Von der Raumzeit und einem Buzzkill
Tagebuch zum Thema Reisen
von S4SCH4
Es ist Sonntagfrüh. Ja, Sonntag und ich spüre es in mir, diese Lethargie eines unbeholfenen Geistes, der kein Fuß in die Tür bekommt, weil sie immer wieder nur überraschend auf und zu geht. Dieses Ende einer Woche und ihr neuernder Anfang, dieses selbstgerechte Dasein in Ruhe und Stille an einem italienischen Herbstmorgen macht mich ein wenig kirre.
Den Elan, meine Reise heute fortzusetzen, lasse ich missen, die Motivation voranzukommen, um bald schon in Pescara zu sein ist mir an diesem Morgen nicht gegenwärtig. Vielmehr sitze ich gähnend auf dem Bett, schaue mich im Raum um, höre ein Schnarchen, wohl aus dem Zimmer über mir, und bin hin und hergerissen, noch einmal einzuschlafen oder aber wachzubleiben, bis es zum Frühstück käme.
Am liebsten bliebe ich eine weitere Nacht, vorwiegend um mich auszuruhen, meine Kräfte in den Armen und Beinen zu regenerieren, meine Wunden, vornehmlich an den Füßen, heilen zu lassen und um endlich einmal wieder durchzuschlafen. Meine Trizepsmuskulatur ist sehr beansprucht, meine Handgelenke beginnen schnell zu schmerzen, unter anderem vom häufigen Umlenken des schweren Fahrrads, vom ständigen ausweichen der Umlaufsperren auf den Radwegen, die mich gestern alle Nase lang abbremsten, so dass ich stellenweise froh war auf den Landstraßen fahren zu können. Meine Beine sind schwer und die Wunde auf der rechten Fußoberseite teilweise betäubend, vereinzelt humpele ich nur noch von einem Ort zum anderen. Erstmal auf dem Rad befindlich merke ich davon zwar weniger, aber die Beanspruchung ist zweifelsohne da, und nur, weil mein Körper keine Alarmsignale sendet, heißt es nicht, dass er einverstanden sei, einfach weiterzumachen. Demgemäß möchte ich mir eine kurze Ruhepause gönnen und werde das Hotel um eine Verlängerung meiner Buchung, eine weitere Nacht betreffend, bitten.
Würde eine Verlängerung der Hotelbuchung ausgeschlossen werden, müsste ich mir die Karten legen, um entweder eine Zugstrecke buchen, oder aber doch die nächsten gut 30 Kilometer nach Pesaro zu radeln, weiter an der Adria entlang, Richtung Ancona. Weiter würde ich es nicht schaffen wollen.
Pesaro liegt, anders als Rimini in der Region Marken, diese zählt zu Mittelitalien und grenzt in ihrem südlichen Teil an die Region der Abruzzen, die dann bereits zu Süditalien zählt.
Fun fact: Man nennt den Süden Italiens auch Mezzogiorno, dieses aber nur im übertragenen Sinn, wortwörtlich bedeutet es Mittag. Aus dem Lateinischen von medius (Mitte) und diurnus (Tag). Da die Sonne zur Mittagszeit im Süden steht, wurde der Begriff auf den Süden übertragen. Doch nicht nur im Italienischen nutz man diesen praktischen Gebrauch der Tageszeit zur Himmelsrichtung, auch im deutschen stand das Wort Mittag jahrhundertelang für den Süden und das Wort Mitternacht für den Norden. Übrig blieben im heutigen Sprachgebrauch eher das Abendland (Westen) für Europa bzw. den Okzident und das Morgenland (Osten) für den Orient.
Nach diesem kurzen Exkurs zur jahrhundertealten Verknüpfung zwischen Raum und Zeit, etwas, von dem man bisher vielleicht nur annahm, erst die Science-Fiction kannte solcherlei, nämlich unter dem Begriff der Raumzeit, frage ich mich derweil, was ich mit dem fortschreitenden Osten zu tun gedenke und gehe erstmal zum Frühstücksbuffet.
Dort esse und trinke ich mich satt, vielleicht ein bisschen zu viel, ein Brötchen mit Mortadella und ein Glas Blutorangensaft weniger und ich wäre wohl nicht ganz so schwerfällig. Doch aus den vorherigen Tagen lernte ich, mich früh morgens ausgiebig zu ernähren, für die Fahrt, und damit mir abends nicht ganz so schwindelig wird, wenn ich diesen bei einem Bier ausklingen lasse. Sollte ich heute, nachdem ich gut zulangte bei Frühstück, allerdings nicht mehr fahren, täte ich mir keinen Gefallen, aber es wäre sicherlich zu verkraften. Um zwanzig vor acht kommt die Rezeptionsfrau, die, die mir sagen könne, ob ich eine weitere Nacht bleiben könne. Der ältere Herr, der den Empfang derzeit besetzt, sprach mir in un po frammento Englisch, davon, bitte Geduld zu haben und auf seine Kollegin zu warten, nachdem ich ihm, auf seine italienischen Ausführungen und Begrüßungen hin, meinerseits nur entgegenbringen konnte: Scusa, non parlo italiano.
Nach Frühstück und einiger Gedanken über den Aufenthalt, bin ich mir nicht mehr ganz so sicher bleiben zu wollen, wie auch, warum auch, was erwartete ich auch? So nehme ich was kommen mag gleichgültig hin, ganz so wie es mir die kirchlichen Wünschelroutengänger klarmachen mochten, wenn sie von Gelassenheit und Gleichmut redeten, einem Schicksal, das anzunehmen sei, wie es auch käme und ohne Aufregung. Keine Frage, diese Scharlatane verstecken sich hinter dahergespiegelten grünen Büschen, hinter meinem guten Willen, der zu allen Überfluss ja gar nicht zugegen sein solle, denn die willenlose Puppe, die bespielbare Marionette, die um dünne alte Finger ihre Gliederstrippen wickelt, ist ein Fickobjekt für alle Katratensänger, die sich eine lukrative Karriere versprechen.
Oh je, was habe ich nur gegessen? Nach dem Clown am gestrigen Abend, wohl eher einen Buzzkill, einen Stimmungskiller, zum heutigen Frühstück.
Na dann mal guten Sonntagmorgen.