Badefreuden

Essay

von  Quoth

Ich möchte mal wieder baden gehen. Das sagt sich hübsch in einem Aufsatz, der mich auf voraussichtlich vier Stunden ans Pult fesselt. Achtundzwanzig Nasen hängen überm Schreibpapier und befassen sich mit Genüssen, über die zur Sommerzeit nachzudenken, statt sie erleben zu können, eine Strafe ist. Zu Hause also rollt man Hose und Tuch in den schicken Bademantel, steckt Kamm und Niveadose dazu, außerdem ein bisschen Geld für die kleinen Genüsse nach dem Schwimmen, und los geht's. Die Badetasche lässig an der Hand schwenkend, tut man kund, welcher Tätigkeit man nachzugehen gesonnen ist. „Hallo, ich komm mit!“ Bald ist man nicht mehr allein, weil Schwimmen umso mehr Spaß macht, je weniger einsam man dabei ist. Die Treppe zum Aalsee hinunter und an der Bisamvilla, wo das Wasser modrig stinkt, vorbei, unter den Friedhöfen entlang, die angeblich mit ihrer Leichenbrühe den See vergiften, dann das hohe Schilf, wo der Rohrsänger ebenso laut wie geheimnisvoll aus dem scharfblättrigen Dämmer heraus zwitschert und knarrt. Das Gelbe ist das Bootshaus der Fischer, wo Netze zum Trocknen und Flicken ausgespannt sind und alte Kähne vermodern, rechts führt Tetsches Gang zur Altstadt hinauf, aber nicht dorthin, sondern zur Badeanstalt zieht, reißt und schleppt uns der bekieste Weg. Durch hohen Maschenzaun sehen wir's rosig schimmern, hohes Kindergeschrill und Wassergeplätscher vermischen sich zur allbekannten Badeanstaltskakophonie. Zwickte die baren Füße eben noch kantiger Kies, so erschauern sie jetzt auf der Kälte baren Betons, über den wir platschen müssen, um zur Kasse zu gelangen und unsern Obolus zu entrichten. Der Bademeister hat nur ein Bein, sein speckig glänzender Bauch fällt braungebrannt über die weiße Diensthose, jeden Eintretenden mustert er kritisch und merkt ihn sich für den Fall, dass er verloren gehen sollte. Alsdann wird ein anheimelndes Stück Wiese ausgesucht, wo man die Sachen fallen lässt, die Badehose trug man ja schon druntergezogen, und auf die Brücke eilt. Sie ist aus Holz und mit Karbolineum gegen Verwitterung geschützt, daher der Teergeruch, der im Sonnenglast von ihr aufsteigt. Lehnen wir uns noch ein Weilchen ans Geländer und bewundern die Geschicklichkeit der guten, belachen die Ungeschicklichkeit der schlechten Springer! Da ist ein Mädchen, das vom Fünfmeterbrett herab wie ein silberglänzender Fisch in die Fluten taucht; ein Angeber, der krachende und klatschende Kraftköpper mit Schnepperschwung „hinlegt“; ein Alberner, der sich mit gesuchten Drehungen und Wendungen beliebt zu machen versucht und mit einem Bauchklatscher dafür bestraft wird; schließlich ein ruhiger Jüngling, der höflich andere vorlässt, zögert, bis man nichts mehr von ihm erwartet, dann aber so seidig und elegant einen Salto springt, dass es den Atem verschlägt. O ja, das sind Herrlichkeiten, von denen im muffigen Klassenzimmer, das nach Bodenöl, Leberwurstbrot und Ledertaschen duftet, zu träumen eine Lust ist, weshalb ich mich für das Thema herzlich bedanke. Ist nun das Selberschwimmen weniger schön? Mitnichten! Zuerst will das Herz stehen bleiben, wenn der Körper ins kalte Nass hinabsinkt. Nur heftigste Strampelbewegungen, denen des Säuglings, der man einmal war, innigst verwandt, bringen es wieder in Gang, glucksend kühle Frische umfängt den eben noch staubtrockenen und erhitzten