Mein Berufswunsch

Essay

von  Quoth

Kann man mit fünfzehn schon wissen, was man werden will? Diese Frage meldet Kritik an der Themenstellung an, für die ich um Verzeihung bitte. Wünsche habe ich viele, aber ob sie in Erfüllung gehen, weiß der Geier. Redet man so in einem Schulaufsatz? Sicherlich nicht, aber ich kann meine Lustlosigkeit einfach nicht verheimlichen. Ewig wird man nach dem Berufswunsch gefragt, als ob es auf den überhaupt ankäme. Mein Vater hat einen Kollegen, einen feinen Mann. Der wollte Forscher werden und studierte zu diesem Zweck Geographie. Aber er wollte nicht allein forschen, und so war er froh, als er einen Freund fand, den er zum Forschen zu bekehren hoffte. Aber der Freund bekehrte ihn – zum Jurastudium. Daran möge man denken, wenn ich hier die felsenfeste Absicht äußere, Tiefseeforscher zu werden. Mein Vorbild ist Hans Hass, der freilich nur ein Flachseeforscher ist. Neulich kam er zu einem Vortrag in die Stadt. Vielleicht sollte man jemanden, den man aus Büchern kennt, in der Wirklichkeit nicht kennenlernen wollen. Es gibt eine Enttäuschung, und das Buch verliert seinen Zauber. Zum Geburtstag habe ich Flossen gekriegt, grüne Froschfußflossen, die mir den großen Zeh fast abbrechen. Ich habe sie schon beiseite geworfen. Man muss nicht mit dem Flösseln anfangen, wenn man Tiefseeforscher werden will. Dafür besteigt man eine Tauchkugel, in der es sich gemütlich sitzen und lesen lässt wie daheim auf dem grünen Sessel, falls den jemand kennt. Natürlich kann man hinausschauen und glotzende Kraken betrachten. Interessieren mich die? Ich weiß es nicht. Vielleicht geht es mir mehr um die Tiefe und Abgeschiedenheit dort unten. Zehn Kilometer Wasser über dem Kopf zu haben, verleiht ein Gefühl von Sicherheit. Mit Tonnenschwere lastet diese Sicherheit auf der Tauchkugel, und hat sie auch nur eine schwache Stelle, so wird sie auf Nadelkopfgröße zusammengestaucht. Oder etwa nicht? Natürlich nicht. Mit der Kraft eines Schusses würde das Wasser durch das winzige Leck spritzen und Kugel und Insassen anfüllen, bis Innen- und Außendruck ausgeglichen sind. Forschertod! Ich sehne mich nicht danach und nehme von diesem Berufswunsch dankend Abschied. Soll doch die Tiefsee für immer unerforscht bleiben! Da gibt es Schiffsfriedhöfe, die nicht gestört werden wollen. Putzige Leuchtfische umkreisen die Gerippe der ertrunkenen und verschollenen Seeleute, Algen wachsen aus ihren Augenhöhlen, und der junge Tintenfisch spielt mit spanischen Dublonen. Ach, was ich suche, wird es nur geben, solange es keiner sieht! Wie ich mich sehne nach einem Ort, den niemand betreten darf, auch ich nicht! Aber ich als einziger würde wissen, wie schön er ist, ich würde an seinem Eingang weilen und warten, mir die Gefilde, die mir verboten sind, in allen Farben ausmalend. Ich sollte Bittsteller werden. Bittsteller ist ein Beruf für Leute wie mich, die die Sehnsucht mehr lieben als das Ziel. Als Bittsteller wird man mit hübscher Regelmäßigkeit abgewiesen, hat Grund, sich zu empören und sich zu sehnen. Worum aber kann man heutzutage mit garantiertem Misserfolg bitten? Wird uns nicht alles erfüllt, ja, nachgeworfen? Es verdrießt mich, wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit ich gute Zensuren schreibe, besonders im Aufsatz. Mit diesem freilich hoffe ich die verdiente Fünf herausgeschunden zu haben, und wenn dafür noch etwas fehlt, soll es der folgende Satz sein: Haben Sie, lieber Herr Studienrat, etwa in meinem Alter schon irgendeinen ernstzunehmenden Berufswunsch gehabt? Ermessen Sie an der Antwort den Schwachsinn der Themenstellung. Warum vergessen die Erwachsenen, was jung sein heißt? Wäre ich ein Mädchen, hätte ich es leichter in der Berufsfrage. Ich könnte mich auf die Natur, die mir das Kinderkriegen vorschreibt, berufen und wäre fein aus dem Schneider. Bestimmt tun das auch viele der werten Damen, die ich über ihren Heften ganz unfein schwitzen sehe, oder aber sie setzen etwas Krankenschwester- oder Kindergärtnerinnenhaftes in die Welt. Das sind Berufe, die zu ergreifen eine Ehre sein mag, die sich aber kein vernünftiges Mädchen wünscht. Wäre ich Mädchen, ich würde mir wünschen, ein Mann zu sein, denn nur als Mann hat man eine anständige Berufschance. Mädchen können höchstens Schauspielerinnen werden, und ob ihnen das bekommt, ist die Frage. Der erste Liebhaber betet sie an, der zweite verachtet sie schon ein wenig, der dritte stößt sie mit dem Fuß beiseite und überlässt sie dem Alkohol. Frau und Mutter, das ist es, was man als Mädchen anpeilen muss, und das ist noch nicht einmal das Schlechteste. Als Junge aber muss man zusehen, dass man immer stark ist, und es kann Ausdruck von Stärke sein, nicht zur Unzeit mit einem Berufswunsch zu prunken.




