Lea
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Schach 

Die Juweleninsel

Erzählung zum Thema Identität

von  Quoth

Die Aufführung von „Nacht und Nebel“ im Kino „Harmonie“ hat in Himmelstein ein wütendes Schweigen ausgelöst, denn wenn die Himmelsteiner auch nicht antisemitischer sind als der Durchschnitt der Arier, haben sie doch gern und schnell zugegriffen, als sich zeigte, dass sie aus der Deportation ihrer jüdischen Mitbürger durchaus Vorteile ziehen konnten, und sogar die kluge und verehrungswürdige Karla Janssen wohnt, wie mir Herbert berichtet hat, im Haus einer Familie Wolf, deren Schicksal unbekannt ist. Sie und das gute Dutzend anderer, die ihr Haus unter Wert von Strohmännern „gutgläubig“ erworben haben, fürchten nun, dass dieser Erwerb angezweifelt werden könnte, und verschanzen sich sorgenvoll in ihrem Besitz. Hinzukommt, dass ich die Himmelsteiner, eine kernige Mischung aus sächsischen und fälischen Bauern, gegen mich aufgebracht habe durch meinen Hinweis darauf, dass hier einmal Wenden zu Hause waren. Ich sprach mit unserem Buchhändler über die Lage und beklagte, dass Himmelstein in der Literatur nur so geringfügige Spuren hinterlassen habe, ob er nicht Texte kenne, die das zerkratzte Selbstbild der Himmelsteiner ein wenig restaurieren könnten. Er senkte betrübt seine erstaunlich beweglichen Ohren – aber dann richtete er sie plötzlich auf und sah mich freudig an: „Ich glaube fast, meine liebe Frau könnte da hilfreich sein. Sie hat ein zerlesenes Bändchen aus dem vorigen Jahrhundert, und darin ist von Himmelstein die Rede, und für sie, so sagte sie, war dieses Romänchen mit dem Titel ‚Die Juweleninsel‘ sogar einer der Gründe, der Werbung eines Himmelsteiners durchaus aufgeschlossen gegenüberzustehen. Meine Frau ist eine geborene Lieberwirth aus Kötzschenbroda, Tochter eines früheren Strumpffabrikanten, der sich seit seiner Enteignung ein kümmerliches Leben als Tänzer des Balletts der Semperoper verdient. Aber da kommt sie ja – sie kann es Ihnen selber erzählen!“ Die Türglocke klingelte und die reizende Minna trat ein – was für eine hübsche Frau – und geschmackvoll und kühn in ein rotgeblümtes Sommerkleid mit Bolerojäckchen und einem kecken Hütchen gekleidet. „Stell dir vor, ich habe der Bäckersfau vorgeschwärmt von unserer Eierschecke, die es hier nicht gibt, und nun soll ich ein Probeblech für sie backen, sie will sehen, wie sie bei den Himmelsteinern ankommt. Grieße Sie, Herr Eisenpflicht, Sie sind sicherlich der Vater von dem jungen Einstein!“ Nun, ich gebe zu, in Himmelstein wird über Minna Lademann gelästert, sie sei ein billiges Mitbringsel aus der Zone – das ist sie keinesfalls, sie ist eine bemerkenswerte Frauenpersönlichkeit, und ich bin gespannt, ob sie das zerlesene Romänchen mitgebracht hat!

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