Braun SK 4

Erzählung zum Thema Musik

von  Quoth

Für ein Gerät wie mich macht es einen großen Unterschied, in was für eine Familie man kommt. Wenn da schon ein Plattenspieler war, ist man nur eine Steigerung. War da noch keiner (und das war in der Familie Eisenpflicht der Fall), ist man eine Sensation. Mit welcher Inbrunst hat die gesamte Familie der Kleinen Nachtmusik gelauscht – in meiner astreinen Präsentation in 45 Umdrehungen! Mit welcher noch größeren Inbrunst der Arie „Schöne Nacht, o Liebesnacht!“ Damit hörten aber die Gemeinsamkeiten schon auf. Wenn Emil sen. allein war, legte er mit Vorliebe die Arie „Sie hat mich nie geliebt!“ auf. An wen er bei „sie“ dachte, konnte ich als schlichtes Wiedergabegerät natürlich nur ahnen. War es seine Frau Vilma? Immerhin hatte sie ihm zwei Söhne geboren – kann man einem Mann zwei Söhne „schenken“, ohne ihn zu lieben, gleichsam nur als Pflichttribut der Ehelichkeit? Oder hatte Emil sen. eine große außereheliche Liebesenttäuschung erlebt? Womöglich während seiner Gefangenschaft? Vilma ihrerseits legte mit Vorliebe den Walkürenritt auf, wenn sie allein war und ihr Mann sie dafür nicht verspotten konnte, z.B. mit der Bemerkung, richtige Walkürenbeine habe sie ja schon. Sie hatte einmal Schauspielerin werden wollen, aber Ehe, Kinder und Krieg hatten ihr diese Flausen ausgetrieben. Emil liebte die Soli eines Jazztrompeters, ob er ihn wirklich so gern hörte? Oder wollte er seinem Bruder Herbert nur zeigen, was für ein kümmerliches Blasinstrument eine Blockflöte ist? Selber athletisch gebaut, machte er sich auch gern über Herberts „Streichholzarme“ lustig und dass er wie ein nasser Sack am Reck hinge, während er, Emil, schon einen halben Riesen turnte. Herbert hatte durch eine Radiosendung des NWDR, von mir auf UKW rauschfrei empfangen und wiedergegeben, die Sonatine von Ravel entdeckt, und die konnte er gar nicht oft genug hören, vor allem den ersten Satz, dessen Thema ihn nicht mehr losließ, als sei es von ihm selbst komponiert.  Dann aber betrat ein Mädchen die Szene, das die Familie Eisenpflicht fast gesprengt hätte, Elsi, eine Bauerntochter aus Rabenschlade, blond, robust, wortkarg und ein bisschen begriffsstutzig. Sie fegte, saugte die Teppiche, wusch ab, schälte Kartoffeln, aber wenn sie einmal allein war, alle Eisenpflichts waren außer Haus, legte sie eine Platte auf mich, die mein Maschinenherz fast zerriss. Die vergaß sie eines Tages auf meinem Plattenteller. Familie Eisenpflicht hörte sie sich an – und war ebenso verstört wie entsetzt von „Rock around the clock“. „Solche Klänge kommen uns nicht ins Haus!“, sagte Vilma, die blass geworden war, Emil sen. pflichtete ihr bei, die beiden Söhne aber meinten, Elsi solle Gelegenheit gegeben werden, sich zu rechtfertigen. Elsi rechtfertigte sich damit, dass alle diese Musik momentan hörten und vor allem eins täten: Danach tanzen. Wie man danach tanzen könne, wollten Emil sen. und Vilma wissen. Elsi führte es mit Emil jun. vor, dem diese Tanzstunde sichtlich Spaß machte, auch wenn er sich zu Anfang etwas linkisch anstellte, und auch Herbert ließ sich in dem ausgetüftelten Fern-Nah und Gekreisel unterrichten. Es war eine Musik, die den Gegensatz zwischen Alt und Jung erbarmungslos aufriss, aber ich, Braun SK 4 meines Zeichens, bin daran völlig unschuldig, ich versetze jede Platte in Drehung, egal, was sich in ihren Rillen verbirgt – und eine Brücke zwischen Jung und Alt deutete sich an, als Emil sen. eines Tages zugab, Elsi tanze mit der Anmut einer Russin, die ihn in Nowgorod – zu völlig anderer Musik freilich – mit dem Taschentuchtanz bezaubert habe.

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Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (12.07.21)
"Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort..."
wusste schon Joseph von Eichendorff.
Du erzählst sehr amüsant von den Liedern, die der Braun SK 4 zum Klingen bringt.

LG
Ekki

 Quoth meinte dazu am 13.07.21:
Vielen Dank. Ja, die Dinge zum Sprechen bringen, macht Spaß. Auch Dinge, von denen Eichendorff sich noch nicht hätte träumen lassen! Gruß Quoth

 AchterZwerg (13.07.21)
Welche überaus originelle und eingängige Erzählperspektive!
Braun SK 4 war (und ist) ein formidables Gerät, dem dieser Nachruf gebührt.

Nostalgische Grüße
der8.

 Quoth antwortete darauf am 13.07.21:
Vielen Dank, AchterZwerg. Ermutigt zu dieser Perspektive hat mich Orhan Pamuk mit "Rot ist mein Name". Bei ihm spricht ein Hund, ein Pferd, ein Baum und sogar eine Münze! Gruß Quoth
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