Hat Das Leben einen Sinn?

Essay

von  Quoth

Legionen von Philosophen, Moralisten und Frommen haben diese Frage behandelt, werde ich armes Pennälerschwein mich nicht hoffnungslos verheben, wenn ich sie zu ventilieren wage – zumal noch hier in der kahlen Klasse mit ihren graugrün gestrichenen Wänden sitzend, wo keinerlei Buch oder Nachschlagewerk mir etwelche Zitate liefern könnte? Als erstes möchte ich deshalb Sie, im wörtlichsten Sinne geneigter, nämlich über mein dilettantisches Geschreibsel geneigter Herr Dr. Fuß, bitten, meine Ausführungen nicht zu überschätzen, sondern als das zu nehmen, was sie sind: Vorläufig und stümperhaft formulierte Betrachtungen eines Unreifen, der dafür, dass er sich an ein so schwerwiegendes Thema wagt, nur eine Entschuldigung hat: Es wurde ihm pädagogischerseits aufgezwungen.

Beginnen wir mit dem Sinn! „Er hat nicht alle fünf Sinne beisammen!“, sagt man von jemandem, der ein wenig neben der Mütze ist. Gemeint sind hier der Gesichts-, der Hör-, der Geschmacks-, der Geruchs- und der Tastsinn. Soll ich also die Frage beantworten, ob das Leben z.B. einen Geruchssinn hat, mithin eine Art Nasenorgan? Nein, hierum kann’s nicht gehen, und ich setze mich gerade dem Verdacht aus, ich machte mich über das Thema lustig. Das liegt mir ferne! Sinn in einem sechsten oder auch übertragenen, geradezu verabsolutierten Sinne, kann konvergieren mit den Wörtern Ziel oder Zweck. Formulieren wir die Frage also um in: „Hat das Leben ein Ziel, einen Zweck?“ Sofort wachsen wie bei der lernäischen Schlange, wenn sie geköpft wurde, aus dem Stumpf sieben neue Köpfe heraus. Einer ist die Frage, ob’s sich um ein von außen diktiertes oder um ein von mir selbst gesetztes Ziel handelt.

Vor allem die Religionen diktieren uns gerne Lebensziele zu, indem sie uns ewige Seligkeit verheißen, wenn wir bestimmte Verhaltensnormen erfüllen. Ich kann diese Normen so verinnerlichen, dass sie mir als selbstgesetzt erscheinen. Aber bedarf ich wirklich des göttlichen Gebotes „Du sollst nicht töten!“, um es einzuhalten? Ist nicht von Natur ein Widerwille gegen Mord und Blutvergießen in mir angelegt? Und wäre es nicht moralisch fragwürdig, wenn ich aufs Töten nur verzichtete, um der ewigen Seligkeit teilhaftig zu werden? Nein, religiöse Forderungen an mich können mir einen Lebenssinn nicht vermitteln. Aber nur auf meine Natur mag ich mich auch nicht verlassen, denn zu ihr gehört auch mein Jähzorn, und durch den habe ich mich schon zu Unentschuldbarem hinreißen lassen, indem ich einen Unschuldigen verletzte ...

Also gehe ich bei den alten Griechen auf die Suche: Was vermögen sie mir als zu erfüllende Lebensaufgabe zu vermitteln? „Erkenne dich selbst!“, rufen sie mir klassisch gewandet zu. Aber wie unendlich schwer, ja, unmöglich ist es, dieser Aufforderung zu genügen! Erkennen kann ich etwas, das von mir selbst verschieden ist. Um mich selbst zu erkennen, müsste ich mich von mir selbst lösen, einen Standpunkt außerhalb meiner selbst einnehmen. Damit aber wäre das Objekt meiner Erkenntnisbemühung nicht mehr ich selbst, sondern nur noch der Restbestand meiner um den beobachtenden Teil reduzierten Person. Wie beobachte ich nun den beobachtenden Teil? Indem ich mich aus ihm entferne – und so weiter und so fort. Wahrscheinlich handelt’s sich bei diesem Prozess um einen Anwendungsfall der Infinitesimalrechnung auf die Psychologie. Ich bekenne: Er überfordert mich und vielleicht auch Sie, Herr Dr. Fuß, der Sie oft bekannt haben, dass Sie bei aller Bewunderung für Thales und Euklid mit der Mathematik nie warm geworden sind!

Deshalb wende ich mich den lebensfrohen Römern zu. Ist es nicht der große Horaz, der mir wohlgemut zuruft: „Carpe diem!“? Ja, das gefällt mir! Wie eine Blume will ich jeden Tag pflücken, genussvoll beschnuppern, seine Schönheit, seinen Duft genießen, ihn in eine Vase stellen und betrachten – und wenn er welkt, tritt eine frische Blume, ein neuer Tag an seine Stelle! Ja, genießen will ich mein Leben, und wenn ich ans Sterben komme, will ich beglückt zurückblicken auf die vielen, oft auch winzigen Freuden, die mir zuteilwurden (z.B. an einer Motte mit gefiederten Flügeln, wie sie gerade auf meinem Unterarm rastet). Und wenn Krankheit und Tod geliebter Menschen mich bedrücken, wenn Krieg und Not über mein Leben hereinbrechen? Dann will ich es mit den Stoikern halten und will unbeirrbar meine Pflicht tun: die Leidenden pflegen, die Sterbenden trösten, die Hungernden nähren, die Dürstenden tränken. Auch dies können Freuden sein, an die man gern zurückdenkt, mag dann ewige Seligkeit auf mich warten oder nicht.




Anmerkung von Quoth:

Das hätte ich 1957 zu dem Thema geschrieben, wenn es mir gestellt worden wäre.

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Kommentare zu diesem Text


 Aber (10.07.26, 19:04)
Das ist so ein Gedankenmix, der keinem wirklich weiterhilft, außer neue Verunsicherung zu erzeugen, lieber Quoth.

1957 war die lutheranische Welt auf dem Höhepunkt.

 Quoth meinte dazu am 10.07.26 um 19:59:
1957 war die lutheranische Welt auf dem Höhepunkt.
Vielleicht in der DDR, in der BRD nicht. Da standen noch Pastoren auf der Kanzel, die vor wenigen Jahren die arische Abstammung Christi gepredigt hatten.

 Aber antwortete darauf am 10.07.26 um 20:01:
Genau eben dadurch.

 Quoth schrieb daraufhin am 10.07.26 um 21:14:
Das ist so ein Gedankenmix, der keinem wirklich weiterhilft, außer neue Verunsicherung zu erzeugen
Ah, weitergeholfen muss hier werden durch unsere Beiträge. Tut mir leid, wenn mir das nicht gelungen ist - ich habe mich aber, offen gestanden, auch gar nicht darum bemüht.

Antwort geändert am 10.07.2026 um 21:15 Uhr

 Aber äußerte darauf am 10.07.26 um 21:17:
Das spüren die Leser.

 Quoth ergänzte dazu am 10.07.26 um 21:27:
Bist Du ihr Sprecher?

 Aber meinte dazu am 10.07.26 um 22:01:
Bisher ja.

 harzgebirgler (13.07.26, 18:41)
"Der Mensch ist der Hirt des Seins" (Heidegger) -
"Nimm in die Acht das Ganze als Ganzes" (Periander)

 Otto meinte dazu am 13.07.26 um 21:31:
Heidegger wurde 1934  Geisteshirte ides totalitären Ganzen, das ihn in Acht und Bann nahm.

🤗🤔

 Quoth meinte dazu am 13.07.26 um 23:21:
Mach es Dir nicht zu leicht, Otto. Sartre, der nun wahrlich kein Nazifreund war, hat noch in den 40er Jahren Deutsch gelernt, um Heidegger im Original lesen zu können!
Ja, "Hirt des Seins." Ein eher poetisches als philosophisches Bild! Wobei der darin liegende Gedanke der Verantwortung für das Sein mir sehr gefällt.

