Meine Fluchtreflexe

Innerer Monolog zum Thema Alleinsein

von  eiskimo

Es fing ganz harmlos an: Ein Unwohlsein in der Gegenwart Anderer. Kein Nerv für ihre Leutseligkeit. Für ihr plötzliches Gelächter. Ich mochte das nicht. Frauen vor allem stießen mich ab. Erst nur eine bestimmte Sorte. Die mit dem Redestau. Die laut sind,  Maschinengewehr-artig. Dabei ziellos Belanglosigkeiten runter mähend…
Ich hasste ihre Ungeniertheit. Ihre kleinen Gemeinheiten. Das Vulgäre. Es fing an, als mein Sohn  noch ganz klein war, auf dem Spielplatz – ich wusste da  gar nicht, wo ich mich verstecken sollte. Nichts entging ihren Krähenaugen… Alles musste kommentiert werden. Ungefiltert. Und dazu plötzliches Gelächter. Wie gesagt: Ich fühlte mich unwohl. Und da entwickelte ich  schon diese  Vermeidungsstrategien.
Andere Männer waren da nicht, auf diesem Spielplatz. Aber die Männer lauerten mir bei der Arbeit auf. Alphamännchen. Alleswisser. Alleskönner. Auch die warteten nur auf meine Blöße. Sie selbst genossen ihre Selbstsicherheit, ihren selbstgefälligen Schneid… Den Vorsprung, den sie verspürten, auch in der Nähe zum Chef. Bei mir gab es wieder dieses Unwohlsein. Die Fluchtreflexe. Abwehrreaktionen schon vorbeugend. 
Natürlich habe ich über mich nachgedacht. Über diese Schwäche. Soll ich mir in die Tasche lügen?  Nein. Aber für plumpe Konfrontation bin ich nicht gebaut. Ich mag nicht kämpfen. Ich mag diese aggressive Nähe nicht. Schon das Körperliche stößt mich ab. Dann doch lieber Rückzug. Isolation. Und aus sicherer Distanz Zuschauer bleiben.

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Kommentare zu diesem Text


 monalisa (10.09.20)
Hallo Eiskimo,
alles sehr nachvollziehbar, diese Verweigerung deines Ich-Erzählers, sein Unbehagen angesichts von Geschwätzigkeit, Übergriffigkeit, Überheblichkeit …, das Nicht-kämpfen-Wollen und Nachdenken über die eigene „Schwäche“. Das alles macht ihn sympathisch, bietet Projektionsfläche für eigenes Empfinden. Und dann dieser letzte Satz, diese unglaubliche Überheblichkeit und Verachtung für die „im Dreck pickenden Hühner“, gerade die macht ihn selbst zum „im Dreck pickenden“ Hahn. Ja, damit hat er seine Sympathie bei mir verspielt und sich zu den „anderen“ begeben.
Ich selbst bleibe nachdenklich zurück. Wird mir hier ein Spiegel vorgehalten, ertappe ich mich darin selbst?
Und genau deshalb empfehle ich deinen Text!

Liebe Grüße
mona

 eiskimo meinte dazu am 10.09.20:
Danke für Deine Mitfühlen! Der letzte Satz ist tatsächlich grenzwertig, besser gesagt: grenzüberschreitend. Ein bisschen wie Rache. Und er teilt selber aus.
Ich überlege, ob ich das so lasse (siehe auch Idioma´s Kommentar)
lG
Eiskimo

 monalisa antwortete darauf am 10.09.20:
Ich bin unbedingt dafür, den letzten Satz beizubehalten, obwohl ich auch Idioma und Susidie sehr gut verstehen kann, hab ich beim ersten Lesen ja selbst auch so reagiert, wollte ich den störenden Hühnerdreck am liebesten ausblenden.
Aber ich glaube, gerade dieses Widerhäkchen am Schluss gibt dem Text seinen unverwechselbaren Charakter, eine menschlich unvollkommene Note. Es ist bis zu einem gewissen Grad vielleicht sogar gesund, wenn jede/r von sich meint, etwas Besonderes zu sein, nicht Huhn unter Hühnern, sondern eben Taube (und das nicht unter Tauben), gefährlich wird es aber dann, wenn sich daraus der Anspruch ableitet, nicht nur einmalig und unverwechselbar, sondern etwas Besseres zu sein und auf die anderen herabsehen zu dürfen. Vielleicht ist das ja nur eine Startegie des Selbstschutzes - jedenfalls meine ich, dass auch metaphorische Tauben davor nicht gefeit sind, sich aufzuplustern und genau das zu tun, was an anderen kritisiert wird. Hier legst du den Finger in eine Wunde, die so manche/r gerne übersehen möchte. Wir sind alle nur Menschen, Taube oder Huhn!