Leib, und mit jedem Zug möchten wir es umarmen, das unergründlich Nasse, das uns trägt und wiegt, aus dessen Tiefe die Algen arglos unsere Füße kitzeln, das wir einmal zerteilen wie ein schnittiger Fisch, dann wieder nur spüren in seiner flüssigen Festigkeit, in der wir uns treiben lassen wie blütenschöne Medusen. Mit wilder Lust wird ein Wettschwimmen zur Boje draußen veranstaltet, die die Grenze markiert, bis zu der man hinausdarf; überschwimmt man sie, ertönt schrill der Pfiff des beleibten Badebeamten, der keine Lust hat, den Abend mit Wasserleichensuche zu vertrödeln. Gelegentlich aber nickt er, auf seiner Beobachtungsbank sitzend, ein, und dann brechen wir auf ins Unbegrenzte, in die weite, fast unendlich sich dehnende Oberfläche des Aalsees, die in der Ferne sich in gespiegelte schwarze Waldufer verliert. Welch unermüdliche Kraft unsere Arme beseelt! Doch bei der Rückkehr an Land spüren wir die Anstrengung; ein taubes Gefühl lähmt fast die benommenen Glieder, die Finger sind wellig geriffelt, die Fingernägel blau, wir zittern und hüllen uns schleunigst in den zu diesem Behuf mitgebrachten Bademantel. Wer keinen hat, muss in die Kabine gehen, und das ist kein großer Genuss. Der Betonboden ist nass, oft auch nassgepisst von großen oder kleinen Ferkeln, man tritt nur mit Zehenspitzen auf und sieht zu, dass kein Kleidungsstück den Boden berührt. Hier blickt man in die Nachtseite des heiteren Badebetriebs, denn schmutzige Worte und Verse sind an die Wände geschrieben, die von Dingen reden, die doch in der sauberen Sportlichkeit des Schwimmens keinen Platz haben. Nichts wie hinaus! Besitzen wir eine Sonnenbrille? Dann schmückt sie die Nase nicht übel, die geputzt werden will ob des vielen eingedrungenen Wassers, und nun geht es zum Eisstand, wo schwarze, dehnbare Lakritzgummistreifen, zu sog. Schallplatten gewickelt, erworben und in den ausgehungerten Bauch gelutscht und geschluckt werden. Schmatzend genießt man die Sonne, heizt den ausgekühlten Leib wieder auf, riskiert einen Seitenblick auf die anmutig sich sonnenden und dehnenden Liegewiesennachbarinnen, um schon nach einer halben Stunde die Schicksalsfrage zu stellen: Gehen wir noch einmal hinein? Ich nicht. Ohne dich gehe ich auch nicht. Gut, dann gehe ich auch. O ja! Und wenn auch das zweite Mal bei weitem nicht so schön ist wie das erste, so hat es doch seine eigene Tiefe, man kostet das Genießbare bis zur letzten Neige aus.



Anmerkung von Quoth:

Können Texte kühlen? Dieser möge es tun!

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (18.07.22, 10:35)
Wozu ein Bademantel am Badesee?

 Quoth meinte dazu am 18.07.22 um 21:08:
Der Autor dürfte ein ziemlich verzärtelter Jüngling gewesen sein. Vielleicht war er aber auch eitel, weshalb ich den Bademantel noch etwas genauer gezeichnet habe! Vielen Dank für den Kommentar!

Antwort geändert am 19.07.2022 um 13:29 Uhr

 AlmaMarieSchneider (19.07.22, 12:23)
Ich habe Deinen Badeausflug genossen. Lebendig geschriebener Text. Ich war dabei.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth antwortete darauf am 19.07.22 um 13:33:
Vielen Dank, liebe AlmaMarie, für Kommentar und Empfehlung. Ich hoffe, die Hitze setzt Dir nicht zu sehr zu. Hier bleibts zum Glück bisher in den Zwanzigern ... Gruß Quoth
Zur Zeit online:
keinVerlag.de auf Facebook keinVerlag.de auf Twitter keinVerlag.de auf Instagram