Mai 1975

Erzählung zum Thema Aufbruch

von  Prinky

Es schien ihr vertraut. Dieses Kind, das nuckelnd an Mutters Brust lehnte. Natürlich, jetzt fiel es ihr wie den berühmten Schuppen von den Augen; Das war SiE!!
Ihre Mutter wiegte sie leicht und summte ein Kinderlied dabei. Carla bemerkte, wie sehr ihre eigene Mutter doch in der Mutterrolle aufzugehen schien. Eine Rolle, die sich sich versagte. Fast schien es ihr, als sollte sie immer wieder an ihr dunkelstes Kapitel erinnert werden. Sie versuchte ihrer Mutter in die Augen zu blicken, aber es war unmöglich. Schuld verhindert den klaren Blick.
Eingemümmelt in einem rosa Strampler sah sie so friedlich aus. Nicht wissend und ahnend, welches Leid ihr noch zustoßen würde in späterer Zeit. "Aber vielleicht ist dieses auch besser so," dachte sie sich.
Im Umfeld der Vertrautheit der Personen fiel ihr der Einrichtungsstil der siebziger Jahre auf. "Oje," lag es auf ihren Lippen, "bin ich froh in dieser Zeit NUR geboren worden zu sein! Wahnsinn, was sich doch in so kurzer Zeit so alles verändern kann!"

Sie versuchte ihrer Mutter etwas zu sagen, doch alle Mühe war umsonst. Wie getrennt durch meterdickes Glas, war sie nicht in der Lage sich irgendwie bemerkbar zu machen. Allein ihr Blick durfte ernten, was da gesäht wurde. Sie gab es einfach auf, und allmählich verblasste auch dieses Bild ihrer 31 jährigen Vergangenheit.

Januar 2005:

Irgendwie ging es Carla überhaupt nicht gut. War es die Flut an Bildern, die ihr Magenschmerzen bereitete, obwohl dies noch ihr kleinstes Problem darstellte? War die Sammlung aller Erfahrungen, die sich ihr noch einmal als Rückschau bot, einfach zuviel für sie? Vielleicht würde es besser, aber tief in ihrem Innern ahnte sie, daß sie bisher einfach viel zuviel falsch gemacht hatte, um ihren Leben eine besondere Stellung zu schenken.  Der Tod, so entgültig er auch wäre, hätte vielleicht aber auch den Sinn, endlich das Ende solcher Entgleisungen einzuleiten!?

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