Meine Rolle als Mann: Don Juan oder Faust?

Essay

von  Quoth

Ich finde, die Fragestellung vereinfacht. Soll ich mich als Mann ausschließlich dem weiblichen Geschlecht oder ausschließlich der Wissenschaft widmen? Ich möchte ein Professor werden, der die Woche über forscht und am Wochenende mit seiner lieben Frau und einem halben Dutzend renitenter Kinderchen aufs Land fährt, an einem gemütlich sich schlängelnden Fluss einher spaziert und gelegentlich einer strammen Bauerndirne leuchtenden Auges nachblickt. Ich möchte von beidem haben, möchte die Frauen ebenso sehr lieben wie die Wissenschaft, vor allem aber, was weder Don Juan noch Faust je schaffte, eine Familie gründen. In diesem Punkt verstehe ich auch meinen großen dänischen Nachbarn nicht, den Kopenhagener Sören Kierkegaard. Er hat sich mehr als ein anderer in der Liebe ausgekannt, vermochte wirklich zu lieben unter höchstem existenziellem Einsatz: Aber vor der letzten Konsequenz, der Heirat und dem Kinderzeugen, scheute er mit mir unbegreiflicher Angst zurück. War er letztlich prüde? Auf christliche Weise von einem das Sexuelle verwerfenden Sündenbewusstsein vergiftet? Ich werde mich später im Studium hoffentlich genauer mit diesem rätselhaften Mann befassen und ihn dann endlich verstehen. Darauf lege ich großen Wert, denn mich hat für ihn eine ganz unbegreifliche Sympathie erfasst, die ich auf Wesensverwandtschaft zurückführen würde, wenn das bei einem so klugen Mann nicht anmaßend wäre.

Was ich aus seinen Zeilen herausgelesen habe, ist die Sorge, dass eine Familiengründung mit dem Schriftstellerberuf unvereinbar sei. Für ihn mag das gegolten haben, es mag auch gegolten haben für Edgar Allan Poe, für Robert Walser, für Franz Kafka, für Gottfried Keller, den Lieblingsautor meiner Mutter, und für Heimito von Doderer, den Lieblingsautor meines Vaters. Aber wie glücklich waren Schiller und Goethe mit ihren Familien, wie harmonisch hat Thomas Mann sein Schaffen mit seiner Stellung als Familienvater verbinden können! Oder sehe ich das zu rosig? War er womöglich ein fürchterlicher Tyrann und hat seine Kinder seelisch schwer beschädigt? Auch darauf lassen sich, wenn ich recht informiert bin, Hinweise finden. Einen Menschen, der sich ausschließlich hinter seine Bücher verkriecht – oder hinter seine Versuchsanordnungen, seine Geräte, seine Berechnungen - finde ich jedoch armselig. Verzichtet er nicht aufs Schönste, nämlich die Liebe in allen ihren Varianten – die Verliebtheitsliebe, die Gattenliebe, die Liebe zu den Kindern und die sie erwidernde Liebe der Gattin und der Kinder zu ihm? Ein solcher Mensch verzichtet auf sein eigentliches Menschsein, ja, er vernichtet’s, und selbst, wenn er nobelpreiswürdige Entdeckungen macht, bewundere ich ihn nicht, sondern bedaure ihn. Zu viel hat er versäumt!

Umgekehrt aber: Einen Don Juan kann ich auch nicht bewundern, allenfalls mal, und das schmerzt, beneiden. Wir haben einen Don Juan bei uns auf der Schule, ich brauche den Namen des mehrfach ausgezeichneten Boxers nicht zu nennen, jeder weiß, wen ich meine. Er übt auf die Mädchen einen unwiderstehlichen Zauber aus, und dieser Zauber wird immer stärker, je mehr Mädchen er gehabt hat. Eine junge Dame erträgt’s nicht, wenn man ihr nachsagen kann, dass Kolle sie nicht begehrt und nicht geliebt habe, ja, es scheint eine Art von Ritterschlag oder Qualitätssiegel zu bedeuten, durch sein Bett gewandert zu sein. Da er sich pausenlos damit befasst, immer neue Opfer seiner unermüdlichen Begehrlichkeit aufzutreiben und sich gefügig zu machen (wenn sie ihm – nach einem Sieg bewundernd, nach einer Niederlage bemitleidend – nicht geradezu auf die Matratze hüpfen), ist er nicht gerade ein begnadeter Schüler, er kann – außer Boxen – eigentlich nur das eine.

Ich liebte Phyllis, schrieb Gedichte auf und für sie und genoss die schnöde Ablehnung, die sie mir zuteilwerden ließ. Hätte ich ihr Gedichte geschrieben, wenn sie mich erhört hätte? Natürlich nicht! Aber als ich dann erfahren musste, dass auch sie durch Kolles Hände gegangen war, ja, da tat’s weh – und für einen Moment war ich in Versuchung, auf den Teufel, der mir einen Don-Juan-Vertrag anbot, einzugehen. Aber ich begriff, dass ich dann ja nicht nur Phyllis, sondern zahllose andere Weiblichkeiten von durchaus zweifelhafter innerer und äußerer Schönheit lieben musste. Das stieß mich ab. Und als Phyllis, gescheitert an dem Projekt, Kolles „letzte“ zu sein (an dem schon so viele scheiterten), sich mir nun geneigter zeigte, als deutlich wurde, dass sie den Ritterschlag (oder sollte ich besser von einer Initiation sprechen?) bereute als eine kindliche Verirrung ihres unerfahrenen Triebs, beschloss ich, sie nicht mit Nichtachtung zu strafen, sondern in Gnaden aufzunehmen.

War darin auch Spekulation? Schließlich würde sie, das war abzusehen, weiter um mein Verstehen und Verzeihen bemüht sein und sich dankbar erweisen müssen. Ja, so bin ich zum Tröster und Aufrichter nicht nur für eine der von Kolle geknickten Blumen geworden, ich umgebe sie mit Zärtlichkeit, mit Verstehen, mit Musik und Poesie und heile die von rauschhaft verlogener Brutalität geschlagenen Wunden. Dafür ernte ich Liebe und Hochachtung. Aber es kommt auch vor, dass eine rückfällig wird und erneut geknickt werden möchte. In solchen Fällen weiß ich mir keinen Rat, und ich frage mich – und es sind dunkle Stunden, in denen ich mich das frage – ob Kolles Weg nicht doch, bezogen auf die weibliche Natur, der realistischere ist.





Anmerkung von Quoth:

Diesen Besinnungsaufsatz hätte ich 1957 wohl so geschrieben, wenn mir das Thema damals gestellt worden wäre.

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Kommentare zu diesem Text


 S4SCH4 (09.07.26, 22:38)
Sehr schön geschriebener Text, bei dem ich mich scheinbar spontan entscheiden muss, ob ich mich bei meinem Feedback emotional treiben lassen soll oder eher den Überblick behalten möchte. Hmm, mal sehen.
 
Erstens: Auf ganz ähnliche Weise, wie der Autor hier zu seinen Erfahrungen kommt, muss wohl Hesse die Inspiration für seinen Roman „Narziß und Goldmund“ gefunden haben. Ich sehe hier zumindest Parallelen. Narziß der gelehrte Klostermann und Goldmund der Liebhaber nach allen Regeln der Kunst.

Aber zurück zum eigentlichen Text, denn mir drängt sich etwas auf: Die Frage, ob es edel und ritterlich sei, eine gebrochene Seele aufzurichten und aufzunehmen, wohl im Wissen darum, dass man selbst nicht erste Wahl für die Dame ist, bleibt, was die Antwort betrifft, bei jedem selbst. Wenn es nur nicht so am eigenen Gefühl nagen würde und man den Preisboxer Kolle ja immer irgendwie auch mitversorge, wenn man eine „seiner“ Pflänzchen aufrichte, dann könnte man vielleicht versuchen, diese Frage zu beantworten, aber diese Beziehungskiste und das Spektrum an menschlichen Emotionen macht es m.E. zu einer Unmöglichkeit. Am Ende bleibt so ein Tröster (sofern es sich als solches erkennt) eben das: ein Trostpflaster. Und das klebt, es wird vollgesifft und gehört irgendwie nicht so recht an Ort und Stelle. Auch nicht mit Blümchenmotiv. Am Ende bleibt wohl eher ein armer oder trauriger Ritter zurück, auch wenn es andere anders sehen mögen ... doch reicht diese Gunst anderer? Sie ist in jedem Fall weder Versicherung noch Gewähr für etwas. Das Risiko nichts zu sein und irgendwann vor dem nichts dazustehen bleibt beim vermeintlichen Tröster.

Persönlich gesprochen: In früheren Jahren hätte ich sehr wohl versucht die Dame von „meinem Weg“ zu überzeugen. Hätte dabei Wasser auf die Mühle dieser Dreieckskiste gegossen und wäre verzweifelt, mit anzusehen, wie das betreffende Wasser in den Garten Kolles liefe, während die Blüten jenem Manne prächtig angehörten.

Für mich ist der Text ein Paradestück zum Thema des Auffindens eigener Charakterlichkeit und des Erwachsenwerdens. Also, ein einzigartiger Text, aber in der Art nicht einzig. 

LG 
Sashca

 Jack (09.07.26, 23:19)
Warum diese Doppelentfremdung: erst „als Mann“ und dann noch „Rolle als Mann“?
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