Der Stau - Kap. 14

Geschichte zum Thema Ausweglosigkeit/ Dilemma

von  Manzanita

Das ist schon lange her. Damals hattest du noch keinen Stiefvater. Deine Mutter hatte deshalb schon ziemlich viel Stress hinter sich. Ihr wart beide auf dem Weg zu eurer Tante. Naja, vielleicht war es auch irgendjemand anders, auf jeden Fall irgendein Familienmitglied.

Es war völlig verständlich, man konnte voraussehen, was passieren würde. Aber du hast auch mitgespielt.  [Tiefer Blick] Du hattest Hunger. Das war grässlich für deine Mutter. Sie hätte ja vielleicht noch geschafft, genügend Essen und Trinken für sich selbst zu besorgen, aber noch dazu für dich; das war dann doch zu viel. Da musste sie drunter leiden.

Du hast natürlich auch sehr darunter gelitten, klar. Immerhin konntest du nicht alle deine Bedürfnisse erfüllen. Anfangs hast du das nicht verstanden, da hast du deine Mutter beschuldigt und geheult, damit sie dir mehr Essen gibt. Irgendwann hast du dann aber gemerkt, dass sie nicht an allem schuld ist, sondern der Stau. Darüber haben sich viele sehr gewundert. Du warst ziemlich klein und zu dem Zeitpunkt hätte man noch nicht so viel Verständnis von dir erwartet, wenn ich das mal so sagen darf.

Glücklicherweise hat das Ganze nicht wirklich sehr lange gedauert, ehrlich gesagt eher kurz. Deine Mutter konnte nicht anders, sie musste sich der Situation anpassen. Außerdem musste sie dir sehr dankbar sein, weil du sie einen Tag lang “fast” in Ruhe gelassen hast. So konnte sie sich ein bisschen ausruhen. Denn der Stau auf einer Autobahn (zumindest nach meiner Vorstellung) dürfte ja nicht wirklich besonders stressig sein, denn nach ein paar Tagen, die man verspätet am Ziel ankommt, ist sowieso fast alles egal, oder?

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