Anmerkung von Quoth:

Wieder ein Aufsatzthema aus den 50er Jahren, dem ich mich erneut stellte.

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Kommentare zu diesem Text


 Augustus (23.04.22, 21:38)
Na ja, weit aus dem Fenster gelehnt, wenn ein Herr in die Rolle eines Mädchens schlüpft, um aus der Perspektive zu argumentieren, was das Beste für die Mädchen ist. 
Es wundert mich, dass die weiblichen Leser hier auf KV gar nicht auf die Barrikaden gehen.

 Quoth meinte dazu am 23.04.22 um 23:06:
Du verkennst oder hast nicht mitbekommen, dass der "Herr", der sich da aus dem Fenster lehnt, mein 15jähriges Ich etwa im Jahr 1956 ist. Die weiblichen Leser hier (wenn es sie denn gibt) haben das im Gegensatz zu Dir vielleicht mitgekriegt. Gruß Quoth

 Dieter_Rotmund antwortete darauf am 24.04.22 um 09:37:
Sog. "Figurenrede", lieber Augustus.

 Dieter_Rotmund (24.04.22, 09:36)
Herrlich!

 Quoth schrieb daraufhin am 03.05.22 um 10:40:
Vielen Dank!

 AlmaMarieSchneider (02.05.22, 23:02)
Na, als "Mädchen" muss ich doch widersprechen. Mit 15 war mein Wunsch keineswegs Frau und Mutter zu werden.
Ich halte das Aufsatzthema für verfehlt, so verfehlt wie damals viele Schulabgänger sich notdürftig, weil gedrängt, für den falschen Beruf entschieden haben.
Irgendwie hat mich Dein Aufsatz wieder in diese Zeit geworfen und ich denke mit Grausen daran, dass uns das gleiche Thema vorgesetzt wurde.

Liebe Grüße
Alma Marie

 Quoth äußerte darauf am 03.05.22 um 10:39:
Du hast Dich ja auch für einen alles andere als typisch weiblichen Beruf entschieden und bist Elektrotechnikerin geworden. War es die richtige Entscheidung? - fragt den Hut ziehend Quoth

 AlmaMarieSchneider ergänzte dazu am 03.05.22 um 12:21:
Lieber Quoth,

erst mal nicht. Ich habe Grafik-Design studiert und mich später umorientiert.
Jetzt hoffe ich noch etwas meine künstlerische Ader leben zu können.
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