Rückreise

Sonett zum Thema Abgrund

von  Isaban

Ich trug das Krähennest, mein Haar war wirr,
blind sah ich mich durch leere Hallen schreiten,
durch Fenster spähen, in tiefblaue Weiten,
im Traume und die Sterne tanzten irr.

Dann fand ich mich in meinem Kinderzimmer,
die Wände unverputzt, verfault, marode,
zu rot, auf blankem Boden, die  Kommode,
ganz links das Gitterbett, mit mir, wie immer.

In dunklen Ecken gähnt finale Leere,
aus Schattenrissen wölbt das Ungefähre,
im Spiegelwinkel blinzelt schweigend Kain,

verschwörerisch. Wir sind allein.
Sein Mal trägt er und meine graue Schwere
und weint mit mir. Er wollte nie ein Mörder sein.

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Kommentare zu diesem Text


 Reliwette (17.04.08)
Das haut rein, Silbenfee...dann möcht ich Dir wohl übers Haar streichen und sagen: "Wach auf- Du hast geträumt - alles wird gut!"
Einen lieben Gruß sendet Dir der Meermann

 DanceWith1Life (17.04.08)
Ich nenn sie inzwischen Isabanations
hier der neueste, dieser Gedankenwindungen, die durch deine Gedichte hervorgerufen werden.
Nach tausenden von Jahren
begegnen wir uns wieder,
Schwester des Schmerzes
still starrer Augenblick
gesegneter bleischwerer
Tang- tangiert, Lider oder Lieder
und rufen all die blauen Träume wach.
trotz folgenschwerer Tränen
trotz all dem Ungemach

Das selbe Zimmer
und oh ja, die selbe immergleiche Wand
auf der noch die Geschichte steht.

 AZU20 (17.04.08)
Aber er ist einer. Heftige Bilder kurz vor dem Abgrund. Das mit den Erinnerungen kennt man von vielen Menschen, die kurz davor waren und gerettet wurden. LG

 Erebus (17.04.08)
Hallo Sabine,

zwiespältig lese ich dein Gedicht, das mich in einigen Bildern wirklich anspricht, in anderen Bekanntes wiederholt.
So gefällt mir Vers 1 sehr gut, während ich den zweiten irgendwie schon sehr zu kennen glaube. Die tiefblauen Weiten stellen sich nach meinem Dafürhalten gegen die hoffnungslose Verwirrung der Stimmung in S1.

Dann S2 - in Vers 1 lese ich eine seltsame Wichtigkeit aus "meinem" Kinderzimmer, ich fände den unbestimmten Artikel reizvoller, aber du wirst schon wissen, warum du das Pronomen wählst. Denn sonst bleibt deine Beschreibung seltsam neutral, ich meine, als Leser merkt man schon, dass es um das LI geht, dessen Empfinden, aber nirgends so deutlich wie in "meinem Kinderzimmer". Gut, "marode" gefällt mit, auch ist die gesamte Akkumulation in S2V2 nicht störend. Jedoch der Metrikfehler, der -es kann nicht anders sein- dich in S2V3 die Kommode so standrot Xx beladen lässt. Was ist damit? Ich komme nicht dahinter, das Leben? Rot ist ja sehr energiereich, energisch, mitunter rücksichtslos aber immer lebendig. Dagegen stellt sich das Gitterbett, das sich wie eine Gefängniszelle ausnimmt. Lebenslänglich?

Die Terzette stellen sich schon temporal gegen die Quartette. Der Rückblick ist abgeschlossen, hier streckt sich Bedrohung in die Gegenwart.
Ich finde sie gut gelungen, das erste eigentlich nur deshalb, weil hier Kain, der Brudermörder, die Szene betritt, während ansonsten in etwas abstrakterer Weise die Beschreibung der Quartette aufgegriffen wird.
Das zweite Terzett ist aber ganz ausserordentlich gelungen - mal abgesehen vom "grauen Schweren" (was wie die gelungene Abwandlung des "Kleinen Schwarzen" daherkommt ist mir etwas zu plakativ)
Allerdings liegt im Bild des weinenden Kains eine solche Ausdruckskraft, dass ich das graue Schwere ohne Mucks mitnehme.

LG
Uli
(Kommentar korrigiert am 17.04.2008)
Gedankenstaub (35) meinte dazu am 17.04.08:
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 Erebus antwortete darauf am 18.04.08:
.
Hallo Clea,

im Falle des Kinderzimmers glaube ich, dass es ohne das Personalpronomen besser funktionierte.
Denn an dieser Stelle fokussiert sich der Blick des Lesers auf jenes fremde, genau spezifizierte Kinderzimmer, er sucht nicht nach dem eigenen, wenn er nicht zufällig in Gitterbett und roter Kommode die eigene Ausstattung wieder erkennt.
Hier wird mir die Deutbarkeit des Gedichtes zu speziell, zu hermetisch. Wenn mir nicht bereits in der ersten Strophe der Einstieg in den Stimmungsklang des Gedichtes gelingt, so wird er mir hier vollends verwehrt. Gelang er mir, so werde ich hier an den Rand gebracht.
Ich würde es offener lassen. Meine Meinung - kein Dogma.

LG
Uli
Gedankenstaub (35) schrieb daraufhin am 19.04.08:
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Symphonie (73)
(17.04.08)
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Anima D. (39)
(17.04.08)
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Gedankenstaub (35)
(17.04.08)
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 Janoschkus (30.09.08)
weiß nicht, ob ichs damals schon empfohlen hab, aber ich finds halt gut und man kann ja ohnehin so oft empfehlen wie man will, das beruhigt mein gewissen grad ungemein. ;)
gruß Janosch
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