Umzug

Essay

von  Quoth

Dieses Thema trifft bei mir voll ins Schwarze. Nicht, dass ich schon oft umgezogen wäre und aus der Erfahrung viel zu berichten hätte. Nein, umgezogen sind wir nur zweimal, einmal von hier ins Präsidium, weil die Tommys unser Haus für sich haben wollten, und ein Jahr später vom Präsidium wieder hierher, weil die Tommys abgezogen waren. Aber nicht über diese Umzüge will ich sprechen, sondern über einen, der noch gar nicht stattgefunden hat, der mir aber bevorsteht. Bevorstehen – merkwürdig, schon dieses Wort signalisiert: Es ist nicht etwas, worauf ich mich freue. Dabei heißt es eigentlich doch nur: Dieser Umzug liegt noch in der Zukunft. Ein Vierteljahr wird er mir noch bevorstehen.

Und warum freue ich mich nicht auf ihn? Ist die Wohnung, in die wir ziehen, nicht sogar etwas größer als die, die wir jetzt bewohnen? Und liegt sie nicht ebenfalls im Hochparterre? Und ist sie nicht sogar in sich abgeschlossen im Gegensatz zu unserer jetzigen, wo wir mit Nachbarn zusammen dasselbe Bad benutzen? Ja, sie bedeutet eindeutig eine Verbesserung! Ich sollte mich verflixt noch mal auf die neue Wohnung in der Roonstraße freuen, zumal sie auch noch 120 Quadratmeter Garten hinter dem Haus hat, in dem ein Sauerkirschbaum steht, dessen Früchte meine Mutter bestimmt zu einer unvergleichlichen Marmelade verarbeiten wird … Weshalb also steht mir der Umzug bevor?

Wenn ich ganz offen bin, muss ich zugeben: Ich empfinde ihn als sozialen Abstieg. Das Viertel wird Militärviertel genannt, da gibt es auch eine Hindenburg-, eine Spee- und eine Ludendorfstraße. Dort wohnen Angestellte und Beamte, während bei uns im Blumenviertel, in der Lilien-, Rosen- und Geranienstraße vor allem Rechtsanwälte und Ärzte zu Hause sind, also Leute, die sehr oft nicht nur im Haus wohnen, sondern dort auch ihre Praxis oder Kanzlei haben. Und das drückt sich auch in der Form der Häuser aus. Bei uns sind sie meist villenförmig, zwar auch aus Backstein, aber es gibt Balkons und Veranden, während die Wohnung in der Roonstraße mit drei anderen ebensolchen in einen schmucklos würfelförmigen Block gezwängt ist, und wie die Butter quaderförmig verpackt ist und die Margarine würfelförmig, so ist mir, als zöge ich aus dem Butterviertel in das Margarineviertel.

Und warum bekümmert mich das? Ich habe seit zwei Jahren eine Flamme, auf die ich zu Beginn als Sohn eines Anwalts meinte ein wenig herabblicken zu können. Aber dann entpuppte sie sich als Tochter eines Arztes mit sehr gut gehender Praxis, und wenn ich nun ins Margarineviertel ziehe, wird sie auf mich herabblicken. Spielen solche Dinge in der Liebe eine Rolle? Sie sollten keine spielen, aber ich fürchte, sie tun es nur allzu sehr. Phyllis bewohnt eine Villa am Wensiner See und fährt immer mit dem Rad durch die Lilienstraße, und das so schwungvoll, dass meine Mutter mal sagte: „Das ist eine richtige Walküre! An die mach dich mal ran!“ Einmal geriet sie auf Sand, das Rad rutschte unter ihr weg, sie stürzte, ich sah das und erstarrte vor Schreck. Dann aber nahm ich mich zusammen, lief hin und half ihr auf. Seitdem kennt sie mich ein bisschen, wir nicken einander zu, wenn wir einander begegnen.

Neulich stand sie im Schulchor neben mir und begrüßte mich mit „O, mein Retter!“ Das machte mich verlegen, weil es ja sehr übertrieben war. Wir sangen „Dir Seele, des Weltalls, o Sonne!“, und ich muss wohl trotz der schönen Musik recht mürrisch geguckt haben. Sie stupste mich mit dem Ellbogen an und flüsterte: „Lach doch mal!“ „Mir ist nach Lachen nicht zumute,“ sagte ich. „Was ist los?“ „Wir ziehen aus der Lilienstraße weg in die Roonstraße.“ „Und was ist daran schlimm?“ „Ich freu mich immer so, wenn du bei uns vorbeikommst!“ „Ich kann auch durch die Roonstraße nach Hause und zur Schule fahren, das ist Jacke wie Hose!“ „Wirst du das tun?“ Sie nickte: „Sag mir Bescheid, wenn ihr umgezogen seid!“

Jetzt kann ich mich auf den Umzug in die größere Wohnung mit Garten regelrecht freuen. Vielleicht mag Phyllis Sauerkirschmarmelade? Ich habe beschlossen, den Rat meiner Mutter zu befolgen. An diese Walküre mach ich mich ran! Wenn ich bloß wüsste, wie das geht … Aber hier wird mit roter Tinte „Thema!“ von Pädagogenhand an den Rand gekritzelt werden! Egal! Mir hat es Spaß gemacht, darüber zu berichten, was ein Umzug alles bewirken kann.




Anmerkung von Quoth:

So könnte ich das Thema mit 16 Jahren behandelt haben.

Hinweis: Du kannst diesen Text leider nicht kommentieren, da der Verfasser keine Kommentare von nicht angemeldeten Nutzern erlaubt.

Zur Zeit online: