Blaumannmarkiert

Kurzgeschichte zum Thema Arbeit und Beruf

von  RainerMScholz

In der nahezu leeren Lagerhalle ist es zwielichtig dunkel, oder hell, je nach dem, die Hälfte der Neonröhren sind aus Kostengründen aus, feuchtkalt ist es. Es ist Herbst, nahezu Winter. Vor den geschlossenen Rolltoren regnet es bitternass. Der Regler für das GaZheizungsgebläse ist defekt. Wir sitzen und rauchen. Der Kaffee ist abgestanden seit Stunden. Ich versuche durch die spinnwebverhüllte Fensterluke zu sehen. Zwei Elstern schauen auf dem Dachfirst gegenüber in die letzten Strahlen eines unbekannten Sonnenuntergangs.

Wenn das so weitergeht, krieg´ ich noch Krebs.“

Dann rauch´ halt weniger.“

Das meine ich doch gar nicht.“

Ach so, ja, witzig.“

Lustloses Lachen bricht sich scheinbar in der hohen Halle. Unser Chef heißt Dieter Krebs. Er mag Menschen nicht besonders, deswegen lässt er uns hier arbeiten. Außer die, die ihm das Konto füllen. Und das tun wir gerade offensichtlich nicht. Gerade kommen keine Aufträge herein. Nächste Woche sitzen wir vielleicht auf der Straße.

Es geht gegen Feierabend.

Vom kalten Kaffee bekomme ich Magenkrämpfe.

Wir schweigen. Gelegentlich scharrt jemand unter dem Tisch mit den Füßen. Alle glotzen Handy. Oder die mehrfach gelesene Bildzeitung. Das Radio läuft irgendwo in der Halle, entferntes Gedudel, Staunachrichten.

Das Wetter ist wie die Arbeit.“, sagt Arman in die dumpfe Leere, „Es kommt immer, wenn man es nicht braucht.“

Ich überlege, um nach längerem Zögern überhaupt etwas zu erwidern: „Du kannst doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.“

Wieso, ist doch alles Obst.“

Ich schaue ihn verblüfft an. Der Arbeitsblaumann schlackert um seinen knochigen Körper. Arman grinst und tritt die gerauchte Filterzigarette mit der Schuhspitze auf dem Zementboden aus. Ronnie hebt kurz den Kopf von der Tischplatte, das Muster der abgesetzten Holzverschränkung ist auf seine Wange gezeichnet, und erkundigt sich nuschelnd nach der Uhrzeit. Stephen schaut auf sein linkes Handgelenk. Er hat gar keine Armbanduhr, nie besessen.

Ist gleich Viertel nach Beivordrei, sagt meine Rolex.“

Ronnie streckt sich, Arman zupft an seinem vollgeaschten Hosenbein. Das Gasgebläse springt knackend an. Ich trinke die Kaffeeneige und mache mich auf den Weg zur Stechuhr im Büro.

Wie groß mögen die Tiere sein, die solche Spinnweben hinterlassen. Aber ich denke nicht weiter darüber nach. Die beiden Elstern sind weg.



© Rainer M. Scholz



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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (13.05.22, 19:38)
was ist denn "GaZheizungsgebläse"

Wieso ist ein Sonnenuntergang "unbekannt"?


 RainerMScholz meinte dazu am 13.05.22 um 22:24:
Wiesowiesowieso! Solltest du als Leser nicht eine Antwort darauf haben, mit all deiner Phantasie.
Z für die Scheißrussen (Gas, weißt du)(nicht das Gas von früher)(bis jetzt jedenfalls nicht).
Ich bin so höflich und Grüße mit
R.

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 14.05.22 um 09:08:
"Wiesoweshalbwarum?/Wer nicht fragt, bleibt dumm", sang man einst im Intro zur Sesamstrasse. 
Herzliche Grüße! 
DR

 Taina (13.05.22, 21:03)
Bist du Arbeiter? Du hast recht, Krebs kann man auch vom Staub bekommen.

 blauefrau schrieb daraufhin am 13.05.22 um 21:59:
Dieter Krebs war ein Schauspieler.

 RainerMScholz äußerte darauf am 13.05.22 um 22:27:
Ja, das ist einer der Witze - Dieter Krebs, haha.

Ja klar bin ich Arbeiter, wo sollte sonst das ganze Geld herkommen. Arbeiter und studierter Intellektueller, das sollte doch kein Widerspruch sein; andere haben den Taxischein, weißt du.
Grüße,
R.

 RainerMScholz ergänzte dazu am 13.05.22 um 22:41:
Ich hätte mir allerdings auch zugetraut, den Text zu schreiben, ohne direkt Arbeiter - gibt`s die eigentlich noch außerhalb Polens -- ja klar, klingt komisch --, ohne direkt Arbeiter zu sein.
Grüßende Grüße,
R.

 RainerMScholz meinte dazu am 13.05.22 um 22:44:
Hammer und Sichel ohne Marx und Engels.
Z.

 RainerMScholz meinte dazu am 13.05.22 um 22:46:
Hier, Dieter, hier steht`s wieder. Der Iwan kommt. Ungeimpft.

Antwort geändert am 13.05.2022 um 22:46 Uhr

 RainerMScholz meinte dazu am 13.05.22 um 22:59:
Eigentlich heißt er Thomas.

 Taina meinte dazu am 14.05.22 um 06:40:
Nein, als Widerspruch meinte ich es auch nicht. Ich hatte den Eindruck, du kennst die Werkhalle wirklich, es sind Episoden aus 1.Hand.

Ja Dieter Krebs, das war ein Komiker, der viel zu jung starb, durch krebs wg.  rauchen.

Antwort geändert am 14.05.2022 um 06:41 Uhr

 Browiak (14.05.22, 10:25)
@RainerMScholz: Authentischer, düsterer, trostloser Arbeitsalltag.
Amüsiere mich über Leser, die Texte/Metaphern nicht verstehen und meinen, wenn sie nicht kapieren, wie wohl ein Text "gemeint" sei, habe in jedem Fall der Autor Schuld ;)

 RainerMScholz meinte dazu am 16.05.22 um 14:02:
Ich weiß sowieso nicht, was gemeint sei, wenn man fragt, wie ein Text gemeint sei.
Gruß + Dank,
R.
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