Gyllis

Parabel zum Thema Verführung

von  Quoth

Mit ihrer schweren Tasche ging sie vor mir her. Sie trug ein graues Reisekostüm und einen altmodischen Knoten. Ich mag es, wenn Frauen ihr Haar nach hinten zusammenfassen, in welcher Form auch immer, und wäre ihr, verzaubert von diesem Detail, beinahe in das düstere Haus hinein gefolgt, das sie betrat. War sie Ärztin? Die Tasche ähnelte den Taschen, die Ärzte in Filmen immer bei sich haben, damit man auch gleich erkennt, dass es ein Arzt ist. Ob sie die bei Hausbesuchen auch heute noch mit sich führen, weiß ich nicht, ich glaube, Hausbesuche sterben aus. Ich schlenderte durch die schlafende Stadt mit ihren Treppengiebeln und Gruben und dachte an meinen Großvater, der hier bei Kistenmaker & Co. den Beruf des Kellermeisters erlernt hatte und durch Mouton Cadet zum Trinker geworden war. Um mich nicht zu verlaufen, wählte ich den gleichen Weg zurück. Und zu meiner Freude begegnete ich der Taschenträgerin, wagte es, ihr in das wundersymmetrisch geschnittene Gesicht, in das kein einziges Haar fiel, mit den ausgeprägten Brauen zu schauen. Sie erwiderte meinen Blick, kam auf mich zu, öffnete ihre Tasche und fragte: „Haben Sie einen Wunsch?“ Ich riss meinen Blick von diesem hypnotischen Antlitz los; eine Fülle winziger Ampüllchen war in der Tasche in eine Vielzahl von Fächern geordnet. „Was ist das alles?“, wollte ich wissen, sie schloss lächelnd die Tasche und empfahl mir einen Besuch bei ihrem letzten Kunden. So betrat ich nun doch noch das düstere Haus und wurde von Alois Stubenrauch, Typus rüstiger Rentner, braungebrannt mit Oberlippenbärtchen, kühl empfangen, aber als er erfuhr, weshalb ich kam, lachte er und rief: „Wenn Gyllis selber Sie geschickt hat, sind Sie willkommen! Sie ist meine Hauspharmazeutin. Sicherlich soll ich Ihnen diese Ampullen erklären. Ich verkehre in verschiedenen Strukturen, heutzutage spricht man auch von Blasen. In dieser orangen Struktur will man uns das Reisen ausreden, ich spritze mir eine orange Ampulle und sofort ist mir klar: Ich muss den aus mehreren Schloten Lava speienden Vulkan auf La Palma preisen, weil er die Touristen dahin jagt, wo sie hingehören: Nach Hause! Und gibt es nicht einen neuen Fall von COVID-19 auf einem Kreuzfahrtschiff? Warum diese Mengen vergreisender Babys, die ihre schlaffe Biomasse in die ganze Welt schleppen? Nehme ich die lila Ampulle, kann ich in der Blase der Impfgegner laut losheulen: Jetzt wollen sie auch noch unsere 5jährigen Kinder und Enkel totspritzen! Corona-Diktatur! Ungeimpfte ins KZ! Und Bill Gates ist Jude! Am liebsten würde ich auswandern – aber wohin? Überall Impfpflicht! Und habe ich eine rosa Ampulle intus, dann fällt mir sofort ein, was ich in der Blase der Gutmenschen zu verlautbaren habe: Wir schaffen das! Umvolkung juchhei …“ Ich wisse nun genug, unterbrach ich den Redefluss des offenbar Süchtigen und ging. Vor der Haustür stand die schöne Gyllis und hielt mir, eine leibhaftige Pandora, die offene Tasche entgegen. „Haben Sie auch eine Ampulle, die zum Schweigen bringt?“ „O ja,“ erwiderte sie, „aber die bekommen Sie – noch – nicht. Zuerst trinken wir bei mir einen Kaffee – oder auch einen Mouton Cadet, okay?“


Anmerkung von Quoth:

Mouton Cadet ist ein Bordeaux-Wein aus dem Haus Rothschild.

Zur Zeit online: