produkt ist. Ich war kein Gegenentwurf. Ich war ihre klebrigste Konsequenz. Schlickseim. Mensch in seiner feuchtesten Form. Ich schleimte mich durch Räume, in denen ich nichts zu suchen hatte. Ich nahm ihre Tonfälle an. Ihre Wörter. Ihre kleinen Gesten. Ich sagte „absolut“, wenn sie „absolut“ sagten. Ich sagte „spannend“, wenn sie „spannend“ sagten. Ich sagte „müssen wir unbedingt mal machen“, wenn ich wusste, dass wir es niemals tun würden. Ich konnte jeden mögen, wenn es mir nützte. Ich konnte jeden verachten, sobald er gegangen war. Das war meine Begabung. Ich war nicht mutig. Ich war nicht besonders klug. Ich war nicht einmal besonders interessant. Ich war nur bereit, mich selbst aufzugeben. Und vielleicht war genau das der einzige Grund, warum man mich lieben konnte. Selbstaufgabe ist eine schöne Eigenschaft. Vor allem bei Menschen, die man nicht selbst sein muss. Ich war der widerlichste Mensch, den ich kannte. Und das Schlimmste daran: Ich war angenehm.
Da kam der Iron Gardener. Nicht wirklich. Es gab keinen Mann. Keinen Garten. Kein Eisen. Nur diese Vorstellung. Dass man die Welt beschneiden könnte. Dass man die Menschen sortieren könnte. Dass man sagen könnte: Du bleibst. Du nicht. Du bist zu laut. Du bist zu langsam. Du lügst. Du redest zu viel. Du weißt nichts. Du weißt alles. Du bist hässlich. Du bist schön und weißt es. Du bist schön und weißt es nicht. Du bist gefährlich. Du bist langweilig. Du bist mir ähnlich. Das letzte war immer das schlimmste. Ich schrieb: IRON GARDENER. Ich schrieb es auf meinen Arm. Nicht tätowiert. Nur Kugelschreiber. Nach zwei Tagen war es weg. Das erschien mir angemessen. Ich war kein Monster. Monster haben wenigstens eine Form. Ich war Schleim. Schlickseim. Ich kroch durch Gespräche und hielt mich für einen Beobachter. Dabei war ich nur ein besonders feuchter Teil derselben Suppe.
Dann begann ich über das Aussterben nachzudenken. Nicht dramatisch. Nicht mit Feuer. Nicht mit irgendeinem Hollywood-Untergang. Der Untergang der Menschheit würde wahrscheinlich enttäuschend sein. Ein Server fällt aus. Eine Lieferkette stockt. Jemand klickt auf den falschen Button. Eine Regierung sagt, alles sei unter Kontrolle. Dann ist nichts mehr unter Kontrolle. Vielleicht würde die Menschheit auch einfach irgendwann aufhören. Nicht mit Knall. Mit einem kleinen Fehler. Ein Mensch vergisst etwas. Dann vergisst jemand anderes etwas. Dann wird etwas nicht repariert. Dann wird etwas nicht weitergegeben. Dann ist die Sprache weg. Dann der Name. Dann die Stadt. Dann der letzte Mensch, der wusste, dass es diese Stadt überhaupt gab. Das gefiel mir. Es war würdig. Es war menschlich. Es war fast schön. Und genau da merkte ich, dass mein Hass eine Form von Eitelkeit war. Das war unangenehm. Hass hatte mir gefallen, solange ich glaubte, er mache mich größer. Ich war nicht einer von ihnen. Ich war der Beobachter. Der Gärtner. Derjenige, der das Unkraut erkannte. Bullshit. Ich war mitten drin. Ich war das Unkraut mit Literaturstudium.
