Gespräche mit dem jungen Missionar - 3 Treffen
Text zum Thema Erkenntnis
von Augustus
Damals überkam mich eine erschütternde Erkenntnis, dass die christliche Religion im Kern auch völlig anders hätte konstruiert sein können. Was, wenn der Mensch von Geburt an nicht als sündiges Wesen, sondern als Widerstandskämpfer gegen den Teufel in der Hölle verstanden würde? Ein Rebell, den der Teufel auf die Erde verbannt hat, um ihn hier in Versuchung zu führen und zu brechen. Wer jedoch standhaft bleibt und das Gute wählt, wird vom Teufel verstoßen – und fällt direkt in den Schoß des Herrn im Himmel. Diese Vorstellung führte mir vor Augen, dass der Mensch sich sein Welt- und Religionsbild immer nur innerhalb der Grenzen seines eigenen Horizonts erbaut. Unser Wissen strukturiert unsere Wahrnehmung und zimmert das Fundament unseres Weltbildes zusammen. Rückblickend glichen die Treffen mit dem jungen Missionar einem strategischen Schachspiel. Ich hatte ihn – zumindest aus meiner Sicht – schachmatt gesetzt. Ein weiteres Treffen erschien mir völlig obsolet; die beiden vorangegangenen Begegnungen schienen nur dazu gedient zu haben, mich exakt zu dieser einen, folgenschweren Erkenntnis zu führen.
Drei Wochen strichen ins Land. Abgelenkt von alltäglichen Pflichten verflog mein Interesse an einer Fortsetzung mit dem Missionar wieder zu treffen. Es gab schlicht keinen Anlass mehr für mich – bis zu jenem rätselhaften Augenblick.
Es war Spätnachmittag, als ich nach dem Dienst an einem belebten Bahnhof die Rolltreppe zum Gleis hinauffuhr. Mitten im Gewimmel war ich auf dieser Rolltreppe seltsamerweise ganz allein. Kurz vor der Mitte erblickte ich am oberen Ende den jungen Missionar, wie er herabfuhr, ebenfalls ohne jemanden hinter sich.
Unsere Wege kreuzten sich in der Mitte. Er erkannte mich sofort, erstaunte und hastete die abwärtsfahrende Treppe im Laufschritt wieder hinauf. Völlig außer Atem kam er oben an, das Gesicht voller Freude. Als ich meine Verwunderung darüber äußerte, wie man sich in einer Millionenstadt so präzise über den Weg laufen könne, zuckte er nur mit den Schultern. Überrumpelt von dem zufälligen Augenblick versprach ich ihm ein Wiedersehen. Und so saßen wir uns bereits in der darauffolgenden Woche erneut gegenüber.
Diese Begegnung war von einer tiefen Seltsamkeit für mich.Eigentlich hatte ich dieses Kapitel längst abgeschlossen, doch die höheren Mächte schienen andere Pläne zu verfolgen. Ich beugte mich ihrem Willen und vertraute dieser Fügung. Schließlich standen wir beide vor einem Rätsel, das wir als bloße Figuren auf dem Brett nicht durchschauen konnten, solange wir das Spiel der Götter nicht mitspielten.
Das Treffen.
An einem Freitagnachmittag betrat der junge Missionar das Café, in dem ich bereits bei Kaffee und Eis auf ihn wartete. Er entschuldigte sich sogleich für die Verspätung und klagte über Schlaflosigkeit. „Warum?“, fragte ich.
Er erkundigte sich zunächst, ob in der Nacht Vollmond gewesen sei. Dann gestand er mir gewisser Sorge, er habe Angst, auf meine Fragen nicht die richtigen Antworten zu finden und Fehler zu machen. Ich beruhigte ihn. Jeder habe das Recht auf Fehler, darüber solle er sich keinen Kopf zerbrechen. Es gehe hier bei den Treffen schließlich um einen gegenseitigen Erkenntnisprozess.
Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln spürte ich, dass der Moment gekommen war, um meinen Trumpf auszuspielen – das Höllengleichnis. Zuvor jedoch stellte ich ihm eine rhetorische Falle.
