Sinnverlust

Gedicht zum Thema Weltanschauung

von  Saira

Es betritt den Raum -
makellose Berechnung.

 

Kalter Vernunft-Geruch,
Lineale aus Eis.

 

Unterschiede zu Splittern,
der Zirkel schneidet den Menschen
aus dem Menschen.

 

Sprache aus Zahlen,
niemals träumend.

 

Brücken über Abgründe.

 

Kein Feuer,
nur Kälte,
die dem Feuer zeigt,
wie es brennt.

 

Akten, Archive,
blinder Uhrmacher
tauscht Sekunden
gegen Gewissen.

 

Die Welt vermessen:

 

Kinder zu Mengen,
Namen zu Rohstoffen,
Hautfarben zu Codes,
Herzen zu Zahlen.

 

Niemand sieht
sterbende Sterne,
ihr Licht taumelt
durch Dunkelheit.

 

Die Kunst der Ordnung:


nicht töten,
sondern den Dingen
ihren Sinn nehmen.

 

Die Welt bleibt:

 

Bibliothek voller Bücher,
jede Seite am Platz,
jedes Wort sinnentleert.

 

Doch zwischen den Zeilen
flackert Farbe,
entzieht sich Lineal und Zirkel

 

unmessbar,
unbeugsam,

 

leise wie Leben.

 

 

 

©Sigrun Al-Badri/ 2026


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Kommentare zu diesem Text


 franky (05.06.26, 10:53)
Hi liebe Sigi,
 
„nicht töten,
sondern den Dingen
ihren Sinn nehmen.“
„Doch zwischen den Zeilen
flackert Farbe,
entzieht sich Lineal und Zirkel“
 
Gefühlvoll und Tiefsinnig.
Bin gerne auf Deinen Buchstabensalat reingefallen😉  
 
Liebe Grüße von Franky

 AnneSeltmann (05.06.26, 10:58)
Guten Morgen liebe Sigrun!

Dein Gedicht hat mich mal wieder sehr beeindruckt. Es beschreibt auf eindringliche Weise, was verloren geht, wenn die Welt nur noch vermessen, berechnet und eingeordnet wird.
Besonders stark finde ich die Bilder von Lineal, Zirkel und Zahlen. Sie stehen für ein Denken, das alles erfassen möchte und dabei Gefahr läuft, den Menschen aus dem Blick zu verlieren.
Umso schöner ist der Schluss. Zwischen all der Kälte und Ordnung erscheint etwas, das sich nicht messen lässt: Farbe, Leben, Menschlichkeit. 
Für mich liegt genau darin die Stärke des Gedichts. Es erinnert daran, dass nicht alles, was zählt, gezählt werden kann.
Die letzten Zeilen klingen noch lange nach: leise, unbeugsam und voller Hoffnung.

Und dein Bild dazu ist einfach Klasse!

Liebe Grüße in deinen Freitag

Anne

 Reliwette (05.06.26, 11:06)
Liebe Saira, das ist das Schlimmste, was einer Gesellschaft passieren kann, Konstruierte Menschen, die wie wandelnde Computer das persönliche Leben steuern, ihm einen mathematischen Sinn aufdoktruieren. Auf Fragen  kommen stereotype Antworten, mit dem Messband begrenzt, peripher am Menschen der Kreisschnitt des Zirkels, alles dem Ptofit zugeschnitten, Die künstliche Intelligenz, im Grunde eine elektronische Klaumaschine, durchforstet mit wahnsinniger Geschwindigkeit Suchmaschinen und Einträge im Internet. Da nützt kein copyright mehr, denn diese Maschine kann man nicht verklagen Die Entwickler schützen sich mit Präambeln, die von Juristen abgesichert werden.
Ein wichtiger Text, Saira, gerade für Unbedarfte. Wer außergewöhlich perfekte Lyrik verfasst, gerät in den Verdacht, KI benutzt zu haben. Soweit ist es mit der Poesie schon gekommen, traurig, traurig, traurig!
Der Reli grüßt herzlich!

Kommentar geändert am 05.06.2026 um 11:08 Uhr

Kommentar geändert am 05.06.2026 um 11:10 Uhr

Kommentar geändert am 05.06.2026 um 11:14 Uhr
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