In dieser Nacht begann der Abgrundgesang. Nicht wirklich. Es gab keinen Gesang. Nur die Klimaanlage. Aber mein Kopf machte daraus Musik. Eine tiefe, monotone Frequenz. Ich hörte darin die Namen der Männer, die geglaubt hatten, die Welt könne besser werden, wenn weniger Menschen darin wären. Vlad. Genghis. Nero. Mussolini. Hitler. Die ganze verdammte Galerie. Ich empfand keine Bewunderung. Nur Ekel. Ich wollte nie ihr Schüler sein. Ich wollte ihr Echo sein. Das ist etwas anderes. Ein Echo trägt keine Verantwortung für den Schrei. Es wiederholt nur. Come back. Das sagte ich. Come back. Nicht weil ich sie wollte. Sondern weil ich wissen wollte, ob die Geschichte wirklich so dumm war, wie sie klang. Come back. Die Worte wurden kleiner. Dann größer. Dann wieder kleiner. Wellenvergiss. Ich stand am Fenster. Lissabon lag unter mir. Gelb. Weiß. Schwarz. Rot. Licht auf Stein. Stein auf Hügel. Hügel auf Meer. Meer auf nichts. Und plötzlich wusste ich: Ich hatte die ganze Zeit einen Fehler gemacht. Ich hatte geglaubt, ich hasste die Menschheit. Aber ich hasste nur die Tatsache, dass sie nicht verschwinden wollte. Das ist ein Unterschied. Ein großer. Ein kleiner. Ein verdammt beschissener Unterschied.
Am Morgen war die Menschheit noch da. Unverschämt. Ein Bäcker öffnete sein Geschäft. Eine Frau zog einen Rollkoffer über das Pflaster. Ein Mann stand auf der Straße und telefonierte. „Ich bin gleich da.“ Er war offensichtlich nicht gleich da. Früher hätte ich ihn dafür gehasst. Jetzt sah ich ihn nur an. Er war klein. Nicht körperlich. Existentiell. Wie wir alle. Er sagte: „Nein, wirklich. Fünf Minuten.“ Er log. Eine winzige Lüge. Eine vollkommen bedeutungslose Lüge. Keine Geschichte würde sich an sie erinnern. Kein Historiker würde sie untersuchen. Kein Dichter würde sie retten. Und doch war sie da. Fünf Minuten. Das ganze menschliche Drama in fünf Minuten. Ich ging weiter. Ana stand vor dem Haus. „Du siehst scheiße aus.“ „Danke.“ „War nicht nett gemeint.“ „Weiß ich.“ Sie sah mich an. Dann sagte sie: „Komm.“ Ich fragte nicht wohin. Das war neu. Wir gingen. Hinunter. Lissabon konnte nichts anderes.
Ich dachte an den letzten Menschen. Nicht wie er stirbt. Ich dachte daran, wie er lebt. Vielleicht sitzt er irgendwo. Ein Mann. Eine Frau. Keine Ahnung. Vielleicht ist er gar nicht besonders. Das wäre wichtig. Kein Held. Kein Auserwählter. Kein letzter König der Erde. Nur irgendein Idiot, der zufällig übrig geblieben ist. Er sitzt in einer Küche. Die Uhr funktioniert noch. Vielleicht. Der Kühlschrank brummt. Vielleicht. Er macht Kaffee. Und plötzlich merkt er: Niemand kommt. Kein Telefon. Keine Nachricht. Kein „bin gleich da“. Kein „sorry“. Kein „ganz ehrlich“. Kein „wir müssen reden“. Kein „ich liebe dich“. Kein „ich hasse dich“. Kein „wo bist du?“ Keine Antwort. Und dann versteht er vielleicht, dass er sein ganzes Leben lang geglaubt hat, Einsamkeit sei das Fehlen von Menschen. Aber nein. Einsamkeit ist das Fehlen der Möglichkeit, dass jemand kommt. Das ist etwas anderes. Und dann sitzt er da. Und das ist das Ende. Nicht Explosion. Nicht Feuer. Nicht Musik. Kaffee. Eine Tasse. Ein letzter Mensch. Ein Tisch. Ein Raum. Und niemand, dem er erzählen kann, dass er der letzte ist. Das fand ich plötzlich unerträglich. Die Einzelheiten. Den Mann, der immer zu spät kommt. Die Frau, die zu viel Salz nimmt. Das Kind mit der Taube. Den Idioten auf Ibiza. Den Lügner am Telefon. Den Typen im Reudnitzloch, der im Hausflur seine Schlüssel sucht. Ana. Vielleicht Ana. Vielleicht gar nicht. Das war der Moment, in dem ich verstand: Ich hatte den Fehler gemacht, das Ganze zu hassen. Dabei bestand das Ganze aus Dingen, die ich einzeln nicht verlieren wollte. Das war mein Problem. Das war vielleicht immer mein Problem.
