Frankreich: Frohe Botschaft der Fahrradboten

Bericht zum Thema Idealismus

von  eiskimo

Dieser Text gehört zum Projekt  Corona-Texte
Corona hat Frankreich am 17. März 2020, um Punkt 12 Uhr still gelegt. Confinement, so hieß die Devise, die ein Ausbreiten der Virus-Epidemie verhindern sollte.
In Lille (Nordfrankreich) griff daraufhin ein ganz anderes Virus um sich, das Virus einer kaum für möglich gehaltenen Solidarität.  Unter dem hashtag PourEux (zu deutsch: Für jene) fanden sich nämlich die gut vernetzten Fahrrad-Kuriere dieser Metropole zusammen, um die vom Lockdown am härtesten Betroffenen mit dem Allernotwendigsten zu versorgen: Obdachlose, „Abgehängte“ und Familien in den sogenannten schlechten Vierteln.
Wo die städtischen Hilfen von einem auf den anderen Tag unterbrochen waren, strampelten schon am 19. März die ersten ehrenamtlichen Lieferanten zu den Bedürftigen, mit spontan zusammengestellten Essensrationen. Danach wurde die Organisation immer professioneller, die Zahl der Fahrrad-Helfer immer größer, und auch immer mehr „Köche“ schlossen sich der Bewegung an: Besser Gestellte, die zu Hause bleiben mussten und begeistert „für die gute Sache“ kochten.
In den letzten Wochen des Confinements, im Juni, waren es über Hundert junge Leute, die per Velo unterwegs waren zu den Randständigen, und viele legten pro Tag oft deutlich über Hundert Kilometer zurück.
Louise Roussel sprach aus, was die meisten Helfer dabei Menschliches erlebten: „Diese gewaltigen Gräben in unserer Gesellschaft zwischen denen, die alles haben und jenen, die mit nichts klarkommen müssen.Von uns haben sich viele zum ersten Mal in ihrem Leben getraut, Brücken zu bauen über diese Gräben, die man sonst nicht wahrnm nbhaben will.“
Lionel Gardebien, der selber in der Fahrradbranche arbeitet und PourEux logistisch unterstützte, sah sogar noch Größeres, nämlich dass „man sehr wohl noch Vertrauen in uns Menschen haben kann. Wenn es ganz schlimm kommt, kommt auch jemand helfen!“
Als Mitte Mai erste Schritte zur Normalisierung des Alltagslebens stattfanden und die „normale“ Versorgung wieder möglich wurde, hörte PourEux freilich nicht auf. Es wurden nun neben dem Essen auch andere lebensnotwendige Dinge ausgeliefert: Decken, Kleidung, Medikamente.
Allan Ballester, Initiator und Koordinator im Hintergrund, will den sozialen Schwung seiner Bewegung am Leben erhalten und von der „ spontanen Soforthilfe“ hinüber lenken zu langfristigen und nachhaltigen Projekten. Fahrräder werden auch da im Zentrum der Aktivitäten stehen.
Übrigens: Freiwillige Helfer, die während des Confinements per Fahrrad  Lebensmittel verteilten, hat es auch in Paris, Brüssel, Rennes und Lyon gegeben. Zusammen sollen es frankreichweit über 1200 junge Leute gewesen sein, versorgt von gut 10.000 „Köchen“ im Hintergrund.


Anmerkung von eiskimo:

Zusammenfassung eines Artikels, der in der Septemberausgabe von „200“ erschienen ist (S. 7 ff.)
„200“ ist eine französische Fahrrad-Zeitschrift, die zum Ziel hat, den Radsport einmal mit anderen Augen zu betrachten

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Kommentare zu diesem Text


 AZU20 (03.10.20)
Es leben die fleißigen Radhelfer in Frankreich. LG und schönen Feiertag

 eiskimo meinte dazu am 03.10.20:
Danke. Bin im Moment in Burgund. Da ist leider kein Fahrradwetter. Dafür haben wir den lang ersehnten Regen.
salut
Eiskimo

 Dieter_Rotmund (03.10.20)
In Lille (Nordfrankreich), griff daraufhin ein ganz anderes Virus um sich
Was soll das Komma da?
Bestenfalls in
In Lille, Nordfrankreich, griff daraufhin ein ganz anderes Virus um sich
...wäre das korrekt, weil Parenthese, aber du machtest ja eine Klammer.

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 03.10.20:
Die Anspielung auf's Evangelium finde ich lustig. Den Teil würde ich ausbauen, z.B. lass die Fahrradkuriere doch Oblaten verteilen o.ä.
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