Russland – ein Wort, das niemand ohne Schrecken ausspricht. Es ist so groß – zu groß für ein Land! Betrachtet man es auf der Landkarte, so scheint es mit seinen sich bis auf die andere Seite des Globus erstreckenden Landmassen wie eine riesige Lawine der Kraft unser kleines verzetteltes Europa erdrücken zu wollen. Und hat es uns nicht schon einmal fast erdrückt? Russische Soldaten üben Panzerfahren rund um Berlin, Deutschland ist zu einem Drittel von den Russen beherrscht – auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen und die Marionettenregierung der sog. DDR vorschieben. Wer glaubt schon an diese Kasper, die für alles Wichtige, was sie entscheiden, sich Erlaubnis in Moskau abholen müssen! Wobei es, zugegeben, mit unserer Souveränität auch noch nicht weit her ist – ohne das gnädige Nicken Amerikas kommt man hierzulande kaum aus.
Der Moskau-Kommunismus – wir fürchten ihn, und ich behaupte, seine Furchtbarkeit war es, die Hitler den Steigbügel gehalten und ihm in den Sattel geholfen hat. Man wählte Hitler als vermeintliches geringeres Übel – so stelle ich es mir vor, und unser Kolonialwarenhändler, hat das jüngst bestätigt, als er sagte: „Warum hätte ich die Kommunisten wählen sollen? Sie hätten mich als Mittelständler und Kapitalisten auf der Stelle enteignet.“ Aber Russland ist nicht identisch mit dem Kommunismus oder dem, was dort momentan dafür ausgegeben wird. Der 20. Parteitag der KPdSU hat etwas eingeleitet, was die Zeitungen Tauwetter nennen. Wer weiß, vielleicht ist der ganze Spuk schon in wenigen Monaten weggeschmolzen! Und dann können wir den Russen zurückgeben, was Stalin den Deutschen sagte: „Die Hitler (Stalins) kommen und gehen, das deutsche (russische) Volk bleibt bestehen.“
Woran denke ich, wenn ich an das russische Volk denke? Ich denke an die Erzählung meines Vaters, wie sie in das zerschossene Smolensk einmarschierten und Frauen ihnen die Hände hinhielten und „Chleb! Chleb!“ murmelten. Chleb heißt Brot. Und ich denke an eine andere Erzählung meines Vaters, wie er die Verbindung zu seiner Truppe verloren hatte und draußen in der Nacht erfroren wäre, wenn er nicht in einer Bauernhütte auf dem Ofen hätte schlafen dürfen. Vielleicht sind die Russen das einzige Volk auf der Welt, das mit dem schrecklichen Gebot Christi: „Liebe deine Feinde!“, ernst zu machen bereit wäre. Ich liebe die Szene, in der Achilleus mit Priamos über den Unfug des Krieges weint. Ich denke mal, Achilleus und Priamos waren Russen.
Die Russen sind letztlich ein friedliebendes Volk und werden nur von ihren Herrn in Kriege getrieben, die sie nicht wollen. In diesen Kriegen sterben sie mit einem entsetzlichen Gleichmut – zu Millionen. Ob der Russe ein geringeres Selbstwertgefühl hat als wir? Ich weiß es nicht, seine Leidensfähigkeit und Leidensbereitschaft scheint mir jedenfalls sehr ausgeprägt. Jahrhunderte der Fremdherrschaft, Jahrhunderte der Leibeigenschaft haben tiefe Spuren im russischen Charakter hinterlassen. Mein Vater sagt, wenn die Russen feiern, fließt der Wodka in Strömen – und sie weinen. Wenn sie glücklich sind, weinen sie. Das ist ein merkwürdiger Zug. Worauf mag das hinweisen? Vielleicht spüren sie im Glück sehr stark dessen Vergänglichkeit, dessen Nichtselbstverständlichkeit, dessen auf-tönernen-Füßen-Stehen.
Was ich bisher an russischer Literatur las, zeigt mir, dass sie alles, was sie erleben, bis in letzte Tiefen auszukosten versuchen. In diesem Punkt mögen Deutsche und Russen einander ähnlich sein. Auch uns sagt man ja einen Hang zum Grübeln und zum Tiefsinn nach, und es ist sicherlich kein Zufall, dass, vermittelt durch Karl Marx, die dialektische Philosophie eines Schwaben in Russland herrschend geworden ist, nämlich Hegels. Auch Schiller soll in Russland sehr geliebt worden sein z.B. von Puschkin. Wir hier verehren Tolstoi und Dostojewski, letzteren zu lesen ist geradezu ein Muss für jeden, der als gebildet angesehen werden möchte.
„Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi ist das Lieblingsbuch meiner Mutter. Ich kenne es bisher nur als Film mit Audrey Hepburn als Natascha und Mel Ferrer als Graf Bolkonsky. Was für eine wunderschöne Konstellation! Ein Mädchen wird dem Verlobten untreu, er löst die Verlobung. Er wird schwer verwundet, sie pflegt ihn – und er erkennt, dass sie letztlich doch einzig ihn liebt, und verzeiht ihr. Ein Schauder läuft mir über den Rücken ob so viel menschlicher Größe. Würde ich einem Mädchen das verzeihen können? Könnte ein Mädchen jemals mich so über alles lieben? Ja, es sind Schauder – der Ehrfurcht und der tiefen Freude am Leben, die mir über den Rücken laufen, wenn ich an das russische Volk denke. Insofern verkörpert es für mich eher eine Hoffnung als eine Gefahr.