Ich blieb stehen. Ana ging zwei Schritte weiter. Dann drehte sie sich um. „Was?“ „Nichts.“ „Du bist stehen geblieben.“ „Das ist nicht verboten.“ „Hab ich nicht gesagt.“ „Du guckst so.“ „Wie?“ Ich sah sie an. „Wie ein Mensch.“ Sie schwieg. Dann sagte sie: „Du bist auch einer.“ Das war grausam. Ich lachte. Ganz kurz. Nicht über sie. Nicht über die Welt. Nicht über mich. Einfach. Ein kleines, beschissenes Geräusch. Unnötig. Fast schön. Ich hasste es. Natürlich hasste ich es. Aber ich ging weiter.
Vielleicht ist Liebe die Weigerung, einen Menschen vollständig zu erklären. Das dachte ich. Und sofort fand ich den Satz verdächtig. Zu schön. Zu rund. Zu literarisch. Also strich ich ihn wieder. Vielleicht ist Liebe nur: Du gehst. Ich gehe. Wir wissen beide nicht wohin. Und keiner sagt: Das muss einen Sinn haben. Das gefiel mir besser. Wir kamen zum Wasser. Der Tejo war grau. Nicht traurig. Grau. Das ist etwas anderes. Ich sah hinüber. Auf der anderen Seite war nichts Besonderes. Eine Stadt. Ein Ufer. Himmel. Und diese ungeheure, stumpfe Gewissheit: Wir gehen unter. Alle. Nicht heute. Nicht unbedingt morgen. Aber sicher. Ich empfand keinen Triumph. Das war überraschend. Auch keinen Schmerz. Nicht genau. Eher dieses Wellenvergiss. Etwas hebt dich. Etwas senkt dich. Etwas hebt dich wieder. Du bist nicht frei. Du bist nur weniger sicher. Vielleicht ist das der einzige Anfang, den ein Mensch wie ich noch bekommt.
Ich dachte an den Iron Gardener. Ich sah ihn jetzt deutlich. Er trug mein Gesicht. Natürlich. Wer sonst? Seine Hände waren meine Hände. Sein Mund war mein Mund. Seine kleine, feige, lächerliche Gewissheit war meine. Ich hatte immer geglaubt, er würde kommen, um die Welt zu reinigen. Jetzt wusste ich: Er war längst da. Er war ich. Ich ließ ihn stehen. Nicht sterben. Nicht verschwinden. Nur stehen. Das ist schwerer. Vielleicht war das die erste Grausamkeit, die ich ihm verweigerte. Ana ging weiter. Ich folgte. Natürlich folgte ich. Das war mein Charakter. Meine Schwäche. Meine letzte Liebe. Meine einzige Tugend. Selbstaufgabe.
