Ort: Ein virtueller Raum, halb römische Loggia, halb gläserne Bauhaus-Werkstatt.
Andrea Palladio (1508–1580)
Meister der Symmetrie, Proportion und klassischer Ordnung
Walter Gropius (1883–1969)
Pionier des Funktionalismus, der Vorfertigung und des Bauhauses
Palladio: (betrachtet kopfschüttelnd eine Zeichnung des Dessauer Bauhaus-Gebäudes) Signor Gropius, ich bewundere den Mut zur Transparenz. Aber wo sind die Säulen? Wo ist das Zentrum? Ein Haus muss sich doch als ein geordneter Körper präsentieren, wie die Villa Rotonda. Hier sehe ich nur... Kisten.

Gropius: (lächelt leicht) Maestro Palladio, die Zeiten der aristokratischen Repräsentation sind vorbei. Meine „Kisten“ sind Maschinen zum Wohnen. Sie sind funktional. Stahl, Glas und Beton erlauben uns, die Natur hereinzuholen, anstatt sie hinter schweren Mauern auszusperren. Die Schönheit liegt in der Reinheit, nicht in der Ornamentik.
Palladio: Ornamentik? Ich spreche von Harmonie! Ich spreche von den Gesetzen der Natur, die wir durch Proportionen – 1:2, 2:3 – nachbilden. Eine symmetrische Fassade gibt dem Bewohner Stabilität, Würde. Euer Glas wirkt zerbrechlich. Wie soll ein Mensch darin in Ruhe leben?
Gropius: Das Leben hat sich beschleunigt. Wir brauchen Häuser, die schnell und günstig für viele gebaut werden können – serielle Fertigung ist der Schlüssel. Das Wohnen der Zukunft ist funktional, nicht monumental. Der Mensch braucht Licht, Luft und Bewegung, keinen Tempelgiebel.
Palladio: (setzt sich auf einen fiktiven Stuhl) Aber ist es nicht eine traurige Welt, wenn jedes Haus gleich aussieht? Ich habe versucht, jede Villa an ihre Umgebung anzupassen, ihr eine eigene Identität zu geben. Ein Gebäude muss den Geist erheben, nicht nur den Körper beherbergen. Wenn ihr nur noch "produziert", verliert das Bauen seine Seele.
Gropius: Die Seele liegt im Handwerk, Signor. Das Bauhaus vereint Kunst und Technik. Ich glaube, dass die Maschine uns von der schweren Arbeit befreit, nicht, dass sie uns entmenschlicht. Ein klares, weißes Haus im Grünen, ohne unnötige Verzierungen – ist das nicht die ultimative Form der Freiheit?

Gropius House in Lincoln
Palladio: Freiheit... oder Leere? Ich sehe eure Stahlrahmen. Sie sind stabil, gewiss. Aber wo ist der Raum für den Geist? Wo ist die Loggia, der Übergang zwischen Innen und Außen? Ihr macht das Haus zu einer Fabrik.
Gropius: (nickt) Vielleicht. Aber einer, in der es sich gesund leben lässt. Die Zukunft ist flach, offen und rational.
Palladio: (seufzt) Und die Vergangenheit ist geordnet, symmetrisch und ewig. Ich fürchte, Signor Gropius, wir bauen für unterschiedliche Welten.
Gropius: Das mag sein, Maestro. Aber beide Welten – Ihre Proportionslehre und meine Funktionalität – versuchen dasselbe: Ein Zuhause für den Menschen zu schaffen...
..."doch dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde."
(Hölderlin, In lieblicher Bläue)