Der Stau - Kap. 3

Geschichte zum Thema Ausweglosigkeit/ Dilemma

von  Manzanita

„Ich wollte ja eigentlich nicht. Und vielleicht kam dann deswegen auch der ganze Stress, keine Ahnung. Aber er wollte halt unbedingt mein Handy haben. Er hat praktisch danach geschrien. Das war… Ich wollte es ihm halt nicht geben. Und dann wurde ich halt langsam wütend. Der wollte nicht verstehen, dass ich ihm nicht das Handy geben konnte. Und der hat so geschrien.“

„Warum wollten Sie Ihrem Sohn denn nicht das Handy geben?“

„Naja, überlegen Sie mal. Wir stehen im Stau. Nirgends ist ein Ende zu erkennen und das schon seit Stunden. Ich dachte, vielleicht wollten wir, wenn das so weiter geht irgendjemanden anrufen. Sonst denken ja alle, dass wir tot sind oder so ähnlich. Und dafür brauchen wir halt das Handy. Und wir hatten auch nicht das Ladekabel dabei, also dachte ich, wir sollten mal lieber sparen mit dem Akku.“

„So wollen Sie das dann auch im Gericht sagen?“

„Ja, wie denn sonst? Ich meine, glauben Sie mir nicht?“

„Na gut, dass ist Ihre Wahl, wenn Sie dann in den Knast kommen… Es ist halt wirklich ziemlich merkwürdig, was sie da von diesem Stau erzählen. Der Rest der Geschichte ist ja relativ verständlich, aber dieser Teil, vielleicht sollten Sie den noch ein bisschen abändern, meinen Sie nicht?“

„Also, ich erinnere mich daran und deswegen dachte ich, ich sollte das dann auch so behaupten, oder macht man das heutzutage anders?“

„Nein, nein, ist schon gut, wenn Sie meinen… Aber das ist ja noch nicht alles, erzählen Sie mal, was ist danach passiert?“

„Naja, dann kann ich mich nicht mehr so gut an alles erinnern. Ich weiß noch, dass irgendwann Paul einfach ausgestiegen ist. Wir standen ja im Stau und… Da hat er einfach die Tür aufgemacht und ist raus. Am Rand der Autobahn gibt es ja immer ein bisschen grün, halt Büsche oder kleine Bäume oder so. Und da hat er sich dann versteckt. Das war, das können Sie sich nicht vorstellen, Sie haben ja keine Kinder, oder?“

„Nein, keine Kinder. Erzählen Sie weiter.“

„Ich bin dann natürlich ihm hinterher. Und, ja, und den Rest wissen Sie ja schon.“

„Dann haben Sie Paul eine verpasst.“

Stille.

„Verstehe, danke, ich werde mal die Verteidigung vorbereiten, ich rufe Sie dann, wenn ich fertig bin. Sie können jetzt erst mal gehen.“

„Danke, tschüss!“

„Auf Wiedersehen!“

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