Die Menschheit würde aussterben. Ich wusste es. Sie wusste es nicht. Vielleicht war das der Unterschied zwischen uns. Vielleicht war das auch keiner. Ich hatte immer geglaubt, Wissen mache frei. Das ist eine Lüge, die intelligente Menschen erzählen, damit ihre Gefangenschaft kultiviert aussieht. Wissen macht nichts frei. Wissen macht nur die Wände sichtbar. Und da waren sie. Überall. Zeit. Körper. Sprache. Erinnerung. Sterblichkeit. Die verdammte Tatsache, dass alles, was man liebt, schon während man es liebt, aufhört, dasselbe zu sein. Wir gingen zwischen diesen Wänden hindurch. Ana neben mir. Ein Mensch neben einem Menschen. Das ist alles. Kein Wunder. Keine Rettung. Keine Bekehrung. Die Menschen blieben Menschen. Ich blieb Schlickseim. Lissabon blieb am Hang. Leipzig blieb hinter mir. Ibiza blieb irgendwo im weißen Nebel meiner schlechten Entscheidungen. Und über allem diese Gewissheit: Nichts davon bleibt. Nicht die Stadt. Nicht das Meer. Nicht Ana. Nicht ich. Nicht einmal der Satz darüber. Das war der Punkt. Nicht, dass alles endet. Sondern dass am Ende niemand mehr da ist, der das Ende interessant finden könnte. Das ist die einzige Gerechtigkeit, die ich je verstanden habe. Und vielleicht ist selbst das zu viel gesagt. Vielleicht ist es nur: Schluss.
Wir gingen weiter. Ein Schritt. Noch einer. Noch einer. Die Stadt bewegte sich. Die Menschen bewegten sich. Das Wasser bewegte sich. Alles ging irgendwohin. Keiner kam an. Ich dachte an das Reudnitzloch. An meinen Koffer. An die drei Bücher. An die Plastiktüte. An meinen Satz. THE WORLD WOULD BE BEAUTIFUL IF EVERYBODY WOULD LEAVE. Ich würde ihn nicht mehr unterschreiben. Ich würde ihn auch nicht widerrufen. Ich würde ihn liegen lassen. Wie alles. Wie uns. Wie die Welt. Wie den Hass. Wie den letzten Menschen. Wie mich. Ana sagte etwas. Ich verstand es nicht. „Was?“ Sie wiederholte es. Ich verstand es immer noch nicht. „Sag nochmal.“ Sie sagte es. Ich verstand es. Es war nichts Wichtiges. Das war das Wichtigste daran. Ich nickte. Wir gingen.
Später, viel später, wenn überhaupt noch jemand da sein sollte, würde vielleicht jemand die Tür öffnen. Eine alte Tür. Ein Zimmer. Ein Notizbuch auf dem Boden. Die erste Seite. Der Satz. Darunter nichts. Vielleicht würde dieser jemand lesen. Vielleicht würde er den Satz nicht verstehen. Vielleicht wäre Englisch längst tot. Vielleicht wäre Deutsch längst tot. Vielleicht wäre das Wort Mensch selbst nur noch ein Geräusch, das keiner mehr zuordnen kann. Vielleicht würde er das Notizbuch schließen. Vielleicht würde er es wegwerfen. Das wäre gut. Das wäre sogar besser. Denn Literatur ist nur ein besonders eleganter Versuch, nicht verschwunden zu sein. Und ich habe nie darum gebeten, elegant zu verschwinden. Ich wollte nur weg. Aus Leipzig. Aus Ibiza. Aus Lissabon. Aus mir. Aus dieser klebrigen, schleimigen, lächerlichen Menschenhaut. Ich wollte raus. Immer raus. Und dann habe ich verstanden: Man kann aus einer Stadt ausziehen. Man kann aus einem Land verschwinden. Man kann das Meer wechseln. Die Sprache wechseln. Die Frauen wechseln. Die Freunde. Die Wohnungen. Die Lügen. Die Namen. Man kann sogar seinen Hass wechseln. Aber wohin soll ein Mensch gehen, wenn er vor dem Menschen flieht? Das ist der kleine Witz. Der wirklich trockene. Der, der erst drei Tage später wehtut. Du nimmst dich mit. Natürlich. Du Vollidiot. Du nimmst dich immer mit.
