am Fenster

Gedicht zum Thema Erinnerung

von  Tula

Hart war der Winter damals
fegte der Sturm wochenlang
über mein ungeschütztes Feld.
Ließ er mal kurz nach, ließ Ich
Krähen steigen und hoffte
auf irgendein Zeichen,
bis auch sie erstarrt vom Himmel stürzten.
Schließlich fiel meterhoher Schnee und
begrub das Feld und die defätistischen Kreaturen.
Umsonst. Nichts brennt tiefer als
das gleichgültige Lächeln
einer Eiskönigin.

Heute studiere ich den Zug des Regens
am geschlossenen Fenster. Die Tropfen
sind alle verschieden und alle gleich.
Manchmal verharrt einer für einen Augenblick,
bis auch er entkräftet seiner Bestimmung folgt.
Der kurze Traum von einem Kuss der Königin.
Umsonst. Sie schneit schon seit Jahren
nicht mehr vorbei.


Kommentare zu diesem Text


 AchterZwerg (17.01.22, 06:51)
Wehe dem, der eine solche Gefährtin hat und ihr unentrinnbar verbunden bleiben muss. -
Ein superbes Gedicht um Einsamkeit und Melancholie. Oder Resignation.

Auf der äußeren Ebene geht es um das Ausbleiben eines Naturereignisses, das in deiner Wohngegend wohl fast nur in der Serra da Estrela regelmäßig auftritt. - In deiner Heimat indes ...

Herzliche Grüße
der8.

 Tula meinte dazu am 17.01.22 um 23:26:
Lieber 8er
Ich überlegte nun eine Weile, ob es ratsam sei, das Gedicht noch weiter zu erklären. Es ist bewusst symbolisch/metaphorisch gestaltet, so dass es durchaus verschieden vom Leser interpretriert und 'empfunden' wird. Denn ja, natürlich geht es um Gefühle, das große Thema Liebe, nicht im Sinne des Himmels rosaroter Wölkchen und voller Geigen, sondern um die andere, die unerwiderte, die weitaus schmerzhafter ist als jede Leere, vor allem für den jungen Menschen, dessen zarter Seelenacker auf gewisse Stürme einfach noch nicht vorbereitet ist. So mag je nach Leseart die Eiskönigin personifiziert aufgenommen werden oder als Metapher für 'diese' Liebe selbst stehen, wunderschön, aber (wie wir aus dem Märchen wissen) eben auch das: gnadenlos, als Feuer oder Eis - egal, beides brennt wie die Hölle.

Dankend lieben Gruß
Tula

Antwort geändert am 17.01.2022 um 23:27 Uhr

Antwort geändert am 18.01.2022 um 00:00 Uhr

 Agnete (17.01.22, 10:00)
der Prot bleibt am Fenster, irgendwie abgekapselt... LG von Agnete

 Tula antwortete darauf am 17.01.22 um 23:33:
Hallo Agnete
Lyrich in der zweiten Strophe erinnert sich an die Jugend in der ersten. Der harte Winter damals und der grau vor sich hin tröpfelnde heute stehen nicht unbedingt bzw. auschließlich für das Wetter. 

LG
Tula

 Jo-W. (17.01.22, 10:06)
der Fensterblick als Symbol der Einsamkeit -finde ich gut,auch wenn ich jetzt beim Rausschauen das Ahnen des Frühlings wahrnehme oder zumindestens wahrnehmen möchte-einen Morgengruß-Jo

 Browiak schrieb daraufhin am 17.01.22 um 10:24:
Ach @Tula: Danke dafür!
Bin gerade nochmal abgetaucht in den Ost-Song "Am Fenster", dazu diese Zeilen ... und dazu diese Erinnerungen:
Nichts brennt tiefer als
das gleichgültige Lächeln
eines Eisprinzen.

