Kennt man sich selbst am besten?

Erörterung zum Thema Selbsterkenntnis

von  loslosch

Minime sibi se notus est et dificillime de se quisque sentit (Cicero, 106 v. Chr. bis 43 v. Chr.; De oratore). Am wenigsten gut kennt man sich selbst, und am schwersten fällt es einem, über sich selbst zu urteilen.

Eine irritierende Botschaft. Ein jeder sollte sich doch selbst am besten kennen. Klingt diese Einschätzung nicht sehr einleuchtend? Ist sie aber nicht. Vorab: Die Persönlichkeitsgestörten seien von den folgenden Erwägungen ausgenommen, weil sie ohnehin extrem verzerrt wahrnehmen, analysieren und umsetzen. Der Mensch erlebt wachen Auges Anerkennung, registriert Ablehnung oder emotionales Desinteresse. Das dürften die Kontroll-Eckgrößen sein, an denen er sich orientiert im Versuch einer Selbsteinschätzung. Erfährt er dabei von sich selbst mehr, als andere von und über ihn zu wissen scheinen - seine Wehwehchen ausgenommen?

Man konzentriere sich einmal auf konkrete, näher bekannte Personen und wähle zwei diametrale Charaktere aus, Anton und Berta. Wie viel ahnt und weiß man doch von jeder der beiden Personen. Und wie wenig ahnen und wissen Anton und Berta jeweils von sich selbst. Als Cicero dies niederschrieb, kannte er sicherlich die berühmte Inschrift am Eingang des Apollo-Tempels in Delphi: Γνῶθι σεαυτόν (gr.) bzw. nosce te ipsum (lat.). Erkenne Dich selbst! Er hat sich mit der einleitenden Sentenz implizit von diesem (zweifelhaften) Sinnspruch distanziert - wie Goethe rd. 1900 Jahre später und ebenso die moderne Psychologie.

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Kommentare zu diesem Text


 Bergmann (03.09.10)
Grandios geht der Film MATRIX mit diesem Thema um, mit der Selbsterkenntnis-Problematik und mit dem Orakel, also der Frage, ob Zukunft aus der Gegenwart herleitbar ist. Das ist ja die Hauptfrage der Historiker, wenn sie wissen wollen, warum die Gegenwart so ist, wie sie ist, wollen sie eigentlich wissen, wie man Zukunft konstruiert bzw. vermeidet. Problem: Die Beschreibung bzw. Rekonstruktion der Vergangenheit (und der Gegenwart), ein Unendlichkeits-Problem...
A propos Unendlichkeit: Ich komme zu einem subjektiven Ende vor dem unmöglichen objektiven Ende, denn du schreibst ja, während ich lese, neue Latinos, und ich frage mich, ob du die Schildkröte bist, die ich einfach nicht zu überholen vermag ...
Herzlichst: Uli

 loslosch meinte dazu am 03.09.10:
Jaja, die alten Denker mit ihrem - aus heutiger Sicht - Pseudo-Schildkrötenparadoxon. Ich schreibe zwar neue Latinos (noch), aber versuche, widerspruchsfrei zu bleiben. Also bin ich heute schon einholbar! Gerade habe ich die MATRIX ergooglet. "Temet [schönes Palindromwort] nosce" funktioniert natürlich auch. Lothar

 Bergmann antwortete darauf am 03.09.10:
Lies dann auch mal meinen großen Aufsatz über MATRIX. Den Film solltest du unbedingt mal sehen!
fdöobsah (54)
(03.09.10)
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janna (61) schrieb daraufhin am 03.09.10:
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fdöobsah (54) äußerte darauf am 03.09.10:
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 loslosch ergänzte dazu am 03.09.10:
Das alte Volkslied ist - auch in Strophe 2 - koscher. Es geht um das gedankliche Wünschen und Begehren. Das Freiheitslied der kleinen Leute. Der Fürst macht ´ne Faust in der Tasche. Aus der Feudalzeit (ungegooglet!). - Man kennt andere besser als sich selbst, und andere kennen unsereins besser als sie sich selbst. Lo
janna (61)
(03.09.10)
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 loslosch meinte dazu am 03.09.10:
Wenn damit gemeint wäre, der potentielle Straftäter wisse am besten, dass und wann er was im Schilde führe, so ist das richtig. Gedankenleserei klappt nicht. Auch Gefängnispsychologen irren sich, leider zu oft. Es geht um das eigene Selbstbild. Und dann wird es noch als moralische Peitsche eingesetzt: Erkenne dich selbst! Reiß dich zusammen! Lothar
hoor (22)
(05.09.10)
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 loslosch meinte dazu am 05.09.10:
... Ich denke weiter [nach] ...

... Wenn wir uns aber selbst betrügen, dann ist das, was davon nach außen getragen wird, ebenso "falsch" wie unser Selbstbild ...

Man gerät ins Grübeln. Kennt man nicht seine Pappenheimer? Ein 19-Jähriger hat, wenn vllt. noch nicht den geschärften Blick dafür, so doch das Analyseinstrument hervorgeholt. Kompliment. Lothar
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