Am Wasser blieb ich ein letztes Mal stehen. Ana war schon weiter. Ich sah sie an. Dann die Stadt. Dann das Meer. Dann meine Hände. Schlickseim. Noch da. Natürlich. Ich wartete auf das große Gefühl. Es kam nicht. Kein Frieden. Kein Vergeben. Kein Gott. Kein Ende. Nur Wind. Das war gut. Der Wind wollte nichts von mir. Das Meer auch nicht. Die Stadt schon eher. Die Menschen sowieso. Aber ich konnte ihnen diesmal nichts geben. Nicht einmal Hass. Ich war leer. Nicht poetisch leer. Nicht diese schöne literarische Leere, in der irgendwo noch ein silberner Mond auf einer Pfütze liegt. Leer. Einfach leer. Wie ein Kühlschrank nach einem schlechten Monat. Wie ein Zimmer nach dem Auszug. Wie ein Kopf nach dem letzten Gedanken, den man unbedingt noch festhalten wollte. Ich sah Ana. Sie wartete. Nicht ewig. Nur lang genug. Ich ging. Nicht aus Hoffnung. Nicht aus Liebe. Nicht aus Vergebung. Nicht weil die Menschheit es verdient hätte. Ich ging, weil sie ging. Und weil ich, widerlich, klebrig, feige, menschlich— noch immer ein Mensch war. Das war die Schande. Das war die Gnade. Dasselbe Ding.
Und irgendwo, tief in mir, stand noch immer der Iron Gardener. Er hatte nichts mehr zu tun. Kein Garten. Keine Schere. Keine Liste. Kein Urteil. Nur seine Hände. Meine Hände. Er sah mich an. Ich sah ihn an. Dann sagte er: „Come back.“ Ich sagte: „Nein.“ Er sagte: „Come back.“ Ich sagte: „Nein.“ Er sagte nichts mehr. Das war das erste Mal, dass ich ihn mochte. Wir gingen weiter. Die Welle kam. Sie hob uns. Sie senkte uns. Sie hob uns wieder. Und dann— nichts Großes. Nichts Geniales. Nichts, was man auf ein Poster drucken kann. Nur zwei Menschen auf einer Straße. Eine Stadt. Ein Meer. Ein Morgen. Und diese beschissene, kleine Tatsache: Wir waren noch da. Für jetzt. Das musste reichen. Nicht weil es schön war. Nicht weil es gerecht war. Nicht weil es Sinn ergab. Sondern weil es da war. Ich ging. Ana ging. Lissabon sank weiter. Das Meer blieb. Die Menschheit blieb. Noch. Irgendwo telefonierte jemand und sagte: „Ich bin gleich da.“ Und zum ersten Mal wollte ich nicht, dass er lügt. Ich wollte nur, dass er tatsächlich kommt. Das war alles. Das war zu viel. Das war nichts. Das war vielleicht Liebe. Oder nur Müdigkeit. Oder nur Dienstag. Und ich ging weiter. Weiter. Weiter. Bis die Stadt hinter uns kleiner wurde. Bis der Tejo hinter uns kleiner wurde. Bis sogar mein eigener Hass kleiner wurde. Nicht weg. Niemals weg. Nur klein genug, dass ich ihn nicht mehr für die Welt halten musste. Und dann kam der letzte Gedanke. Nicht der schönste. Nicht der klügste. Nur der letzte, den ich behalten konnte: Wenn die Menschheit wirklich verschwinden muss, dann soll sie wenigstens noch ein bisschen nerven. Ich lachte. Ana sah mich an. „Was?“ „Nichts.“ „Ja.“ „Warum?“ Ich sah sie an. Dann die Stadt. Dann das Wasser. Dann irgendwo in Richtung Leipzig, wo das Reudnitzloch wahrscheinlich noch immer so tat, als wäre es ein Zuhause. „Keine Ahnung.“ Und das war wahr. Zum ersten Mal seit langer Zeit war es wahr. Wir gingen weiter. Und hinter uns, ganz weit hinten, wo die Sprache bereits dünn wurde, wo die Stadt ins Licht fiel, wo alles, was wir waren, schon wieder ein bisschen weniger wurde, hörte ich noch einmal das alte Echo. Nicht laut. Nicht böse. Nur da. Iron Gardener. Dann: Come back. Dann: Don't. Dann: Wellenvergiss. Dann nichts. Also: weg.