Mein Vater, der Philosoph VI.

Text zum Thema Philosophie

von  theatralisch

Was Bildung alles mit uns macht.

Precht wird "ein bisschen über Schule reden" und nicht etwa über Philosophie. Ich finde es zumindest gut, dass er dieses Mal den Namen hinter dem "Bildungs-Zitat" nennt. Nämlich Heisenberg: "Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat." Und Einstein und andere haben überdies "Ähnliches" gesagt.

Irgendwann, als mich das Thema "Bildung" beschäftigte, schrieb ich meinem Vater eine Mail, in der ich ihm folgende Frage stellte: "Wenn du über Bildung nachdenkst, was denkst und empfindest du dann?"

Mein Vater ist Philosoph, muss ich dazusagen. Auch für diejenigen interessant, die meine Seite nicht regelmäßig verfolgen, sondern sporadisch.
Die Antwort meines Vaters fiel folgendermaßen aus: "Wie ich über Bildung denke, hängt maßgeblich von zwei Geschichten ab: Meiner eigenen und der eigentlichen. Das heißt, was ich oder jemand anderes über Bildung denkt, setzt sich zum einen aus seiner eigenen Geschichte und zum anderen aus der eigentlichen Geschichte zusammen. Hier korrelieren also persönliche und gesellschaftliche Interessen. Je nachdem, wer mich fragt oder vielmehr wo ich gefragt werde.

Heute sind wir im Grunde genommen so weit, zu sagen, dass der Mensch nicht mehr lediglich aus Gott hervorgeht, sondern sich auch selbst schaffen, ergo bilden kann. Es ist in diesem Kontext sogar von Belang, sich ein Bild von sich selbst zu machen. Ob wir uns eines von Gott machen, sei an dieser Stelle bereits dahingestellt.

Ich will es einmal so formulieren: Bildung ist schwierig. Denn es kommt dabei immer darauf an, mit wem ich spreche und vor allem an welchem Ort ich mich befinde. Ich bin Professor für Philosophische Anthropologie und will sowie kann davon ausgehen, dass ich es mit Adressaten zu tun habe, die sich alle für mich, ergo meinen Bildungsbegriff, interessieren. Was die Studierenden schließlich daraus machen und sich zusätzlich erschließen, ist in deren Ermessen und begrüße ich sogar. Doch zumindest darf ich getrost davon ausgehen, dass meine Adressaten dort freiwillig sitzen und Bildung für sie in diesem Fall höchstwahrscheinlich gelingt.

Also bin ich ein positives Beispiel für jemanden, der am Bildungsprozess (als größtenteils aktiver Part) partizipiert. Wie es den anderen geht, sei für mich an dieser Stelle dahingestellt. Ehrlich gesagt interessiert mich das nicht mehr allzu sehr. Mein Fokus liegt schließlich auf meinem Werk. Ich bin derjenige, der sich zuvorderst ein Bild von sich selbst macht: Selbstbildung, etwa. Darum geht es mir.

Ergo: Bildung ist für mich doppelseitig im Sinne ihrer Erschließung. Das heißt, die Wirklichkeit zu erschließen und im Gegenzug oder gleichermaßen von ihr erschlossen zu werden. Objektiv ist die Wirklichkeit erschlossen und subjektiv bin ich es auch - erschlossen. Kategoriale Bildung, Klafki. Das wieder heißt, dass, wenn ich exemplarisch vorgehe, ich versuche, die Studierenden einen Blick auf die Gesamtheit werfen zu lassen. Die Personen sollen ihren Horizont erweitern (dürfen). Das gelingt für mich nur, wenn ich Bildung als Prozess betrachte, der nie abgeschlossen sein wird. Im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen die Subjekte, die selbstbestimmt entscheiden müssen, inwiefern Bildung für sie gelingen soll.

Ergo: Bildung ist schließlich in und an uns und nichts, das die anderen uns auferlegen können. Wenn Wissen nicht ökonomisch verwertbar ist, geht das, was der Pöbel hinter dem Bildungsbegriff vermutet, verloren und wir stehen (wieder) ungebildet da.

