Als sie aus Raben sprach

Symbolgedicht zum Thema Eigene Welt

von  AchterZwerg

Es war

als habe sich ihr Schweigen
magnetisch aufgeladen
nachdem der neue Zustand aufgekommen war
das Alter seinen Siegeszug begonnen hatte
wie einer dieser Wintertage
die sich als Nebel über ein Gewässer legen

Stille und sie

im Wohnzimmer stand und
von innen ein paar träge Raben beschaute
und wenn ein Vogel aufgestiegen und
verschwunden war, bloß wünschte
ihr Haus erschiene ihm als Ufer und die Wiese
als ein großes Meer und auf der anderen Seite
– läge das Leben

Kommentare zu diesem Text


 EkkehartMittelberg (06.12.19)
Hallo Pico, Raben sind sehr kluge Vögel und deswegen ist es eine gute Wahl, aus ihnen zu sprechen.
Liebe Grüße
Ekki

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Das stimmt wohl.
Neulich sah ich einen von oben herab Nüsse werfen, die er von einem Auto überfahren & knacken ließ, um sie dann eilig aufzuklauben.
Ich mag sie sehr.

Liebe Grüße
Pico

 Momo (06.12.19)
Das ist irgendwie berührend.

Zu mir sagte einmal eine ältere, auch kranke Frau, die hin und wieder schon demente Zustände hatte, an ihrem Küchentisch sinngemäß: Da draußen, dabei zeigte sie aus ihrem Fenster, ist das Leben, und es fließt ohne mich vorbei.
Das ist Einsamkeit im Alter, Stille, Leere, Schweigen - fällst du in den Graben, fressen dich die Raben.

LG Momo

 AchterZwerg antwortete darauf am 07.12.19:
Liebe Momo,
du ziehst einen traurigen aber passenden Vergleich. -
Einsamkeit trifft oft mit dem Versiegen eines inneren Feuers zusammen.
Gibt es nichts mehr, wofür es sich zu brennen lohnt, bleibt nur Asche. - Allerdings gilt dies ebenso altersübergreifend ...

Vielen Dank und herzliche Grüße
der8.

 niemand (06.12.19)
und auf der anderen Seite
– läge das Leben

Obiges scheint mir persönlich wie eine Hoffnung auf ein Leben
danach, ein besseres Leben, ein anderes als das mühselige irdische. Die "trägen Raben" sind die dem Diesseits Zugewandten.
Der "aufgestiegene und verschwundene" Vogel hingegen befindet sich auf einem Weg ins Höhere. Der Titel "als sie aus Raben sprach" mutet mich an wie ein : Das was diese Vögel jetzt tun
[die Trägen und der Hochgestiegene] das ist mein Reden, meine
Gedanken ums Hier und Dort. Das hier kenne ich, das Dort erträume/erdenke/ erhoffe ich mir. So in etwa lese ich dieses Gedicht. Mit lieben Grüßen, Irene

 AchterZwerg schrieb daraufhin am 07.12.19:
Genau, Irene. Das ist eine tolle Interpretation! :)
Selbst wenn man seine Wünsche nur auf das Diesseitige setzt, kann doch ein Meer zwischen dem Erfahrenen und dem eigentlichen Leben liegen.

Herzliche Grüße
Heidrun

 LotharAtzert (06.12.19)
Der erste Schritt zur Dichterwerdung ist immer jener von der Sentimentalität zur Melancholie. Der bleibt niemandem erspart, der geboren werden will.
Du bist auf einem guten Weg.

Ich bin stolz drauf, sagen zu können, der oberste Rabenflüsterer war ein Steinbock: Mr. Edgar Allan Poe.

greetse
Roy Bear

 AchterZwerg äußerte darauf am 07.12.19:
Danke schön, Lothar.
Da ich mich als Werdende begeife und immer begriffen habe, nehme ich deinen Kommenar als Kompliment.
Und wenn Mr. Poe von oben dazu lächelt, kennt mein Glück kaum noch Grenzen. ---
Gegen Steinböcke habe ich schon seinetwegen nichts, kann sie aber an mir selbst nicht leiden ... schon lange vor Erfindung pol. Doppelspitzen bin ich nämlich damit geschlagen worden; dabei wäre mir ein Wassermannaszendent viel lieber. Und erschiene passender! -
Da Geburtszeiten aber in den Wirren der Nachkriegsjahre nicht so genau vermerkt worden sind, glaube ich noch immer das einzig Denkbare ...:D

Gruß
der8.

