London, im Jahre des Herrn 1387
Auf der London Bridge herrschte das übliche Gedränge. Händler schrien, Schweine grunzten, und zwei Weiber stritten um ein Huhn.
Lord Edmund of Ashcombe, Graf von Wiltshire, wartete auf seine Kutsche. Sein neuer Wams spannte über dem Bauch, der Wein beim Mittagsmahl war sauer gewesen, und ein Straßenjunge hatte ihn einen alten Herrn genannt.
Er war erst zweiundfünfzig.
Neben ihm saßen zwei Bettler auf einer Steinmauer.
„Der lange Tom hat wegen der roten Meg den Kopf verloren“, erzählte der eine, den sie Wat nannten.
„Schon wieder?“, fragte sein Gefährte Hob.
„Wieso wieder?“
„Gestern hast du gesagt, sie hätte ihm den Kopf verdreht.“
„Das ist doch dasselbe!“
„Dann muss der arme Kerl ja aussehen wie ein Korkenzieher.“
Wat lachte.
Der Graf verzog das Gesicht.
„Ist es unbedingt erforderlich, dass Ihr Euch in dieser Weise unterhaltet?“
Die Bettler blickten auf.
„Verzeiht, Euer Gnaden“, sagte Wat. „Wir wussten nicht, dass Ihr zuhört.“
„Eure Sprache ist eine Zumutung. Sie entbehrt jeder Ordnung und geistigen Verfeinerung.“
Hob sah seinen Freund an.
„Hat er uns gerade beschimpft?“
„Ich fürchte ja.“
„Womit?“
„Das habe ich nicht verstanden.“
„Dann war's vielleicht nicht schlimm.“
Der Graf richtete sich auf.
„Ich spreche von der Kunst, Gedanken in einer dem menschlichen Verstand angemessenen Form auszudrücken!“
Wat nickte anerkennend.
„Eine bemerkenswerte Kunst, Euer Gnaden. Und Ihr beherrscht sie?“
„In höchstem Maße!“
„Dann seid Ihr uns weit überlegen.“
„Daran besteht kein Zweifel.“
„Dürften wir Euch etwas fragen?“
Der Graf hob großzügig die Hand.
„Sprecht.“
„Wenn einer redet und der andere versteht ihn nicht – wer trägt dann die Schuld?“
„Selbstverständlich derjenige, der sich unverständlich ausdrückt.“
„Eine weise Antwort, Euer Gnaden.“
Wat wandte sich an Hob.
„Hast du den hohen Herrn verstanden?“
„Kein Wort.“
„Ich auch nicht.“
Der Graf lief rot an.
„Ihr unverschämten Schurken! Ihr wagt es, meine Bildung infrage zu stellen?“
„Niemals, Euer Gnaden. Nur ihren Nutzen.“
„Meinen Nutzen?“
„Den Eurer Bildung, hoher Herr. Wenn sie Euch nicht hilft, Euch verständlich zu machen, wozu dient sie dann?“
„Meine Sprache ist die Sprache des königlichen Hofes!“
„Das erklärt manches.“
„Was soll das heißen?“
„Nun, Euer Gnaden, Ihr sprecht wie am Hofe. Wir sprechen wie auf der Brücke. Nur befindet Ihr Euch gerade auf der Brücke.“
Hob nickte.
„Und nicht am Hofe.“
Der Graf presste die Lippen zusammen.
„Ein Mann von Stand erhebt sich durch die Erhabenheit seines Ausdrucks über die Niederungen des gemeinen Sprachgebrauchs!“
Wat sah bewundernd zu ihm auf.
„Das war außerordentlich schön gesagt.“
Der Graf lächelte.
„Ich danke Euch.“
„Was bedeutet es?“
Das Lächeln verschwand.
„Dass ein gebildeter Mann besser spricht als Ihr!“
„Ach so. Dann habt Ihr für einen kurzen Satz einen recht langen Weg gebraucht.“
Hob grinste.
„Und Euch unterwegs beinahe verlaufen.“
„Genug!“, donnerte der Graf. „Ich wurde von den besten Gelehrten des Königreiches unterrichtet!“
„Das muss ein Vermögen gekostet haben“, sagte Wat.
„Bildung hat ihren Preis!“
„Gewiss. Meine Mutter brachte mir das Sprechen bei. Sie verlangte keinen Pfennig.“
„Das hört man!“
„Allerdings. Und sie brachte mir noch etwas bei.“
„Was denn?“
„Dass man einen Menschen nicht deshalb für dumm halten soll, weil man ihn nicht versteht.“
Der Graf schnaubte.
„Eine höchst einfältige Weisheit.“
„Mag sein, Euer Gnaden. Aber sie hat mich bisher vor manchem Irrtum bewahrt.“
In diesem Augenblick erschien der Kutscher.
„Euer Gnaden, die Kutsche steht bereit.“
„Endlich ein vernünftiger Mensch!“
Der Graf wandte sich zum Gehen.
„Hoher Herr!“, rief Wat.
„Was wollt Ihr noch?“
„Dürften wir Euch um einen Pfennig bitten?“
„Nach all Euren Unverschämtheiten?“
Wat senkte bescheiden den Kopf.
„Verzeiht. Wir hatten gehofft, dass ein Mann von Eurer Bildung auch über eine entsprechende Großmut verfügt.“
Der Graf blieb stehen.
„Was wollt Ihr damit sagen?“
„Nichts, Euer Gnaden. Nur dass es gewiss bedauerlich wäre, wenn zwei ungebildete Bettler sich großzügiger zeigten als ein Mann von Eurem Rang.“
„Ihr wollt mich beleidigen!“
„Im Gegenteil. Wir möchten Euch Gelegenheit geben, Eure Überlegenheit zu beweisen.“
Der Graf betrachtete die beiden misstrauisch.
Dann griff er in seinen Geldbeutel und zog zwei Silberpfennige hervor.
„Da! Und nun verschont mich mit Eurem törichten Geschwätz!“
Wat verbeugte sich.
„Eure Großmut wird uns eine Lehre sein.“
Der Graf nickte zufrieden.
Wenigstens hatten diese Kerle am Ende begriffen, wem sie Ehrfurcht schuldeten.
Er stieg in seine Kutsche.
Als sie im Gedränge verschwunden war, betrachtete Hob die Münzen.
„Zwei Silberpfennige.“
„So ist's.“
„Für ein bisschen Gerede.“
„Nicht ganz“, sagte Wat. „Wir mussten ihm erst erklären, wie klug er ist.“
Hob lachte.
„Glaubst du denn, dass er wirklich klug ist?“
„Er spricht Latein, Französisch und kennt Wörter, die wir nicht einmal aussprechen können.“
„Und warum hat er dann nicht gemerkt, dass wir ihn zum Narren gehalten haben?“
Wat steckte seinen Pfennig ein.
„Weil er zu beschäftigt war, uns für Narren zu halten.“
Hob dachte darüber nach.
„Dann ist er also der Gebildete?“
„Ohne Zweifel.“
„Und wir sind die Dummen?“
Wat stand auf und klopfte sich den Staub vom Mantel.
„Natürlich, Hob.“
Er warf einen letzten Blick in die Richtung, in der die Kutsche verschwunden war.
„Aber solange er das glaubt, müssen wir nicht hungern.“
@Sigrun Al-Badri