Daraus resultierend ist Bildung (auch) etwas, das nie (in Gänze) und erst recht nicht überall gelingen wird. Dazu müssten ja überhaupt erst alle Menschen begreifen, was es damit auf sich hat, Personen zu sein. Und im Anschluss, was "Bildung" bedeutet. Viele Menschen haben dazu jedoch überhaupt keine Lust und vermuten hinter Begriffen wie "Bildung" irgendwelche autoritären Typen, die ihre Kinder davon abhalten wollen, Playstation zu spielen oder Sonstiges. Darüber hinaus halten diese vielen Menschen jemanden, der hergeht und sagt "Überlege du mal, was Bildung eigentlich heißt!", für jemanden, den sie nicht mögen. Schon allein aus Prinzip.

Und Bildung ist auch, zu begreifen, dass es solche gibt, die hinsichtlich der Bildung schnell an ihre Grenze stoßen werden. Ich halte nicht viel von einer Art Verweichlichung, bei der Kindern auf Teufel komm raus eingetrichtert wird, dass sie alles schaffen können, was sie wollen. Das führt am Ende zu Realitätsverlust. Wohingegen es durchaus Tätigkeiten gibt, die es stets zu schaffen gilt: Beispielsweise Blut sehen. Das ist unter Umständen lediglich mit so etwas wie Konditionierung verbunden.

Einen letzten Satz: Als es um deine Bildung ging, Isabella, machte ich mir keine Sorgen. Denn ich wusste, dass du es schaffen würdest. Völlig ohne mein Zutun. Du bist eine Kämpferin und weißt genau, was du brauchst. Das habe ich früh erkannt. Dein Bestreben, zu erfahren, was sich tatsächlich hinter dem Bildungsbegriff verbirgt, vernahm ich bereits aus deinen ersten Schreien."

Kommentare zu diesem Text


 Bergmann (26.08.16)
In vieler Hinsicht interessant. Ganz allgemein. Und in Bezug auf dein (aufstockendes) Leben, auch dein Studienfach.
In meinem Lehrerstudium (hier: Philosophicum) spielte die Erziehungswissenschaft nur eine Prüfungsrolle. In der Praxis aber wurde es interessant, sich mit den Welt- und Menschenbildern der Kollegen auseinanderzusetzen - und mit dem eigenen.
Meine wichtigste Lektüre war hier: Brück, Die Angst des Lehrers vor seinem Schüler. Ich kenne bis heute nichts Besseres als dieses Buch (eine von Rowohlt veröffentlichte Dissertation).

 theatralisch meinte dazu am 26.08.16:
Wow, "empfohlen" hast du Texte ja bislang, soweit ich weiß, immer mittels Kommentarfunktion.
Vielen herzlichen Dank für die Literaturempfehlung! Das werde ich mir zu Herzen nehmen und kann mir womöglich auch im Hinblick auf meine Abschlussarbeit weiterhelfen. Schreibe ggf. später noch etwas dazu.

So long
Isabella

 Bergmann antwortete darauf am 26.08.16:
Es gibt von mir nur wenige Empfehlungen, an 1 Hand abzählbar.
Horst Brücks Buch ist - nach akademischer Gepflogenheit - wahrscheinlich überaltert. Brück schrieb noch eine Habilitationsschrift, auch von Rowohlt veröffentlicht. Leider starb der innovative Autor sehr früh. Ich weiß nicht einmal, ob es damals - um 1978 - überhaupt eine Brück-Diskussion gab. Das war und ist mir egal.

 theatralisch schrieb daraufhin am 26.08.16:
Gerade bei Booklooker geschaut. Wahrscheinlich hole ich mir das Buch für 55 Cent etwa. Witzig, dass du mir das Buch genau jetzt empfiehlst. Titel meiner Bachelorarbeit ungefähr: Die Bedeutung von Klassenführung als Ressource gegen Unterrichtsstörungen.

Das Klassenzimmer ist meiner Auffassung nach ein hartes Pflaster. Viele scheuen sich davor, das einzusehen. Ich habe schon ein paar interessante Erkenntnisse gewonnen. Der Rest bleibt natürlich erst einmal mein Geheimnis. Zumindest würde ich davon absehen, dies hier kundzutun.
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