 LotharAtzert ergänzte dazu am 08.12.19:
Du sprichst in Rätseln.
Geburtszeitkorrektur gehört zum Handwerkzeug eines guten Astrologen. Man braucht nur ein einschneidendes Ereignis.
Was ist das einzig Denkbare?
Sätzer (77)
(06.12.19)
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 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Lieber Sätzer,
da ich ebenfalls miserabel singe, passen die Vögel gut zu mir. :)

Liebe Grüße
der8.

 DanceWith1Life (06.12.19)
Ayayay, hast du eine nette Kommentarsammlung hier. Falls du Raben/Krähen auch so irrsinnig intelligent findest und dein Protagonist sich mit ihnen gegen den "Nebel" verbünden wollte..... sozusagen, für das Leben, wer weiß, was Magnetismus alles anziehen kann.-)´auf jeden Fall ein sehr schönes Bild

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Ja, ich liebe sie.
Sie sind schön, intelligent und wirken absolut furchtlos auf mich.
Eine unwiderstehliche Mischung ... *träum

 GastIltis (06.12.19)
Hallo Achtel,
Raben können komplexe Sätze sprechen. Obwohl heute fast niemand mehr über Konrad Lorenz redet, sollte man seine Erkenntnisse nicht ganz ausklammern.
Wie komplex die Sätze nun sind, wenn jemand aus ihnen, also den Raben, spricht, wäre interessant zu wissen. Zum Beispiel, hätten die aufgestiegenen Vögel noch die Absicht gehabt, eine Botschaft zu hinterlassen, oder haben sie sie hinterlassen und niemand hat davon etwas mitbekommen. Das ist natürlich nur ein Teil von Fragen, die die Komplexität des Textes, des Zustandes, der Aufladung, der immanenten Alterung, überhaupt der verwendeten Möglichkeitsformen nicht hinterfragt (blöder Begriff), sondern zu klären versucht. So wie jetzt ich.
Dabei lasse ich es aber mit lieben Grüßen, quasi als Iltis von außen.

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Ja,
das sind erstaunliche Vögel, die komplexe Aufgaben lösen können, obwohl es ihnen an der Großhirnrinde fehlt, die allgemein als Arbeitsspeicher höherer Denkfunktionen gilt.
Dafür sind sie mit Neuronen vollgepackt.
Und sie zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten, das offenbar zur Entwicklung von Intelligenz entscheidend beiträgt ... die vielleicht gerade deshalb bei Menschen rückläufig ist ...

Herzliche Grüße
der8.

 W-M (06.12.19)
sehr gut

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Danke schön, W-M

 TassoTuwas (06.12.19)
Das Leben im Alter suchen ist für einen schon schwer und wird für zwei nicht leichter, wenn die Erinnerung nichts mehr hergibt.
Möglicherweise verstehe ich alles falsch, trotzdem ist es ein beeindruckender Text
Herzliche Grüße
TT

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Nö, Tasso,
deine Deutung ist schlüssig und kann deshalb so falsch nicht sein. - Ein halbwegs gelungenes Gedicht birgt ja nicht nur eine, in jedem Falle aber deine Wahrheit.

Liebe Grüße
der8.

 TrekanBelluvitsh (06.12.19)
Was soll man sagen: Das Alter ist toll! Da wird alles besser! Ist bald 60 das neue 30? Wohl kaum. Und auch wenn man sich wie Maschmeier eine Mörtelfresse leisten kann, ist die einzige Frage, die sich stellt. Wen bescheißt man mehr? Sich selbst oder den anderen?

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Der Selbstbeschiss ist mit Sicherheit der schlimmere. Schon wegen des Gestanks, :D

ahnt
der naserümpfende8.

 juttavon (07.12.19)
Ein ruhiger, betrachtender Stil und doch voller Spannung.
Und eine feine Symbolik hast Du da gefunden. Sehr schön.

HG Jutta

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Danke, Jutta,
deine Zustimmung freut mich diesmal besonders, weil du - ebenso wie ich- dein Augenmerk gern auf Details lenkst und über jedes Bild, jeden Vokal nachdenkst. - Das entnehme ich deinen kundigen Kommentaren.