„Ist es für die eigene Identität besser“, fragte ich, „sich am Anfang seines Lebens als Held oder als Verbrecher zu fühlen?“
„Natürlich als Held“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen.
„Siehst du“, entgegnete ich, „unsere Welt wäre eine völlig andere, wenn man den Menschen von Geburt an beigebracht hätte, sie seien geborene Helden, die sich schon im Jenseits dem Teufel widersetzt haben. Stell dir diese kraftvolle Vorstellung einmal lebhaft vor!“
Er schwieg. Während ich noch glaubte, dieser Gedanke habe ihn endgültig entwaffnet, setzte er zu einem überraschenden Gegenzug an. Er schlug seine Bibel auf und argumentierte, dass dort, wo der Teufel herrsche, absolut keine Freiheitsgrade existieren. Der Mensch könne sich dort überhaupt nicht entscheiden, sondern erleide wie der Teufel selbst nur unvorstellbare Qualen. Es sei ein ewiger Feuersee. Er wies mich auf die Passage hin, und ich las sie laut vor. Schnell entpuppte sich dieses Szenario jedoch als die Endzeit, die erst am jüngsten Tag eintreten soll. An anderer Stelle der Schrift steht schließlich, dass der Teufel zuvor in Ketten in einem Gefängnis lag und sich daraus befreite – ein Akt, der zwingend das Vorhandensein von Freiheitsgraden voraussetzt.
Es faszinierte mich, dass er sich tatsächlich vorab auf unser Treffen vorbereitet und sogar seine Mentoren um Rat gefragt hatte. Er hatte meine Argumente von vor drei Wochen also keineswegs ignoriert, sondern im Stillen schwer an ihnen getragen.
Er fuhr fort: „Neben unserer vierdimensionalen Welt existieren noch die fünfte und sechste Dimension. Dort thront Gott, weil er dort über unendlich viele Freiheitsgrade verfügt.“
Ich lächelte und antwortete, „die sechste Dimension, mein Lieber, beschreibt lediglich die vollständige Bewegungsfreiheit eines starren Körpers im dreidimensionalen Raum. Die drei Richtungsachsen nach vorn, zur Seite und nach oben sowie die drei Rotationsachsen um X, Y und Z. Das ist 6D.“ Er nahm die Belehrung ohne Bitterkeit oder Kränkung an. Ich führte weiter aus, dass man gar nicht von Freiheitsgraden, sondern von Raumdimensionen sprechen müsse – und dass bereits eine vierte räumliche Dimension genügen würde, um in unserer Welt Phänomene zu bewirken, die uns dreidimensionalen Wesen wie schiere Wunder erscheinen würden.
Interessanterweise hatte er zuvor selbst ein anschauliches Modell skizziert, bei dem ein 3D-Wesen eine flache 2D-Welt komplett überblicken und von außen manipulieren kann. Doch bei der begrifflichen Trennung von Freiheitsgraden und Dimensionen war er ins Schlendern geraten, wo ich ihnkorrigierte. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stieß ich jedoch auf eine fundamentale und überaus seltsame Wissenslücke. Er hatte wiederholt betont, das Alte Testament bereits zweimal komplett gelesen zu haben. Doch auf meine Frage, ob je ein Mensch Gott leibhaftig erblickt habe, antwortete er bestimmt: „Nein, das ist unmöglich. Gott offenbarte sich Mose nur im brennenden Dornbusch.“
Dieser Widerspruch trat erneut auf, als er behauptete, Jesus sei eins zu eins Gott. Und das, obwohl die Evangelien berichten, dass die Eltern Jesu einen Sohn gebaren, während an anderer Stelle prophezeit wird, dass sowohl Gott als auch Jesus als Herrscher der Welt auf ewig regieren werden. Die biblischen Quellen variieren, verkünden am Ende aber dieselbe göttliche Herrlichkeit. Um ihn erneut in die Falle zu locken, konstruierte ich ein neues Dilemma. „Stell dir einen König vor, der einen Boten mit einer Depesche ausschickt. Sie lautet: „Ich bin der König.“ Der Bote erreicht das Dorf, versammelt die Menschen um sich und verkündet lautstark: „Ich bin der König!“ „Sag mir“, fragte ich, „wer ist in diesem Moment für die Dorfbewohner der König?“
Der junge Missionar zögerte nicht: „Der Bote.“
„Exakt“, erwiderte ich.
Daraufhin bat ich ihn, eine ganz bestimmte Passage im Buch Mose aufzuschlagen – eine Stelle, in der Gott sehr wohl ineiner Gestalt vom Himmel herabsteigt und sich Mose, Aaron und den Ältesten zeigt (siehe Exodus 24, 9–11). Dort wird beschrieben, wie Gott herabsteigt und unter seinen Füßen einTeppich wie von Saphiren liegt, so makellos und klar wie der Himmel am hellsten Tag.
Diese fundamentale Stelle war ihm völlig fremd – trotz seiner doppelten Lektüre des ersten Buch Moses. Es drängte sich mir der Verdacht auf, dass die jungen Missionare die Bibel gar nicht frei und eigenständig studieren dürfen. Vielmehr scheinen sie einem strikten, von ihren Lehrern vorgegebenen Plan zu folgen. Oder aber er hatte diese Szene schlicht vergessen. Letzteres hielt ich jedoch für extrem unwahrscheinlich, da es sich um eine der optisch gewaltigsten und einzigartigsten Gotteserscheinungen der gesamten Bibel handelt.
In eine argumentative Zwickmühle geriet er jedoch, als er die Beschaffenheit des Jenseits skizzierte. Er erklärte, dass jede Seele an einen irdischen Leib gebunden sei, während der Körper nach dem Ableben zu Staub zerfalle, überdauere die Seele unsterblich den Tod. Sie trete vor Gott, um ihr endgültiges Urteil zu empfangen, welches sie entweder in die ewige Glückseligkeit des Himmels oder in die Verdammnis der Hölle verbanne.
Ich hakte nach und fragte: „Wenn Jesus eine menschliche Seele besaß und sein irdischer Leib zu Staub wurde, dann müsste doch auch er vor Gott treten. Wenn Jesus aber, wie du sagst, Gott selbst ist – wie um alles in der Welt kann Gott dann vor Gott treten?“
Er versuchte, den Knäuel, den ich ihm zuwarf zu retten und antwortet: „Jesus ist die einzige Person, die den Himmel völlig freiwillig verlassen hat, um herabzusteigen und den Sündern die Hand zu reichen.“ Er argumentierte weiter, Jesus sei eben gerade deshalb wesensgleich mit Gott und nicht bloß dessen biologischer Sohn, weil Gott die Fähigkeit besitze, im Himmel und auf Erden simultan zu existieren. Er sei allgegenwärtig.„Jesus war also eine Art irdischer Avatar, dessen sich Gott von oben herab bedient hat?“, schlussfolgerte ich. Er nickte etwas verunsichert und meinte, wenn man es so metaphorisch betrachten wolle, dann ja. Damit war das theologische Paradoxon für mich keineswegs gelöst, sondern erst recht besiegelt. Wenn man streng voraussetzte, dass jeder menschliche Körper zwingend eine eigene, individuelle Seele benötigt, blieb die fundamentale Frage offen, wie ein solcher Avatar ohne eine eigenständige, irdische Seele auskommenkann, wenn die Hülle im Grunde wie eine Marionette direkt vom Himmel aus gelenkt wurde?
Schließlich verabschiedeten wir uns recht herzlich. Den imaginären Topf, in den wir im Laufe unserer spirituellen Runden – wie Goldsucher, die Nuggets aus einem reißenden Fluss sieben – eine Fülle faszinierender paradoxen Fragen und bizarr-schöner Antworten geworfen hatten. Als ich das Café verließ und in den Abend aufbrach, nahm ich im Geiste diesen goldgefüllten Topf mit nach Hause.