Liebe Grüße
mona

 niemand (10.09.20)
Ein nachvollziehbarer Text, allerdings wundert es mich dann doch, wie der Erzähler es im Internet aushält, ist doch dieser Ort gradezu überlagert von Geschwätzigkeit, Angriffen und Besserwisserei.
Macht es vielleicht das Fehlen der körperlichen Nähe erträglich?
LG niemand

 niemand schrieb daraufhin am 10.09.20:
P.S. Apropos Taube/Hühner/Dreck.
Sind Tauben nicht auch Massentiere und picken nicht nur, sondern hinterlassen doch massig Dreck
Die Idee, die Taube als Friedensvogel zu benennen [gesellschaftlich] ist doch nix als eine menschliche Vorstellung,
wenn man beobachtet wie die sich gegenseitig bekriegen und fort
picken. Aber der Mensch braucht Klischees.

 eiskimo äußerte darauf am 10.09.20:
Als "Taube" im Internet hat man es schwer. Aber Du sagst ja auch, dass die Taubengar nicht so friedfertig sind - sie teilen auch aus.
Das so sensible Ich in diesem Text ist auch ambivalent, siehe der Schluss.
LG
Eiskimo

 idioma (10.09.20)
wirklich einer Deiner besten Texte !
soweit ich bisher las sogar der beste eiskimo-Text !
und Du hast alle Sympathie und bist gar nicht allein mit Deinem Hang zum Alleinsein.... nachzulesen auch in den Biografien von Künstlern aller Art............

Tatsächlich brauchts den letzten Satz überhaupt nicht :

"..... Dann doch lieber Rückzug. Isolation. Und aus sicherer Distanz Zuschauer bleiben. "

Tatsächlich wäre das so, als "Zuschauer" - und sprachlich bereits stockend durch den verblosen Fragmentsatz und danach diesen ausdrucksvollen Ein-Wort-Satz ".Isolation." - der sprachlich viel stärkere Schluss !
idi

 idioma ergänzte dazu am 10.09.20:
PS : in Konsequenz müsste dann natürlich auch der Titel verändert werden......
vielleicht z.B. einfach :
" Zuschauer "
Titel = letztes Wort
letztes Wort = Titel
?
idi

 susidie (10.09.20)
Lieber eiskimo,
ein hervorragender Text und sehr nachvollziehbar.
Die aggressive Nähe und dann auch noch verbunden mit Lautstärke wirkt wie Persönlichkeitsverschmutzung. Weg, nix wie weg.
Was das Ende anbelangt schliesse ich mich hier idioma an mit ihrem Kommentar, dass es die letzte Zeile nicht braucht.
Die sichere Distanz des Zuschauers rundet die Zeilen super ab.
Beste Grüße von Su :)

 eiskimo meinte dazu am 10.09.20:
@idioma, @susidie
oh, Ihr macht es mir schwer... Ich freue mich natürlich riesig über Euer Eintauchen in diesen Text und die Bemerkung zum letzten Satz, aber auch Monalisa gibt mir dazu schlüssige Argumente.
Ich gehe in mich.
Jedenfalls Danke!!
Eiskimo

 AZU20 (11.09.20)
Die Flucht aus diesen Wirklichkeiten hilft nur nicht weiter. Zuschauen und Isolation? Davon kann man nur abraten. Ein sehr gelungener Text. LG

 eiskimo meinte dazu am 11.09.20:
Danke für den Tipp und das Lob. Der "Held" hier müsste mal über seinen Schatten springen!
lG
Eiskimo

 AchterZwerg (11.09.20)
Hallo Eiskimo,

ein nachvollziehbarer und schlüssiger Text.
In der jetzigen Zeit fällt mir ebenfalls eine (noch) größere Emfindlichkeit dem nachbarlichen Lärm gegenüber auf.
Und ihren Ausdünstungen.

Liebe Grüße
der8.

 AchterZwerg (11.09.20)
Hallo Eiskimo,

ein nachvollziehbarer und schlüssiger Text.
In der jetzigen Zeit fällt mir ebenfalls eine (noch) größere Emfindlichkeit dem nachbarlichen Lärm gegenüber auf.
Und ihren Ausdünstungen.

Liebe Grüße
der8.
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