Liebe Grüße
der8.

 AvaLiam (07.12.19)
verehrter Achter...

...ich habs gestern schon gelesen...und heut Nacht...heut Morgen und nun noch einmal, ok 2...3...

Ich hab etwas gebraucht, alles zusammenzufügen - und am Ende blieb das, was ich am Anfang las und in jedem Lesen am lautesten klang und sich ins Echo zog.

Die Bilder dazwischen und Gedanken dazu sind schön - ich möchte sie nicht ausklammern oder ihren Stellenwert in Frage stellen. Sie verlieren sich nur ein wenig hinter der mir leuchtendsten Kulisse.
Vielleicht liegt das aber auch an meiner eigenen Verfassung.

Jedenfalls hallen DIESE Worte in mir besonders nach:

"Es war...Stille und sie"

flüsternde Grüße - Ava

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Diese korrespondierenden Verse mag ich ebenfalls am liebsten, Ava. :)
Bin deshalb im Nachhinein froh, dass ich sie an den Anfang und in der Mitte platziert und eine Leerzeile zum folgenden Enjambement gesetzt habe. Fast ohne nachzudenken ...

Liebe Grüße und vielen Dank
der8.

 Habakuk (07.12.19)
In aller Kürze: Gefällt mir. Stimmpt garantiert.

BG
H.

 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
:)

Errötende Grüße
der8.
Slivovic (49)
(07.12.19)
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 AchterZwerg meinte dazu am 07.12.19:
Hallo Slivo,
vielen Dank für deinen Kommentar.
Ich kenne dein Vorwissen nicht, gehe aber davon aus, dass du einiges über Lyrik weißt.
Metrum, Betonung, Tempo, Pausen und Enjambements sollen ja die Bewegung eines Gedichts harmonisch gliedern (Rhythmus).
Manchmal arbeite ich auch mit Gegenbewegungen (Staus).

Hier wird das Gedicht zunächst einmal durch die Hervorhebungen gegliedert. Das Regelhaft-Jambische der ersten Versgruppe steht mir hier für das Alter und wird durch "Stille und sie" gebrochen, um dann den Rhythmus zu ändern (auch durch die häufige Wiederholung des akustischen Weichmachers "und").
Vielleicht könnte es doch noch etwas im Diesseits geben oder im Jenseits sein ...

Schöne Grüße
der8.
Slivovic (49) meinte dazu am 07.12.19:
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Agneta (62)
(07.12.19)
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 AchterZwerg meinte dazu am 08.12.19:
Liebe Agneta,
die Sache mit der Podologie lässt hoffentlich noch etwas auf sich warten. - Vorher gönne ich mir erstmal eine diplomierte Fensterputzerin!
Vielen Dank für deinen gepflegten Kommentar

der8.
una (56)
(08.12.19)
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 AchterZwerg meinte dazu am 09.12.19:
Danke schön, una.
Bezogen auf die Weisheit bin ich mir nicht so sicher ...

Liebe Grüße
der8.
Al-Badri_Sigrun (61)
(11.12.19)
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 AchterZwerg meinte dazu am 11.12.19:
Da bist du ja wieder, liebe Sigrun! :)
Ich hatte dich schon vermisst.

Herzliche Grüße und ebensolchen Dank
der8.
Sin (55)
(21.12.19)
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 AchterZwerg meinte dazu am 21.12.19:
Danke schön, Sin.

Willst du / musst du jetzt alle verpassten Werke abarbeiten? - Auch kein leichtes Vorhaben ...

Mitfühlende Grüße
der8.
Sin (55) meinte dazu am 21.12.19:
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 harzgebirgler (20.10.20)
wer weiß was raben so erscheint bisweilen
und wie sie drob vielleicht dann gar urteilen.

lg
harzgebirgler

 AchterZwerg meinte dazu am 20.10.20:
Ich mag Raben jedenfalls. Und Krähen. :)

 RainerMScholz (19.10.21)
Im Herbst krähen nicht die Kanarienvögel.
Grüße,
R.

 AchterZwerg meinte dazu am 19.10.21:
Das stimmt.
Im Käfig gehaltene Kanarienvögle (und alle anderen auch), sind mir eh ein Gräuel. Ob sie krähen oder nicht.
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