Die gelbe Linie

Gedicht zum Thema Menschenrechte

von  Saira

Zwischen Staub und zitternden Mauern
liegt eine Grenze, aus Farbe gezogen,
gelb wie krankes Licht
auf zerbrochenem Beton.

 

Dahinter stehen Panzer
gleich eisernen Tieren im Rauch,
davor die Menschen,
die nur noch lernen, leise zu atmen.

 

Ein Wagen brennt
in den Straßen von Khan Younis,
Flammen schlagen in den Himmel
wie stumme Gebete ohne Antwort.

 

Ein Mann wird fortgetragen,
sein Blut noch warm,
doch der Krieg kennt kein Erbarmen
und in den Krankenhäusern schweigt der Frieden.

 

Kinder sehen keine Sterne mehr,
sie zählen Einschläge.
Mütter wachen mit ihrer Angst
durch endlose Nächte.

 

Und irgendwo sagt einer:
Es gibt keine Waffenruhe.
Nur Pausen zwischen dem Sterben,
nur Schweigen zwischen den Feuern.

 

Die gelbe Linie wächst jeden Tag,
frisst Häuser, Wege, Erinnerungen,
bis selbst der Wind
keinen Platz mehr findet zum Bleiben.

 

Zwei Millionen Herzen
drängen sich enger zusammen
in einem kleiner werdenden Land,
während der Himmel offen bleibt
für den Tod.

 

Und doch hält irgendwo
eine alte Frau die Hand eines Kindes,
als wäre Wärme
noch immer stärker als Krieg.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026



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Anmerkung von Saira:

Mein Gedicht widmet sich dem menschlichen Leid von Zivilisten inmitten von Krieg, Vertreibung und Angst. Es soll zugleich daran erinnern, dass das Verhindern oder Einschränken humanitärer Hilfe für notleidende Menschen gegen das humanitäre Völkerrecht verstößt und unermessliches Leid verschärft. Menschlichkeit darf niemals an Grenzen, Frontlinien oder politischen Interessen enden.

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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (12.05.26, 10:25)
Liebe Saira,
 du führst uns mit deinem Gedicht die unmenschliche Situation in den weltweiten, aber auch nahen Kriegsgebiten sehr eindrucksvoll vor Augen.. Mensch braucht nicht stark sensibilisiert zu sein, um das tägliche Töten samt Bedrohung nachempfinden zu können. Wie kann jemand sagen, dass tote Kinder heute mit toten Soldaten von morgen zu behandeln seien?.. 
Panzer in Nichtspannungsgebiete von heute zu liefern bedeutet Panzer in Spannungsgebiete von morgen zu liefern.
"Die BRD wird am Hindukusch verteidigt! Wer ernsthaft solchen Schwachsonn behauptet, müsste seines Postens sofort verlustig werden.
Ich unterschreibe jede Silbe deines Gedichtes, Liebe Saira
Mit liebem Gruß!
Reli

 Saira meinte dazu am 12.05.26 um 12:11:
Lieber Reli,

deine Worte gehen mir sehr nahe. Gerade dieser Satz über die Kinder zeigt, wie sehr Sprache im Krieg entmenschlichen kann.

Oft habe ich das Gefühl, dass wir uns an Nachrichtenbilder gewöhnen sollen. Das ist fatal, aber es geschieht bereits. Hinter jeder Zahl stehen Gesichter, Familien, Leben. 

Dein Kommentar zeigt, wie wach und empfindsam du auf das Leid anderer blickst. Mitgefühl ist heute eine der wichtigsten Formen von Menschlichkeit überhaupt. 

Danke für deine Unterstützung und deine offenen Worte.

Herzliche Grüße
Saira

 AnneSeltmann (12.05.26, 10:38)
Liebe Sigrun!

Dieser Text ist schwer auszuhalten...und genau deshalb wichtig. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, mitten durch Staub, Rauch und Enge zu gehen. Die Bilder sind so eindringlich, dass man ihnen kaum entkommen kann: die gelbe Linie, die „Häuser, Wege, Erinnerungen frisst“, die Kinder, die statt Sterne Einschläge zählen. Das trifft tief.
Besonders stark finde ich, dass der Text nicht versucht, den Krieg abstrakt zu beschreiben. Er zeigt ihn dort, wo er am schlimmsten ist: im Alltag der Menschen. Im Atmen. Im Wachen der Mütter. Im Schweigen der Krankenhäuser. Dadurch wird alles unfassbar nah und menschlich!
Die Zeile:
„Nur Pausen zwischen dem Sterben“
hat mich besonders erschüttert. Sie verdichtet diese Hoffnungslosigkeit auf eine Weise, die lange nachhallt.
Und trotzdem endet der Text nicht in völliger Dunkelheit. Die alte Frau, die die Hand eines Kindes hält, ist ein unglaublich starkes Bild. Fast so, als würde mitten in all der Zerstörung ein letzter Rest Menschlichkeit weiterleuchten. Kein großes Pathos-nur Wärme. Und genau dadurch wird es so berührend.
Ein sehr intensiver, poetischer und schmerzhaft aktueller Text, der weniger laut anklagt als still unter die Haut geht.



Liebe Grüße

Anne

 Saira antwortete darauf am 12.05.26 um 12:14:
Liebe Anne,

du hast sehr aufmerksam die stillen Bilder und Zwischentöne des Gedichts wahrgenommen. Gerade dieses „leise Atmen“, das Wachen der Mütter oder das Schweigen der Krankenhäuser waren für mich beim Schreiben fast schwerer auszuhalten als die eigentlichen Bilder der Zerstörung. Krieg zeigt sich eben nicht nur in Explosionen, sondern in dem, was er Menschen innerlich nimmt:  Schlaf, Sicherheit, Kindheit, Hoffnung.

Dass dich die Zeile „Nur Pausen zwischen dem Sterben“ so getroffen hat, kann ich gut verstehen. Umso wichtiger war mir das Ende mit der alten Frau und dem Kind. 

Du hast auch etwas sehr Wichtiges angesprochen: dass der Text den Krieg nicht abstrakt beschreibt, sondern mitten im Alltag der Menschen zeigt. Genau das war mein Anliegen. Hinter jedem Bericht, jeder Zahl und jeder Schlagzeile stehen Menschen mit Erinnerungen, Familien, Stimmen und Ängsten. 

Danke, liebe Anne, für deine achtsamen Worte und dafür, dass du dich dem Text so offen genähert hast. Dein Kommentar hat mich tief bewegt.

Herzliche Grüße
Sigrun
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