Wünsche dem Herrn Lyrich eine warmherzige Sonnenkönigin <3

 Tula äußerte darauf am 17.01.22 um 23:34:
Hallo Jo-W.
Die Hoffnung auf den Frühling stirbt natürlich nie!  :)

LG
Tula

 Tula ergänzte dazu am 17.01.22 um 23:39:
Hallo Browiak
In der Tat werden viele beim Titel an den Song denken. Einer der ganz großen Hits und auch sehr lyrisch. Direkter Anstoß war der hier zwar nicht, aber es geht ums "tief im Blute fühlen" und das "flieg ich durch die Welt" ist bei Liebesschmerz ohnehin sehr empfehlenswert  8-)

Und ja, meine Königin meint es gut mit mir. Meistens ....  :D

LG
Tula

 EkkehartMittelberg (17.01.22, 11:58)
"Es schienen so golden die Sterne
am Fenster ich einsam stand..."
In der Romantik gab es noch die Hoffnung auf Erfüllung der Sehnsucht nach Vereinigung. In moderner Lyrik ist das Fenster zum Symbol unerfüllter Einsamkeit geworden.
LG
Ekki

 Tula meinte dazu am 17.01.22 um 23:42:
Hallo Ekki
Ich stimme gern zu, das Fenster ist außerordentlich symbolträchtig, sowohl das offene wie auch das geschlossene, wie im Gedicht. 
LG
Tula

 GastIltis (17.01.22, 13:01)
Hallo Tula,
Poesie von einem anderen Stern oder aus einer verlorenen Zeit. Traumhaft schön!
Viele Grüße von Gil.

 Tula meinte dazu am 17.01.22 um 23:45:
Danke, Gil
Eine verlorene Zeit ... trifft es wohl irgendwie. Manchmal wünscht man sich die inneren Stürme durchaus zurück 

LG
Tula

 eiskimo (17.01.22, 18:12)
Der Klimawandel holt uns auch in der Poesie gnadenlos ein. Schnee, das ist Schnee von gestern...
Schade!

lG
Eiskimo

 Graeculus meinte dazu am 17.01.22 um 23:44:
"Schnee, das ist Schnee von gestern" - sehr schön. Hier im Dorf nicht ganz zutreffend, in der Tendenz aber schon.

 Tula meinte dazu am 17.01.22 um 23:50:
Hallo Eiskimo
Der Klimawandel war hier natürlich nicht inhaltliche Leitplanke, es sei denn, und in dieser Hinsicht gewiss, als 'nichts ist wie es war ...'. Graue Wintertage laden uns zu Trübsal und Resignation ein.

LG
Tula

 Tula meinte dazu am 17.01.22 um 23:52:
Hallo Graeculus
Ja leider. Und schon denke ich an romantische Wintergedichte  :)

LG
Tula

 niemand (17.01.22, 18:35)
Apropos "Am Fenster". Neuerdings, auf einer Radel-Fahrt, gucke ich im Vorüberfahren in ein offenes Fenster. Und wer liegt dort, wie einst Oma Erna auf der Beobachtungs-Tour der Nachbarn? Ein älterer Schäferhund. Pfoten auf einem Kissen, Schnauze drüber und rausgeguckt.
Ich hätte ein paar Euronen für dessen Gedanken gegeben. Fast filosophisch war der Blick.
Woran der sich wohl erinnert hat? Vielleicht an eine Husky-Dame aus seiner Jugendzeit. Huskys sind ja auch so etwas wie Schnee- oder Eiskönige/innen ;) Ich habe ihn sofort ins Herz geschlossen <3 Mit lieben Grüßen, niemand

 Tula meinte dazu am 17.01.22 um 23:57:
Hallo niemand
Womit wir auf den Hund gekommen wären  :D
Natürlich, auch der hat seine Erinnerungen. Als Schäferhund würde ich wahrscheinlich auch von einer echten Husky träumen, oder gleich von einer geschmeidigen Polarfüchsin  8-)

LG
Tula

Antwort geändert am 17.01.2022 um 23:57 Uhr

 harzgebirgler (18.01.22, 17:19)
die kalte schulter zeigt das leben oft
dem menschen gern auch öfter als erhofft.

lg
harzgebirgler
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