Ist mein Vater mein Vorbild?

Essay

von  Quoth

What was good for my father's father will be good for my father's son. Das ist ein Sprichwort, das mir als erstes einfällt, wenn ich über meinen Vater schreiben soll. Ich muss jedoch einschränkend hinzufügen, dass mein Vater den seinen so recht nie kennengelernt hat. Mein Vater war sechs, als sein Vater in den Krieg, den Weltkrieg musste, der erst zum Ersten wurde, als der Zweite ausbrach. Aus diesem Krieg kehrte mein Großvater lebend zurück – aber die Spanische Grippe raffte ihn dahin. Ich bin sicher, dass mein Vater sich den seinen nicht zum Vorbild genommen hat. Mein Großvater war nämlich ein rechter Bruder Leichtfuß, ein Schürzenjäger und Courschneider, der seiner Frau viel Kummer bereitete. Mein Vater hingegen ist ein ruhig und resigniert hinter Zeitung, Portweinglas und Zigarillo die bürgerliche Behaglichkeit genießender Spießer. Gelegentlich verachte ich ihn so recht aus Herzensgrund. So trägt er zu Hause immer die sog. Sesselhose, damit die andere, in der er aufs Gericht geht, schön ihre Bügelfalte behält. Seine Schuhe sind immer blank, seine Fingernägel spitz zulaufend geschnitten. Mein Vater hat etwas Weibisches, und meine Mutter sagt: „Er ist erst durch den Krieg zum Mann geworden.“

Aus Gründen, die ich nicht verstehe oder nicht verstehen will, ist er eifersüchtig auf meinen Bruder und mich. Er gibt uns nie zu essen ab, schmiert uns nie ein Brot und bringt uns nie etwas mit. Wenn meine Mutter ihm nicht zu essen vorsetzte, würde er bei voller Speisekammer verhungern. Er ist aus der Hand seiner Mutter nahtlos in die Hand meiner Mutter hinübergewandert. So möchte ich nie werden. Ich kann schon jetzt recht gut kochen, insbesondere habe ich mir die Grundsaucen aus dem Kochbuch der Mutter meines Vaters beigebracht, die Kalte Mamsell im Hotel meines Großvaters war. Sein Vater imponiert mir, obgleich er im Ruf eines Schürzenjägers steht. Ich möchte auch einmal in den Genuss mehrerer Frauen kommen. Mein Vater hingegen ist ein treuer Schluffen, den meine Mutter, fürchte ich, im tiefsten Grunde ihres ziemlich unergründlichen Herzens ein wenig verachtet. In der bürgerlichen Behaglichkeit, in der er aufwuchs, hat er sich die in der Politik freiwerdenden Energien nie so recht vorstellen können. Er interessierte sich für Geschichte, versagte aber, als es um ihre Mitgestaltung ging. Er fiel auf die Flötentöne der Nazis herein und trat 1933 ihrer Partei bei. Von mir deshalb befragt, sagte er, er habe sie in erster Linie gemocht, weil sie den demütigenden Friedensvertrag von Versailles zu Makulatur machen wollten und gemacht haben. Ihr Antisemitismus sei für ihn ein Schönheitsfehler gewesen. Dieses Wort nehme ich ihm übel. Wie kann ein Mensch so ahnungslos sein? Nun gut: Wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer klüger.

Zusammenfassend sagt mein Vater, er habe sich von den Nazis täuschen lassen. Das ist immerhin mehr als gar nichts. Als Richter, dessen Aufgabe es sei, alle Lügengespinste zu durchdringen, die vor Gericht gesponnen würden, hätte ihm das nicht passieren dürfen. Deshalb habe er nie eine Berufung an ein höheres Gericht angenommen. Nun, auch hierzu kann ich nur sagen: Besser das als gar nichts. Immerhin eine Tendenz zum Karriereverzicht erkennbar. Was mir an ihm gefällt, sind seine Bücher. Da ist das Beste beieinander, und er sammelt es nicht nur, er liest darin und lebt damit. Sein Lieblingsbuch ist der „Tristram Shandy“, ein merkwürdiger Roman, in dem Laurence Sterne, der Autor, vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, weshalb sein Held am Ende des Buches gerade erst ein Jahr alt ist.

Mein Vater versucht, seine Kriegsversehrtheit mit Würde zu tragen, aber sobald er mal wieder einen wunden Stumpf hat, flucht er gottserbärmlich. Sobald er erkältet ist, liegt er mit einer Miene, als ob er sich anschickte, zu sterben, im Bett, und sagt mit melodramatischer Bescheidenheit zu uns: „Geht nur! Kümmert euch nicht um mich! Auf mich kommt es sowieso nicht an!“ Er mag keine Hortensien, weshalb ihm seine Kollegen mit konstanter Bosheit Hortensien zum Geburtstag schenken. Seine Lieblingsmusik sind die Opern von Verdi. Dieser Name, verriet er mir mit Verschwörermiene, war zugleich eine Parole, nämlich die Abkürzung von Vittorio Emmanuele Re d'Italia. Letztlich ist mein Vater politisch über die bürgerliche Revolution des vorigen Jahrhunderts nicht hinausgekommen und würde sie gern immer noch mal wieder gewinnen. Er bedauert, dass es bei uns keine glaubwürdige liberale Partei gibt. Seine Lieblingszeitung ist Die Gegenwart, ein Wochenblättchen aus Frankfurt, mit sehr anspruchsvollen, langen und tiefschürfenden Artikeln. Wenn er mir etwas in der Zeitung zeigt, weist er mit dem kleinen Finger darauf. Er ekelt sich vor Papier, berührt es nicht gerne. Seine Schrift ist so krakelig und unleserlich, dass nur engste Mitarbeiter sie zu entziffern vermögen. Da er leicht schwitzt, trägt er im Sommer Netzhemden. Seine beginnende Glatze bekämpft er wirkungslos mit Birken-Haarwasser der Marke Trilysin. Birke spricht er Bierke aus. Darin verrät sich seine Herkunft aus dem Ruhrpott. Eine zu lange, inhaltsarme Rede nennt er eine Remmeltorte. Leute, denen er nur gezwungenermaßen zuhört, nennt er Torfköppe. Wenn mein Bruder und ich uns in die Wolle kriegen, befiehlt er uns, mit dem Frasseln aufzuhören.

Fragebögen füllt er grundsätzlich nicht aus, nicht einmal im Zusammenhang mit Volkszählungen. Der Fragebogen, der ihm wegen seiner Nazi-Mitgliedschaft vorgelegt wurde, hat ihm einfürallemal gereicht. Wahrscheinlich werde ich einen so schweren politischen Fehler, wie er ihn beging, nicht machen. Aber ich habe wenig Grund, mir was darauf einzubilden. Ich glaube nicht, dass ich, unter den gleichen Bedingungen wie er aufgewachsen, damals klüger gewesen wäre. Ich fürchte, ich wäre schon aus Opportunismus auf die Nazis hereingefallen. Mein Vorbild ist er keinesfalls, mein Vater, aber ein Maß liefert er schon. Er hat geirrt, sich geschämt, ist amputiert worden, hat weitergelebt. Diese Kraft wünsche ich mir auch: Weiterleben zu können, wenn ich mich geirrt habe, wenn ich Grund habe, mich zu schämen und wenn ich verstümmelt werden sollte. Aber ich hoffe und fürchte, meine Generation wird so schwer wie die seine nicht geprüft werden und deshalb immer stark zur Selbstgerechtigkeit neigen.




Anmerkung von Quoth:

Wird später in "Jahrgang 1941" eingefügt..

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