Antwort geändert am 13.07.2026 um 23:24 Uhr

 Otto meinte dazu am 14.07.26 um 06:42:
Nein, ich mach es mir nicht zu leicht, Quoth. Heidegger war Rechtstotalitarist, Sartre war Linkstoitalitarist, der den westlichen Arbeitern Stalins Arbeitslager verschweigen wollte, um ihnen die sozialistische Hoffnung nicht zu rauben! (Und die Heideggergeliebte   Arendt hat frueh gezeigt, dass linker und rechter Sozialismus beides Totalitarismen sind.)


Der dritte Existenzphilosoph, Karl Jaspers, war zwar nicht so aufregend prominent, aber von grösserer politischer Urteilskraft als die beiden zusammen.



Der ökologisch brauchbare  Seinshirte und der stalinistische Freiheitsideologe sind bis heute etwas überschätzte Denker und waren politische Dummkoepfe. 

LG
Otto
🤔🤗

Antwort geändert am 14.07.2026 um 06:44 Uhr

Antwort geändert am 14.07.2026 um 08:32 Uhr

 Quoth meinte dazu am 14.07.26 um 12:08:
Ist jeder, der einer politischen Idee verfällt, ein Dummkopf? Jaspersche Ausgewogenheit mag klug sein, aber bewegen kann sie nichts.

 Otto meinte dazu am 14.07.26 um 13:13:
Nein, Dummkopf ist nur, wer stets einer FALSCHEN politischen Idee verfaellt wie Exkatholik Heidegger und  Grossbuerger Sartre. Schon der kleine Mann auf der Strasse wie Arbeiterkind Albert Camus weiss es in der Regel besser. 

Der NATO-Philosoph und liberal republikanische Demokrat Jaspers schrieb hingegen  "Wohin treibt die BRD?" , eine fundierte, noch heute lesenswerte Politkritik.
(Keine etymologischen Sprachkloeppeleien wie bei Heidegger, keine Rechtfertigung roter Militaerdiktaturen wie bei Sartre.

Otto
🎂🤗

Antwort geändert am 14.07.2026 um 13:14 Uhr
Jack (43) meinte dazu am 19.07.26 um 04:36:
Diese Antwort ist nur für eingeloggte Benutzer lesbar.

 Otto meinte dazu am 19.07.26 um 07:04:
Immerhin behielt der zu wenig dialektisch denkende Jaspers gegen den highly sophisticated  Heidegger und der algerische Gassenbub Camus gegen den Pariser Eliteschueler Sartre politisch Recht. Was ist daran "solipsistisch / ressentimental" gesehen, Jack?

🤗🤔

Antwort geändert am 19.07.2026 um 07:56 Uhr

 Otto meinte dazu am 19.07.26 um 08:32:
Fazit : Philosophen haben in der Regel geringere politische Urteilskraft als gewöhnliche Sterbliche und grössere "politische Verfuehrbarkeit" (Hans Blumenberg).

LG
Otto
🤗🤔

 Drita (13.07.26, 22:17)
Hallo Quoth,

Ein schöner, nachdenklicher Essay. Er zeigt viele mögliche Wege, dem Leben Sinn zu geben - durch Erkenntnis, Freude, Pflicht und Mitmenschlichkeit. Für mich fehlt jedoch noch ein Gedanke: Am Ende ist es die Liebe, die einen Menschen wirklich retten kann. Weder bloße Vernunft noch Pflicht oder Genuss reichen aus, wenn das Herz keinen Halt findet. Vielleicht liegt der tiefste Sinn des Lebens nicht darin, ihn zu suchen, sondern darin, zu lieben und geliebt zu werden.

LG
Drita 

 Quoth meinte dazu am 13.07.26 um 23:17:
Da hatte der 16Jährige, der hier schreibt, wohl so seine Zweifel. Er hat sich  hier Gedanken gemacht und versucht, einige, aber längst nicht alle Facetten von Freundschaft und Liebe aufzuzeigen. Vielen Dank für Kommentar und Empfehlung, Drita.
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