Manfred

Erzählung zum Thema Schein und Sein

von  Quoth

Wenn ein zartfingriger Junge von 16 und ein blondgelockter von 14 Jahren bei derselben Musiklehrerin Unterricht haben, ist es nicht auszuschließen, dass sie einander schätzen, wenn nicht lieben lernen. Manfred war ein atemberaubend guter Hundertmeterläufer, sprang weit und hoch, dass dir die Luft wegblieb, aber die Invention spielte er mit einer so glockenreinen Präzision, dass Herbert den dicken Band Nietzsche, den Fräulein Janssen ihm in die Hand gedrückt hatte, weil er warten musste, zuklappte und sich hilflos staunendem Lauschen hingab. Beim letzten Sportfest hatte er Manfred bewundert, wie er als Schlussläufer seiner Mannschaft den Staffelstab mit der enormen Kraft seiner Schenkel, der Boden erzitterte unter seinen Schritten, an die Spitze und zum Sieg trug, aber Manfred war ihm als Muskelpaket erschienen, als Repräsentant einer Welt von Tempo und Kraft, nicht von Klugheit und Sensibilität. Und nun das! Noch nie hatte er ein so wunderbar perlendes Klavierspiel gehört, schamvoll gestand er sich ein, dass die F-Altblockflöte, der Töne zu entlocken er bei Karla Janssen gelernt hatte, ein geradezu klägliches Instrument war, Meilen entfernt von der Klangfülle des lackschwarzen Blüthner, auf dem Manfred so sicher und genussvoll spazieren ging, als durchwandle er die Allee am Seeufer mit ihren beschnittenen Linden. Einen Menschen von solcher Daseinsfülle erleben zu dürfen, war ein Geschenk, das Herbert demütig in Empfang nahm. Gehorsam schlug er den Band „Jenseits von Gut und Böse“ wieder auf, aber die Sätze des großen Abräumers waren bloßes Buchstabengekräusel vor seinen Augen, und als Manfred sich verspielte und lachend über seinen Fehler wie ein Mädchen in die Hände klatschte, und von Fräulein Janssen mit den Worten „Noch mal von hier, mein Süßer!“, ermuntert wurde, neu anzusetzen, war es um ihn geschehen: Er schwor sich, einmal „mein Süßer“ von diesem Inbegriff der Männlichkeit genannt zu werden, und als Karla Janssen ihn, den Inbegriff der Männlichkeit, zur Tür geleitete, sagte sie, einer plötzlichen pädagogischen Eingebung gehorchend und auf Herbert blickend: „Das ist Herbert Eisenpflicht, der ist bald so weit, dass du ihn begleiten kannst. Hier, nimm die mal mit, das sind Telemann-Sonaten für Altblockflöte und Klavier, schau sie dir an, im Herbst habe ich wieder Eltern- und Vorspielabend!“ Mein Glück kannte keine Grenzen – denn Herbert Eisenpflicht, ich gestehe es, bin ich.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (27.01.21)
Leicht homoerotische Prosa - nicht schlecht, leidlich gerne gelesen, auch wenn mich das Thema an sich kaum interessiert.

 Quoth meinte dazu am 27.01.21:
Vielen Dank für Dein widerwilliges Lob!

 Judas (29.01.21)
Gefällt mir irgendwie in seiner ganzen Schrulligkeit (allein der Name Herbert Eisenpflicht!)

 Quoth antwortete darauf am 30.01.21:
Danke für verhaltenen Beifall und Empfehlung! Ich hoffe die Schrulligkeit noch zu steigern! Gruß Quoth (der Gernhardt auch Recht gibt, und doch gelegentlich zur Sonettkelle greift).

Habe eine interessante Zeile in einem Deiner älteren Texte gefunden: "Der Tod, das wissen wir, kommt lebendig zu uns."
Merkwürdig: Hätte ich den Text auf Italienisch geschrieben, hätte der Motorradfahrer einen Zopf gehabt!

Antwort geändert am 30.01.2021 um 21:27 Uhr

 Judas schrieb daraufhin am 30.01.21:
Oha! Da bist du aber gerade bei sehr alten Texten von mir gewesen. Danke aber dafür.

 AchterZwerg (02.03.21)
Mir fällt dazu sofort Lord Byrons bezaubernder "Manfred" ein:

" I ne'er shall see thee more. As my first glance
Of love and wonder was for thee, then take
My latest look ..."

Lächelnde Grüße
der8.

 Quoth äußerte darauf am 02.03.21:
Danke für Kommentar und Empfehlung! Und Robert Schumanns Manfred-Ouvertüre kennst Du sicherlich auch! Gruß Quoth

 linkeln (08.03.21)
zartfingriger, blondgelockter, atemberaubend, glockenreinen, staunendem, enorm, wunderbar perlendes, schamvoll, klägliches, genussvoll, ....warum nur warum?
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